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gesprochen von Markus Kambeck

 

Römische Zeit

Die Besiedlung des Oberrheingebietes

„Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae, aliam Aquitani, tertiam qui ipsorum Celtae, nostra Galli appellantur.“ (Ganz Gallien zerfällt in drei Teile: In dem einen leben die Aquitanier und in einem dritten die Völker, die in der Landessprache Kelten heißen, bei uns jedoch Gallier.) Mit diesen Worten beginnt der berühmte Bericht des römischen Statthalters und Feldherren Gaius Julius Caesar (100-44 v. Chr.) über den Gallischen Krieg. Unter seinem Kommando wurde das heutige Frankreich zwischen 58 und 50 v. Chr. bis an den Rhein unterworfen, zwischen 55 und 53 v. Chr. sogar mehrfach der Rhein im Gebiet des Neuwieder Beckens kurzfristig überschritten. Hauptanliegen dieser Aktion war es, die Stärke Roms zu demonstrieren, nicht jedoch die Eroberung der rechtsrheinischen Gebiete. Somit war ganz Gallien der römischen Herrschaft unterstellt und der Machtanspruch im Nordosten bis an den Rhein ausgedehnt. Bereits unter Caesar wurde 45/44 v. Chr. mit der Colonia lulia Equestris bei Nyon in der Schweiz die erste römische Kolonie auf dem Boden der späteren Provinz Germania Superior (Obergermanien) gegründet. Ein Jahr später erfolgte die Gründung der Colonia Raurica (Augst), die wahrscheinlich bald darauf verlassen und unter Kaiser Augustus (31 v. Chr. – 14 n. Chr.) im 2. Jahrzehnt v. Chr. neu gegründet wurde. Zu den frühesten Spuren der Römer im Raum Karlsruhe zählt ein Bronzeeimer mit angelöteten, gegossenen Stollenfüßen und mit Silen­ Masken als Henkelattaschen. Er wurde bei Knielingen bei Baggerarbeiten in einer Kiesgrube geborgen. Der in Italien gefertigte Eimer stammt aus dem frühen 1. Jahrhundert n. Chr. Möglicherweise wurde dieser Eimer beim Überqueren des Rheins oder beim Transport auf dem Fluss verloren, denn in jener Zeit hatten die Römer noch keine Siedlungen hier in unserer Region rechts des Rheines gegründet.

Römischer Bronzeeimer vom Anfang des 1. Jahrhunderts n. Chr. Der Eimer wrude bei Baggerarbeiten in Maxau in einer Kiesgrube geborgen.

Römischer Bronzeeimer vom Anfang des 1. Jahrhunderts n. Chr. Der Eimer wrude bei Baggerarbeiten in Maxau in einer Kiesgrube geborgen.

Obwohl somit die römischen Truppen bereits vor der Mitte des 1. Jahrhunderts am Rhein anzutreffen waren, dauerte es noch mehr als 100 Jahre, bis eine dauerhafte Besetzung und Besiedlung im Gebiet um Karlsruhe zu verzeichnen   ist. Zuerst wurde unter Kaiser Claudius (41-54 v. Chr.) bei einem neuerlichen   Versuch Germanien zu besetzen die Rhein-Donau-Linie aufgebaut. Zuvor hatte die römische Politik bei der Schlacht im Teutoburger Wald bei Kalkriese (Osnabrück) im Jahre 9 n. Chr. einen Rückschlag hinnehmen müssen. Vielleicht erfolgten einige militärische Aktionen bereits unter seinem Vorgänger, dem Kaiser Caligula (37 -41 n. Chr.). Wahrscheinlich bestand eine Verbindung von Hüfingen nach Westen in das Rheintal und band dabei die Kastelle von Riegel und Sasbach mit ein. Wenige Jahre später, 68 und 69 n. Chr., er schütterten der Aufstand des Statthalters der Gallia Lugdunensis C. lulius Vindex in Gallien, ein Bürgerkrieg in Rom und das daraus resultierende Dreikaiserjahr das Reich. Aus dem Ringen um die Macht ging Kaiser Vespasian (69-79 n. Chr.) als Sieger hervor. Der Feldherr war in den 40er Jahren Legionskommandant in Straßburg und kannte daher die Verhältnisse in Obergermanien aus eigener Anschauung. Die Ereignisse von 68/69 n. Chr. verdeutlichten die Bedeutung von ausgebauten Kommunikationswegen. Aus diesem Grund veranlasste der neue Kaiser den Bau einer direkten Verbindung zwischen Rhein und Donau; die sogenannte Kinzigtalstraße im Jahre 72/73 n. Chr. wurde unter dem Legaten Cnaeus Pinarius Cornelius Clemens errichtet. Diese führte von Straßburg (Argentorate) Richtung Südosten über Offenburg durch den Schwarzwald bis nach Rottweil und Hüfingen. Über den Bau dieser Ost-West­Verbindung informiert der Meilenstein von Offenburg. Jedoch waren die Maßnahmen in diesem Gebiet wohl weiterreichender. Der Legat erhielt schließlich für seine Tätigkeit die Triumphalinsignien, ein Umstand der ansonsten mit militärischen Verdiensten in Verbindung gebracht wird. Zusätzlich zielte die vespasianische Militärpolitik auf eine Besetzung des unteren Neckartales (Ladenburg und Heidelberg-Kirchheim) und des rechtsrheinischen Oberrheingrabens. Deshalb ist, anders als im südbadischen Raum, eine römische Militäranwesenheit erst seit den 70er Jahren des ersten nachchristlichen Jahrhunderts zwischen Baden-Baden im Süden und Ladenburg im Norden nachweisbar. Verbunden wurden die genannten Orte ebenso wie Heidelberg und Groß-Gerau und weiter im Norden Mainz, dem Sitz des Statthalters, durch die sogenannte Rheintalstraße. Sie verlief auf der rechten Rheinseite und wurde u. a. im Hardtwald beobachtet. In Folge wurde nach und nach das römische Straßennetz erweitert und durch Kastelle gesichert. Bekanntestes Beispiel in unserer Gegend ist sicherlich das Kleinkastell von Waghäusel-Wiesental, das wahrscheinlich Anfang der 70er Jahre errichtet wurde.

Römische Besiedlung in der Umgebung von Karlsruhe.

Römische Besiedlung in der Umgebung von Karlsruhe.

Außer aus Grünwinkel verweisen in der näheren Umgebung Funde aus dem benachbarten Knielingen und aus dem Gräberfeld von Mörsch, St. Johann, in die Zeit des flavischen Kaisers Vespasian (69-79 n. Chr.). Besonders die Funde aus Knielingen waren für die Militärhistoriker lange Zeit von Interesse. Dort wurden im Tiefgestade unterhalb eines spornartig zum Rhein vorspringenden Ausläufers des Hochufers die Reste eines römischen Brandgräberfeldes mit 44 Bestattungen freigelegt. Die frühesten Bestattungen setzen in frühflavischer Zeit (69-79 n. Chr.) ein. Dieser frühe Zeitpunkt führte dazu, dass die Forschung in Knielingen lange Zeit ein rechtsrheinisches Brückenkopfkastell vermutet hat. Heute hält man diese Gräber eher für Hinweise auf eine zivile Siedlung der einheimischen provinzial­römischen Bevölkerung. Die zu den Gräbern zugehörige Siedlung wurde bislang nicht gefunden. Man kann sie aber sicherlich auf dem überschwemmungssicheren Hochufer unter dem alten Ortskern vermuten.

Grabungsdokumentation des Gräberfeldes von Knielingen aus dem Jahr 1911.

Grabungsdokumentation des Gräberfeldes von Knielingen aus dem Jahr 1911.

Früh- oder möglicherweise sogar vorflavisches (d. h. Material aus der Zeit 69 n. Chr.) nichtrömisches Fundmaterial steht im Zusammenhang mit germanischen Siedlern, den Oberrheinsweben. Diese lebten rechts des Rheines und wurden häufig im Vorfeld von Legionen und Hilfstruppen angesiedelt. Hintergedanke der wohl gezielten Aufsiedlung, die ohne das Einverständnis der römischen Armee kaum vorstellbar war, war sicherlich eine Pufferzone zwischen Römern und Germanen zu errichten und somit einen zusätzlichen Schutz vor plötzlichen Überfällen zu erhalten. So wurden beispielsweise in Groß-Gerau, Ladenburg oder in Diersheim gegenüber von Straßburg Keramik und Befunde beobachtet, die den Sweben zuzuordnen sind. In Ladenburg wurden unter den Kaisern Tiberius (14-37 n.Chr.) oder Claudius (41-54 n.Chr.) Neckarsueben angesiedelt. Aber nicht nur im Vorfeld von militärisch besetzten Plätzen wurden Gräber, Grubenhäuser oder Funde der Oberrheinsweben beobachtet, sondern auch an zivilen Plätzen sind Spuren der Germanen festzustellen. Dies gilt beispielsweise für die Mannheimer Siedlungen von Seckenheim und Wallstadt.

Größere Siedlungen bzw. Zentralorte im Großraum Karlsruhe, die bereits im ersten nachchristlichen Jahrhundert gegründet wurden, sind im Süden Baden-Baden und weiter im Norden Ladenburg. Mitte der 80er Jahre des 1. Jahrhunderts n.Chr. wurde die Provinz Obergermanien (Provincia Germania Superior) mit der Provinzhauptstadt Mainz (Mogontiacum) eingerichtet. Rund zwei Jahrzehnte später, Anfang des 2. Jahrhunderts entstand der sogenannte Neckar- und Odenwaldlimes. 106 n. Chr. oder später wurden die Kastelle in Ladenburg und Heidelberg-Neuenheim aufgegeben.

Auch änderte sich die Verwaltung. Das zunächst nur dem Fiskus, d.h. der kaiserlichen Verwaltung unterstellte Limeshinterland erfuhr unter Kaiser Trajan (98-117 n.Chr.) Anfang des 2. Jahrhunderts eine Verwandlung in eine zivile Verwaltungsstruktur und wurde in Verwaltungsbezirke (sogenannte Civitates) gegliedert. So entstanden in dem heutigen Landkreis Karlsruhe die Gebietskörperschaft der Civitas Lopodunum mit Ladenburg als Hauptort und im Süden die Civitas Aquensis mit dem Hauptort Baden-Baden. Portus, das römische Pforzheim, das im Osten an die beiden Gebietskörperschaften angrenzte, war ebenfalls Civitashauptort.

In den 20er Jahren des 2. Jahrhunderts erfolgte rechtsrheinisch ein weiterer Siedlungsschub. In diesem Zusammenhang entstanden größere Siedlungen an Straßenkreuzungen wie die Niederlassungen von Stettfeld und Wiesloch, die ebenso wie Ettlingen an der römischen Bergstraße, entlang der Vorbergzone von Kraichgau und Schwarzwald liegen. Auch der an der Bergstraße liegende Gutshof von Durlach wurde in dieser Zeit errichtet.

Ihre Blüte erlebten die Siedlungen im rechts-rheinischen Obergermanien in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. und zu Beginn des 3. Jahrhunderts. Aber bereits 213 n. Chr. führte ein Präventivkrieg des Kaisers Caracalla (211-217 n.Chr.) von Rätien11 aus in das germanische Siedlungsgebiet nördlich des Limes und veranschaulicht am besten das angespannte politische Klima. Spätestens in den 30er Jahren des 3. Jahrhunderts in der Regierungszeit des Kaisers Severus Alexander(222-235 n.Chr.) verschlechterte sich die innenpolitische, wirtschaftliche, außenpolitische sowie möglicherweise auch die ökologische Situation des römischen Reiches weiter. Innen­politisch etablierte sich die Regierungsform des Soldatenkaisertums. Es folgte eine Anzahl kurz regierender Kaiser, die sich aus dem Militär rekrutierten. Die Bildung politischer Kontinuität wurde dadurch verhindert. Außenpolitisch gerieten die Grenzen im Osten und Westen unter Druck. An der Westgrenze, dem Gebiet des obergermanisch-rätischen Limes führten Alamannen und Franken immer wieder Plünderungszüge durch, die bis weit in das Landesinnere, bis nach Gallien, Italien, Spanien und sogar bis nach Nordafrika reichten. Nach den Einfällen in das rechtsrheinische Obergermanien wurden die unbefestigten Siedlungen und deren Baulichkeiten häufig nicht mehr aufgebaut oder nur notdürftig repariert. Die Bewohner der Gutshöfe und wohl auch die Bewohner von größeren Siedlungen resignierten, hatten kein Geld mehr und wanderten wohl zunehmend ab.

259/260 n.Chr. geriet Kaiser Valerian (253-260 n.Chr.) auf einem Feldzug gegen die Perser in Gefangenschaft. Daraufhin kommt es in den nördlichen Provinzen zu einem Abspaltungsversuch. Dieser war wahrscheinlich hauptsächlich darauf ausgerichtet, die Situation vor Ort zu stabilisieren und gleichzeitig die wiederholten Truppenabzüge für den Krieg im Osten zu vermeiden. Keine Anzeichen deuten darauf hin, dass nach erfolgreichen Abwehrkämpfen von Seiten Roms versucht wurde, einen Wiederaufbau zu organisieren und zu unterstützen. Wohl unter diesen Vorzeichen ist das „Gallische Sonderreich“ (260-273 n.Chr.) zu verstehen, das die gallischen, germanischen, und zeitweise die spanischen Provinzen sowie Rätien und Britannien umfasste. Keiner der Usurpatoren legte offenbar Wert darauf, seine Herrschaft über das ganze Römische Reich auszudehnen.

Zusätzlich wurde auf Druck der angrenzenden Germanen in den Jahren 260-275 n.Chr. der obergermanische-rätische Limes und somit das Gebiet des rechtsrheinischen Obergermanien und Teile des Gebietes nördlich der Donau aufgegeben. Das Militär zog sich auf die linke Rheinseite zurück und die Militärgrenze wurde in Folge auf die Rhein-Iller-Donaulinie zurück verlegt. Ein Großteil der Bevölkerung wanderte in das Gebiet westlich des Rheins und der Donau ab, das bis in das 5. Jahrhundert hin in römischem Besitz war. Trotzdem verblieb, wie neuere Forschungen zeigen, eine römische Restbevölkerung in dem Gebiet östlich des Rheins. Trotz der militärischen Aufgabe des rechtsrheinischen Limeslandes versuchte Rom, dieses Gebiet weiterhin unter seiner Kontrolle zu halten. Eine dieser Sicherungsmaßnahmen war die Anlage von Kleinbefestigungen beispielweise in Form eines mächtigen Wehrturmes mit seitlichen Flügelmauern (Schiffslände), sogenannten burgi, entlang des Rheins. Teile dieses Verteidigungssystems sind aus dem Rhein-Neckar-Mündungsgebiet beispielsweise aus Mannheim-Neckarau oder Ladenburg bekannt. Hauptsächlich wurden diese neuen Befestigungen auf der linken Rheinseite wie z. B. in Speyer, Germersheim, Rheinzabern beobachtet. Im Raum Karlsruhe fehlen sie bislang auf der rechtsrheinischen Seite.

Weitere Hinweise auf eine Restbevölkerung im rechtsrheinischen Gebiet sind Münzfunde, die eine Nord-Süd-Verbindung durch den östlichen Oberrheingraben anzeigen. Außerdem ist eine Abzweigung   Richtung Osten nach Pforzheim festzustellen. Dieses Münzspektrum, das sich nur mengenmäßig, nicht aber in seiner Zusammensetzung von dem linksrheinischen Münzbestand unterscheidet, deutet auf einen geordneten Münzumlauf in der Region rechts des Rheins bis in die Mitte des 4. Jahrhunderts. Wahrscheinlich waren die Träger dieses Münzumlaufs zurückgebliebene romanische Bevölkerungsteile. Diese haben zumindest bis zur Erschütterung des Reiches, ausgelöst durch die Usurpation des Magnentius zwischen 350 und 353 n.Chr., eine Territorialverteidigung gestellt.

 

Die Verkehrsanbindung von Grünwinkel

Die Erschließung und der Machterhalt des römischen Reiches, das ungefähr 5 Millionen Quadratkilometer umfasste, war nur durch ein ausgedehntes und gut organisiertes Verkehrsnetz, bestehend aus natürlichen Wasserwegen und einem künstlich errichteten Straßennetz möglich. Alleine das damalige Straßennetz ist wahrscheinlich auf insgesamt 100.000 km zu schätzen und in der Geschichte wohl einmalig. Es ermöglichte schnelle Truppenverlegungen ebenso wie eine geschwinde Übermittlung von Nachrichten innerhalb des Imperiums und war zusätzlich für die Händler und die Transporteure von zentraler Bedeutung. Um so wichtiger war es für den Wohlstand und die Sicherheit einer Siedlung, an die Verkehrswege angeschlossen zu sein.

Grünwinkel profitierte durch die Anbindung an natürliche Verkehrswege und durch die Anbindung an ein ausgedehntes Straßennetz . Als natürliche Verkehrswege sind der etwas entfernte Rhein als Nord- Südanbindung sowie die Alb als Ost-Westverbindung zu nennen. Gerade die Alb gewährte gleichermaßen eine Verbindung von Grünwinkel mit dem Rhein sowie nach Ettlingen in den Schwarzwald. Über die Schiffbarkeit der Alb wurde lange diskutiert, denn durch die Zuflüsse mehrerer kleinerer Bäche erscheint eine wirtschaftliche Nutzung zumindest theoretisch als Verkehrsweg möglich. Gestützt wurde diese Diskussion nicht zuletzt durch den Ettlinger Neptunstein. Dieser Stein, ein lnschriftenstein, wurde dem Gott Neptun geweiht und nennt ein ,contubernium nautarum‘. Der Begriff ,contubernium nautarum‘ wird spätestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts mit Flößer­ oder mit Schiffergilde übersetzt. Aufgrund des Fundortes bei der Ruine der Burg Fürstenzell oberhalb Ettlingens wurde die Inschrift und somit die Gilde auf die Alb bezogen. Gestützt wird die Übersetzung als ,Schiffergilde‘ durch altphilologische Überlegungen bzw. Inschriften, die zeigen, dass für Flößer ein eigenständiger lateinischer Begriff ‚ratiarii‘ existiert. Aber eine Bezugsnahme eines ‚contubernium nautarum‘, verstanden als Schiffergilde, auf die Alb bereitet Unbehaben. So zeigt eine aktuelle Kartierung der Orte, wo ein ‚contubernium nauarum‘ bzw. nautae nachgewiesen wurde, dass es sich um Fundstellen handelt, die in der Regel an großen und bedeutenden Flüssen lagen und nicht an Wasserlufen, von denen nicht einmal die Schiffbarkeit gänzlich gesichert ist. So sind Dachverbände der Schiffer in der Provinz Germania Superior bzw. in Gallien im Zusammenhang mit der Mosel, der Rhone oder anderen großen Flüssen wie der Seine bezeugt. Auch sind diese Orte deutlich größer und bedeutender als Ettlingen: beispielsweise Lyon, Paris, Deutz oder Avenches. Daher erscheint es im Lichte neuerer Forschungen naheliegend, dass sich die Tätigkeit der Ettlinger Schiffer auf den Rhein bezieht. Nicht vergessen darf man, dass der Rhein bei Karlsruhe einen wechselvollen Lauf bis zur Regulierung durch Johann Gottfried Tulla genommen hat.

Daher ist wahrscheinlich in einer dem Rhein nahen Siedlungen, die außerdem von der Alb berührt werden wie Knielingen oder Grünwinkel, der römische „Rheinhafen“ zu lokalisieren. Möglicherweise diente eine der Siedlungen als Umschlagplatz der Waren. Bei einer guten Unterhaltung und Pflege des Flussbettes war die Alb wahrscheinlich für kleinere Schiffe von Ettlingen bis zu ihrer Mündung in den Rhein nutzbar – jedoch auch dieser Einschätzung wurde widersprochen. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls festzuhalten, dass ein weiterer Umschlagplatz, der dem Umladen von „Rheinkähnen“ auf „Albkähne“ diente, von Nöten wäre.

Die Fundorte der Diana-Abnoba-Denkmäler im römischen Straßennetz.

Die Fundorte der Diana-Abnoba-Denkmäler im römischen Straßennetz.

Auch wenn der römische Hafen in Grünwinkel bislang nur hypothetisch existiert, betont es doch die verkehrsgünstige Lage der Siedlung, denn eine Furt über die Alb ist naheliegend. Gerade eine Furt oder ein Übergang über die Alb wird ebenfalls in römischer Zeit von Bedeutung gewesen sein, verlief doch durch Grünwinkel die rechtsrheinische Nord-Südtrasse der Provinz. Diese zieht von Augst in der Schweiz, eine der bedeutendsten Provinzstädte bzw. Straßburg kommend, über Heidelberg und Ladenburg weiter nach Mainz, der Provinzhauptstadt. Ein weiterer Fingerzeig auf die Bedeutung der Straßen von Grünwinkel dürften auch die Funde der Reste von Weihungen an Diana Abnoba aus dem nahegelegenen Mühlburg und an Diana aus Grünwinkel selbst sein. Besonders Diana Abnoba wurde außer als Göttin des Schwarzwaldes auch als Schutzherrin der Straßen und der Wegekreuzungen verehrt.

Statue der Diana Abnoba.

Statue der Diana Abnoba.

 

Fundstellen in Grünwinkel und Daxlanden

Im Verhältnis zur Größe und zu der wahrscheinlichen Struktur der Siedlung sind bislang wenige römische Befunde und Funde aus Grünwinkel bekannt. Daher ist es nicht mit Sicherheit möglich, die genaue Ausdehnung und das Aussehen der Siedlung zu rekonstruieren. Bevor wir versuchen, ein Gesamtbild der Siedlung in römischer Zeit zu entwerfen, werden an dieser Stelle die einzelnen Fundstellen kurz vorgestellt. Die Lage des Platzes am nördlichen Ufer der Alb war gut gewählt: das Hochufer gewährte einen Schutz vor Hochwasser.

Übersicht über die römischen Fundstellen von Grünwinkel.

Übersicht über die römischen Fundstellen von Grünwinkel.

  1. Eckener/Konradin-Kreutzer-Straße bis hin zur Albkapelle. Die Untersuchung erfolgte von 1932 bis 1948. Nahezu auf dem gesamten Areal des Hochufers der Alb wurden Siedlungsreste   beobachtet. Festgestellt wurden Ziegel, Mörtelreste, Gefäßreste aus Keramik sowie wenige Münzen. Unter den Münzen befindet sich ein Denar des Vespasian. Auch aus den naheliegenden Schrebergärten stammen diverse Funde.
  2. Eckenerstraße 1 über Zeppelinstraße 37 und 72. Die Untersuchung erfolgte 1922 bis 1926 und galt einem Gräberfeld, das am äußersten Punkt der großen Albschleife liegt. Das Gräberfeld konnte nur ausschnittweise untersucht werden. Insgesamt wurden 59 Brandgräber dokumentiert.
  3. Konradin-Kreutzer-Straße 13/14. 1927 wurden in diesem Bereich die Reste eines römischen Steinkellers aufgenommen. Das Gemäuer war etwa 1,80 m in den Boden abgetieft und lässt zumindest eine Zweiphasigkeit erkennen, d. h. der Keller wurde umgebaut. Im ursprünglichen Keller war das Fragment einer Inschrift vermauert, welches zu einem weiteren Bruchstück von der Kellersohle passte und das ursprünglich zu einem Altar der Diana gehörte. In dem gleichen Keller wurden außerdem eine Statue des Merkurs sowie ein Relief der beiden Götter Sucellus und seiner Gefährtin Nantosuelta gefunden.
    Skizze des Altars an Diana sowie diverser Ziegel aus dem Keller.

    Skizze des Altars an Diana sowie diverser Ziegel aus dem Keller.

  4. Gewann „Sargäcker“. 1892, 1899 und 1927 wurden an dem Fußweg von Grünwinkel nach Daxlanden unmittelbar am linken Albufer Hinweise auf eine Siedlung beobachtet: Die Berichte nennen Mauerspuren, Heizkacheln und Leistenziegelfragmente. Außerdem wird noch berichtet, dass in den anstoßenden Äckern früher schwere Sandsteinquader und Platten gehoben worden seien und ein gemauerter Steinbrunnen sichtbar gewesen sei.
  5. Zusätzlich fand man in dem gleichen Gewann 1899 eine 1 m tiefe längliche Verfärbung, welche Holzkohle, verbrannte Knochenreste und die Reste von etwa fünf Tongefäßen enthielt. Möglicherweise wurden hier die Reste eines Brandgrabes freigelegt.
  6. Im Straßenbereich der Charlottenstraße 16 und dem Charlottenplatz 9 bzw. der Charlottenstraße wurde 1922 Keramik geborgen. Genaue Beobachtungen zu den Funden liegen nicht vor. Möglicherweise erlauben die Funde aber trotzdem Aussagen über die Ausdehnung der Siedlung.
  7. SilcherstraBe 16/17; Daxlandener Straße 45 und 47. 1925 wurden flussabwärts drei Ziegelbrennöfen sowie Reste von möglicherweise dazugehörigen „Hütten“ nahe der Alb auf der rechten Seite des Flusses dokumentiert. Diese Gebäudereste wurden mit den Worten „die ersten Hütten festgestellt“ angesprochen. Die Wände waren aus einer lehmigen Masse errichtet, wovon große Mengen zusammen mit Mörtelbrocken gefunden wurden. Reste von Wandbewurf zeigten die Abdrücke der Weidenrutenverkleidung.
    Aufgedeckter Ziegelofen. Der Ofen besaß ohne Schürhals eine Länge von 6,3 auf 4 Meter.

    Aufgedeckter Ziegelofen. Der Ofen besaß ohne Schürhals eine Länge von 6,3 auf 4 Meter.

  8. Heidenstückersiedlung/Wattkopfstraße. 1934 wurde hier ein einzelnes Grab freigelegt. Eine zeitliche Bestimmung ist aufgrund fehlender datierender Funde nicht möglich (nicht kartiert).
  9. Christian-Schneider-Straße 18 , 20, 22, 24. Für die Jahre 1980 und 1981 verzeichnet das Landesdenkmalamt Meldungen von Terra Sigillata.
  10. Eckenerstraße 23. In den 1930er Jahren wurde ein römischer Steinkeller bei privaten Sondagen gefunden. Ein Teil der Keramik wurde 2001 dem Landesdenkmalamt Baden­ Württemberg in Karlsruhe übergeben. Nach derzeitigem Kenntnisstand wurde die einstige römische Siedlung Richtung Westen durch die Alb geteilt und setzte sich folglich auf der gegenüberliegenden Seite fort. Heute zählt dieses Gebiet verwaltungstechnisch zu Daxlanden. Nichtsdestotrotz sollen die dortigen römischen Fundstellen aufgelistet werden (nicht kartiert):
  11. Vor 1938 war man „Am Anger“ auf mehrere Gefäße, verbrannte Knochen, ein Tonlämpchen sowie diverse Eisengeräte gestoßen. Möglicherweise hatte man bei den Einebnungsarbeiten auf die Reste eines römischen Gräberfeldes angeschnitten.
  12. Im Mai 1880 wurde im „Faulbruch“ auch ein Altar für Jupiter Optimus Maximus und die Reste eines Kalkbrennofens gefunden.
    Altar des Iupiter Optimus Maximus.

    Altar des Iupiter Optimus Maximus.

  13. Außerdem war man hier 1897 ebenfalls auf zahlreiche Siedlungsspuren gestoßen. Sie wurden zunächst als Überreste einer Villa rustica (Gutshof ) gedeutet, jetzt aber werden sie als Fortsetzung der „Albsiedlung“ südlich des Flusses interpretiert.

 

 

Versuch eines Gesamtbildes

Eine Rekonstruktion der römischen Siedlung und seiner Geschichte ist nach derzeitigem Kenntnisstand aufgrund der großen Wissenslücken nicht abschließend möglich. Hätte man nicht das Gräberfeld, die Ziegelbrennöfen und eine breite Streufundzone im Albuferbereich, so könnte das römische Grünwinkel leicht als „archäologisches Phantom“ abgetan werden.

Die Lebensdauer der Siedlung lässt sich anhand der gefundenen Keramikgefäße grob eingrenzen. Folgt man dem bislang ausgewerteten Fundmaterial, so wurde die Siedlung gegen Ende des 1. Jahrhundert n. Chr. gegründet. Auch in dem Gräberfeld erfolgen die frühesten Bestattungen gegen Ende des 1. Jahrhunderts. Einige wenige Funde stammen noch aus der frühflavischen Zeit.

Nach Ausweis der Funde bestand die Siedlung bis mindestens zum ausgehenden 2. Jahrhundert. Dieses scheinbar frühe Ende überrascht, erfolgte doch die Aufgabe des rechts­rheinischen Obergermaniens rund 60 Jahre später, um die Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. Das Fehlen entsprechender Funde aus dem 3. Jahrhundert ist sicherlich auf die abgetragenen obersten römischen Siedlungsschichten sowie die Erosionskräfte der Alb zurückzuführen. Neue Funde aus dem Bereich der Eckenerstraße 23 reichen bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. und bestätigen mindestens für diesen Teil des Ortes eine längere Besiedlung.

Die Siedlung lag nördlich der Alb, genau an einer Stelle, wo die Alb in einer großen Schleife ausschwingt, welche der Bach südwestlich zum Stadtteil Mühlburg beschreibt. Sicher ist, dass sich der Ort in diesem Bereich auf die beiden Hochufer der Alb erstreckte. Hinweise auf die Ausdehnung bietet die Streuung der verschiedenen Fundstellen. Demnach war ihre Ausdehnung mit etwa 300 auf 400 m recht weiträumig und griff auf das am äußersten Punkt der großen Schleife gelegene linke Albufer aus. Das Ende der Siedlung lässt sich durch die Lage des Gräberfeldes an der Kreuzung Vogesen-, Eckener-, und Zeppelin-/Daxlander Straße eingrenzen. Da es in römischer Zeit verboten war, die Toten innerhalb einer Siedlung zu bestatten, markiert das Gräberfeld das Ende der Siedlung in Richtung Norden. Richtung Westen, flussabwärts erstreckte sich eine Ziegelei, von der drei Ziegelbrennöfen gefunden wurden. Häufig finden sich solche Betriebe aufgrund ihrer Feuergefährlichkeit und Brandgefahr am Rande einer Siedlung, wie z. B. die neueren Untersuchungen von Stertfeld (Gemeinde Ubstadt-Weiher) zeigen.

Prägend für das Aussehen der Siedlung war die Straße, die in der Regel aus mehreren unter­ schiedlichen Lagen von Schottersteinen bestand und beidseitig von je einem Graben begleitet wurden. An ihnen orientierten sich die Gebäude, von denen im Falle von Grünwinkel lediglich Reste von Steinkellern erhalten waren und die darüber liegenden Gebäude die Form von Streifenhäusern besaßen. Der Keller in Grünwinkel war aus Fischgrätenmauerwerk gebaut. Ursprünglich 6,5 auf 4,6 m groß, wurde er zu einem heute nicht mehr bestimmbaren Zeitpunkt auf 9,5 x 4,6 vergrößert. Bei seiner Verlängerung wurde die eine Wand der Schmalseite bis auf einen kleinen Rest entfernt und die Längswand neu aufgebaut. Die Mauern des älteren Baus sind meist aus gebrannten Ziegeln, die späteren mehr aus Sandsteinen. Die wenigen Funde erlauben zumindest eine Vorstellung von der Dachdeckung. Demnach war das Haus mit Ziegeln gedeckt.

Meist befand sich der Keller in dem vorderen Teil des Hauses. Ursprünglich wurden mit diesem Begriff Gebäude umschrieben, deren Schmalseite oft rechtwinklig zur Straße ausgerichtet war und die einen langrechteckigen Grundriss zeigten.

Beheizt war meist nur ein Raum durch eine Feuerstelle. Unterbodenheizungen sind in diesen Häusern die Ausnahme. Verbunden waren diese Streifenhäuser häufig mit einer gemein­ samen überdachten Veranda, die gleichzeitig die Gehwege schützten. Neuerdings werden zusätzlich Kriterien wie Giebelständigkeit und ein durchgängiges Dach postuliert.

Trotz der scheinbar klaren Definition des Begriffs Streifenhaus zeigt die aktuelle Forschung, dass zwar der langrechteckige Grundriss klar ersichtlich und recht einheitlich ist, wenn es aber um Detailfragen wie das Aussehen und die Einteilung der Gebäude im Inneren geht, noch bei vielen Aspekten Fragen offen und Unterschiede zu beobachten sind. Allgemein ist bekannt, dass im vorderen und besonders aber im hinteren Bereich weitere kleinere Bauten wie Stallungen und Scheunen sowie Schuppen und Latrinen, aber ebenso auch Brunnen oder Zisternen errichtet wurden. Gebaut waren die Streifenhäuser häufig aus mit Lehm verstrichenem Fachwerk. Zum Decken der Häuser verwendete man Holzschindeln oder Schieferplatten, selten Dachziegel.

Rekonstruktion eines Straßendorfes mit Streifenhäusern am Beispiel von Köngen.

Rekonstruktion eines Straßendorfes mit Streifenhäusern am Beispiel von Köngen.

Über die gängigen Parzellengrößen informieren Ausgrabungen wie etwa im Vicus bei der Saalburg: Dort waren sie im Durchschnitt zwischen 5 und 8 m breit und 20 bis 24 m lang. Größer waren die Parzellen in Bad Wimpfen: Die dortigen Grundstücke maßen mindestens 6,5 m in der Breite und 50 m in der Tiefe.

Zwar ergaben die Untersuchungen keine konkreten Hinweise auf weitere Gebäude inner­halb Grünwinkels, doch aufgrund von Vergleichen mit anderen römischen Siedlungen sind neben den Streifenhäusern weitere Baustrukturen zu erwarten. Dazu zählen beispielsweise Brunnen und Bäder. Letztere sind vergleichbar mit den heutigen türkischen Bädern und durften in keiner römischen Siedlung fehlen, waren sie doch ein wesentlicher Bestandteil des römischen Lebens. Außerdem dienten sie neben der Hygiene als „Nachrichtenbörse“.

Aufbau und Rekonstruktion eines Bades a Beispiel von Walldürn. A: Auskleideraum, F: Kaltbad, P: Kaltwasserbecken, S: Schwitzbad beheizt von Raum H: Heizraum, T: Laubad, C: Warmbad mit den Wannen C1 und C2.

Aufbau und Rekonstruktion eines Bades a Beispiel von Walldürn. A: Auskleideraum, F: Kaltbad, P: Kaltwasserbecken, S: Schwitzbad beheizt von Raum H: Heizraum, T: Laubad, C: Warmbad mit den Wannen C1 und C2.

Der Ablauf eines Badebesuchs: Nach dem Ausziehen der Kleider erwartete den Badebesucher ein stufenweises Aufwärmen des Körpers bis hin zur Höchstbelastung und einer abschließenden Abkühlung. Im Auskleideraum (apodyterium) gab es in der Regel Bänke, Tablaren und Tische zum Ablegen der Kleidung. War kein eigener Auskleideraum, der auch beheizt gewesen sein konnte, vorhanden, musste der Badegast sich im Kaltbad (frigidarium) seiner Kleidung entledigen. Der erste der eigentlichen Baderäume ist das unbeheizte Kaltbad, zu dem mindestens ein Kaltwasserbecken gehörte und wo sich der Badegast eine erste Erfrischung gönnen konnte. Dieser Raum diente der Abkühlung und Abhärtung des Körpers. Der mittlere Baderaum ist das tepidarium, ein lauwarmer Raum, der der Anpassung an die Temperaturen diente. Die Raumtemperaturen betrugen 20-30° C. Das dritte Bad ist das caldarium, das beheizt ist und ein oder zwei Wannen mit heißem Wasser besitzt. Hier betrugen die Temperaturen ca. 50° C. Damit man sich die Füße nicht verbrannte, benutzte man hölzerne Badelatschen. Im Schwitzbad, dem sudatorium, begann der eigentliche Badevorgang. Dieser Raum, der nicht zwingend notwendig, aber doch häufig anzutreffen war, wurde von einer eigenen Feuerstelle geheizt. Danach begab sich der Badegast zur Abkühlung und zur Vorbereitung auf das Warmbad in das Laubad. Hier wusch man sich und wurde eventuell von Dienern gereinigt.

Eine   recht plastische Beschreibung des Badebetriebes verdanken wir Seneca (Brief Ivi. 1-2):
„Von allen Seiten umtönt mich wirrer Lärm; denn ich wohne gerade über dem Bade. Stell dir jetzt einmal alle Arten von Tönen vor, die es einen bedauern lassen, dass man Ohren hat. Wenn die Kräftigeren ihre Leibesübungen treiben und dabei ihre Hanteln schwingen, wenn sie sich abarbeiten oder auch bloß so tun, dann höre ich ihr Stöhnen und, sobald sie dem angehaltenen Atem wieder seinen Lauf lassen, ihr Zischen und heftiges Keuchen. Wenn ich aber auf einen Müßiggänger stoße, der sich bescheiden nach plebejischer Manier salben lässt, so höre ich das Klatschen der Hand (des Masseurs) auf den Schultern, der seinen Ton ändert, je nachdem die Hand hohl oder flach aufschlägt. Kommt vollends noch ein Ballspieler hinzu, der zählt, wie oft er den Ball abprallen lässt,   dann ist es um mich geschehen. Nimm nun noch einen Zankteufel hinzu und einen ertappten Dieb und einen, der noch gerne seine eigene Stimme im Bade ertönen hört; nimm ferner noch die hinzu, die unter lautem Klatschen des aufplätschernden Wassers ins Schwimmbassin springen! Außer diesen, deren Laute doch wenigstens natürlich sind, denke dir noch einen Haarausrupfer, der, um sich bemerkbar zu machen, wieder und wieder seine dünne, schrille Stimme hervorpresst und erst schweigt, wenn er jemand die Haare unter den Achseln ausreißt und so ein anderer an seiner statt schreien lässt. Endlich die verschiedenen Ausrufe des Kuchenhändlers, der Wurstverkäufer, der Zuckerplätzler und aller Kellner der Kneipen, die sämtlich in ihrer eigentümlich durchdringenden Tonweise ihre Waren anpreisen.“

 

 

Handwerksbetriebe und Handel

Die Untersuchungen erbrachten in den 1920er Jahren Hinweise auf Werkstätten: Aus Grünwinkel wurden drei rechteckige Ziegelbrennöfen gemeldet und zusätzlich aus Daxlanden ein Kalkbrennofen. Letzterer war notwendig, um die Nachfrage nach Kalk, wie er bei verschiedenen Baumaßnahmen benötigt wurde, zu befriedigen. Ziegel wurden für die Dachdeckung benötigt. Außerdem wurden sie beim Bau von Hypokaustanlagen (Fußboden- und (Wandheizung) eingesetzt.

Die drei Ziegelbrennöfen wurden flussabwärts auf der rechten Albseite entdeckt. Gemeinsam ist ihnen die Fertigungsweise aus flachen Bruchsteinen, gebrannten und ungebrannten Ziegeln und mit Mörtel aufgemauert. Ofen I besaß einen gut erhaltenen Feuerraum mit Schürhals. Vom Feuerkanal gehen nach beiden Seiten je sechs gleich lange Züge ab. Schürhals und Feuerkanal waren von einem Tonnengewölbe bedeckt, von dem nur noch die Ansätze zu erkennen waren. Der eigentliche Ofen war über 6,20 m lang und somit der größte der drei. Ofen ll (Länge 4,40 m) war nicht so gut erhalten wie Ofen I.

Am besten erhalten ist Ofen lll (Länge 2,90 m). Dieser hat einen fast quadratischen Grundriss und ist mit einem ungewöhnlich breiten Feuerungskanal gebaut. An die Stelle des Tonnengewölbes ist ein falsches, oben ein spitz zulaufendes Gewölbe aus überkragenden Steinen getreten. Die Lochtenne überspannte den Feuerraum und bildete gleichzeitig den Boden des eigentlichen Brennraumes. In diesem Ofen fanden sich noch senkrecht aufgeschichtete Ziegel – die Reste der letzten Beschickung. Bei Ofen lll, dem kleinsten der Dreiergruppe, entschloss man sich aufgrund seines guten Zustandes zu seiner Erhaltung. Möglicherweise lagen in unmittelbarer Nähe auch die Werk- und Wohnstätten der Handwerker. Aber das ist nur Spekulation, denn die Nachrichten sind spärlich. Wir wissen lediglich, dass 1925 die Reste von Hütten angetroffen wurden.

Rekonstruktion eines Ziegelofens.

Rekonstruktion eines Ziegelofens.

Töpfer- und Ziegelöfen waren meist nach einem einheitlichen, in der Regel sehr ähnlichen Schema aufgebaut. Meist wurden zwei bis drei Öfen von einer muldenförmigen Grube aus beheizt. Diese Bedienungsgruben dienten dazu, die Öfen aufzuheizen und das Feuer über einen Schürkanal (Fuchs) aufrechtzuerhalten. Der runde oder ovale Schürkanal verband den Bedienungs- oder Feuerungsraum, der häufig, so auch in Grünwinkel, durch eine oder gerade bei Ziegelbrennöfen durch mehrere Zungenmauern geteilt und durch einen Brennrost abgedeckt wurde. Die getrockneten Gefäße oder Ziegel setzte der Töpfer auf den Brennrost im Brennraum und entzündete das Feuer in dem Feuerungsraum. die Gefäße wurden anschließend bei über 800 Grad Celsius mehrere Stunden gebrannt. Der Abschluss der Öfen nach oben ist unklar.

Weitere handwerkliche Betriebe sind zu erwarten, auch wenn sie bislang nicht nachgewiesen wurden. Besonders wichtig waren die Töpfereibetriebe aufgrund des großen Bedarfs an Keramikgefäßen. Gerade Töpferwaren waren in römischer Zeit von großer Bedeutung, da sieals Koch- und Tafelgeschirr sowie als Vorrats- und Transportbehälter dienten. Einen Eindruck der einheimischen Produkte bieten die Töpfereifunde aus dem Gräberfeld. Auffallend sind die Abweichungen von den gebräuchlichen Typen: Die Urnen zeigen einen ausladenden, eckig unvermittelten Übergang von Bauch zur Schulter.

Auswahl von Keramikgefäßen aus dem Gräberfeld.

Auswahl von Keramikgefäßen aus dem Gräberfeld.

Bemerkenswerterweise finden sich in der nächsten Umgebung von Grünwinkel keine Tonvorkommen. Möglicherweise wurde er aus Rappenwört zu den Werkstätten geliefert.

Ebenso gehörten holz-, Ieder- und metallverarbeitende Betriebe zur Siedlung. Besonders von letzterem war der Bedarf groß: Bauwerkzeuge wie Schaufeln, Kellen und Pickel, aber auch einfache Dinge wie Messer und Nägel sowie Bauklammern wurden ebenso benötigt wie Geräte für die Landwirtschaft und den Hausrat. Aber nicht nur die Bevölkerung der Siedlung wurde mit Eisengeräten, Hausrat, Töpferware und Werkzeugen versorgt, sondern auch die umliegenden Gutshöfe.

Nicht alle Produkte konnten vor Ort angefertigt werden. Neben Funden und Befunden wie die Ziegelöfen, die Hinweis auf ein lokal geprägtes Handwerk und Handel erlauben, existieren Zeugnisse des Fernhandels . Hier ist an erster Stelle die Terra Sigillata, das Luxusgeschirr der Römer, anzuführen. Dieses wurde anfangs noch aus La Graufesenque in Südfrankreich importiert, dann aus Mittel- und Ostgallien. Später, ab der Mitte des 2. Jahrhunderts, bezog man die Ware aus dem nahen Rheinzabern in der Pfalz. Eine Besonderheit unter den Keramikimporten bildet eine hellgrünglasierte Scherbe mit Darstellung eines schwer gerüsteten Gladiators, die in der Siedlung (Fundstelle 1) geborgen wurde. Durch vergleichbare Funde ist bekannt, dass es sich um einen Ausschnitt eines Gladiatorenkampfes handelt. Das bleiglasierte Gefäß wurde wohl in Gallien gefertigt. Ebenfalls importiert wurden die drei im Gräberfeld nachgewiesenen Tonlampen. Eine von ihnen zeigt das bärtige Gesicht eines Menschen. Sie wurden in Trier hergestellt.

Fragment einer grünglasierten Keramikschale mit Darstellung eines Gladiators. Das Fragment ist heute verschollen.

Fragment einer grünglasierten Keramikschale mit Darstellung eines Gladiators. Das Fragment ist heute verschollen.

Über Lebensmittelimporte informieren die altsprechenden Transportcontainer, die Amphoren. Die kugelförmigen Ölamphoren, die mehrfach in der Siedlung gefunden wurden stammen aus der Provinz Baetica in Spanien. Olivenöl war neben Wein und garum, einer Fischsoße (bestehend aus verfaultem Fisch), das gefragteste Produkt aus dem Mittelmeerraum.

Tonlampen. Die Lampen wurden im Gräberfeld geborgen.

Tonlampen. Die Lampen wurden im Gräberfeld geborgen.

Begünstigt wurde der Handel durch den niedrigen Zoll. Dieser betrug an den Grenzen der großen Wirtschaftsgebiete – Gallien bildete zusammen mit Germanien, Britannien und Spanien einen Wirtschaftsraum – lediglich 2,5 Prozent, die quadragesima21 (der vierzigste Teil). Große Kosten verursachte nicht zuletzt wegen des hohen Bruchrisikos der Transport.

 

 

Religion und Kult

Die Vorstellung der damaligen Menschen besagte, dass der Erfolg in allen Angelegenheiten von der Mithilfe der Götter und Göttinnen abhing. Hauptaufgabe der Religion war es daher, die Unterstützung zu erwirken. Gleichzeitig wird dadurch der hohe Stellenwert der Götterverehrung im Alltagsleben ersichtlich. Daher ist von einer sakralen Mindestausstattung in jeder Siedlung auszugehen.

Über die Verehrung informiert der römische Dichter Lukrez : Ein Frommer “ … den man oft dabei beobachten kann, wie er sich verschleiert, einem Steinmal zuwendet und zu jedem Altar geht, wie er sich ausgestreckt zu Boden wirft und die Arme vor den Tempeln der Götter erhebt, wie er die Altäre mit Strömen vom Blut der Opfertiere besprengt und endlose Gebete spricht.“

Über die Tempel und Heiligtümer in der Siedlung fehlen bislang von architektonischer Seite detaillierte Grundlagen, die eine Lokalisierung und Rekonstruktion des sakralen Lebens erlauben würden. Reste typischer Gebäude wurden beispielsweise in dem nahen Wiesloch gefunden. Typisch ist z. B. ein gallo-römischer Umgangstempel.

Diese Lücke können auch die schriftlichen und bildlichen Zeugnisse der Grünwinkler Götter nicht schließen. Nachgewiesen wurde die Verehrung von Diana, Merkur sowie Sucellus und seiner Gefährtin Nantosuelta. Die Verehrung von Diana und Merkur ist häufig in Lebens sowie als Frauen- und Geburtsgöttin wurde sie verehrt. Auch als Schutzherrin der Straßen wurde sie angerufen. In dem benachbarten Mühlburg wurde eine Statue der Diana Abnoba, der Göttin des Schwarzwalds, gefunden. Merkur war der Schutzpatron der Reisenden und Händler. Ebenso baten Gauner um seine Gunst. Aber es werden wohl die beiden erstgenannten Gruppen gewesen sein, die im Falle von Grünwinkel den Gott angerufen haben, profitierte doch die Siedlung sicherlich nicht unerheblich von seiner verkehrsgünstigen Lage.

In mehrfacher Hinsicht ist der Nachweis von Sucellus und Nantosuelta einzigartig. Sucellus galt als Gott der Unterwelt und ist keltischen Ursprungs. Nantosuelta war seine Kultgefährtin. Ihre römischen Pendants sind Di s Pater und Herecura. Daneben hatte der bärtige Gott mit gallischem Gewand und Doppelhammer je nach Region weitere Funktionen: So galt er ebenso als Fruchtbarkeitsgott. In Kinheim (Rheinland-Pfalz) wurde der Gott in einem Landgut gefunden und als Schutzgott der Vegetation und guter Weinernten verstanden Provinzen ist sie selten. Ebenso ungewöhnlich ist ihre gemeinsame Darstellung im Sitzen.

Relief von Sucellus und Nantosuelta.

Relief von Sucellus und Nantosuelta.

Zusätzlich wurde auf der Daxlander Gemarkung ein Altar für Iupiter Optimus Maximus geborgen, der von Publius Veratius Floms dezidiert wurde. Iupiter war Bestandteil der kapitolinischen Trias und zählte somit zu den obersten römischen Staatsgöttern. Er war der Schützer von Recht und Treue sowie der Grenzen. Gleich zeitig war er Bestandteil des Kaiserkultes, war er doch der oberste Beschützer des Kaisers.

Die Anzahl an Gottheiten mag uns heute überraschen, aber in römischer Zeit herrschte ein reges Nebeneinander der Gottheiten , der unterschiedlichsten Kulte und Glaubensformen. Dies war nur möglich, weil die römische Religion (und auch die orientalischen Mysterienkulte) tolerant waren und keine Exklusivität forderten. Auch seitens Roms wurde keine Exklusivität gefordert. Verbindlich für jedermann hingegen war der Kaiserkult. Hier bezeugten die Untertanen die Loyalität gegenüber dem jeweils regierenden Kaiser bzw. der Herrscherfamilie und somit auch gegenüber dem gesamten Römischen Reich.

 

 

Gräberfeld

Entsprechend der römischen Gesetzgebung war die Beisetzung der Verstorbenen innerhalb der Siedlung verboten und erfolgte daher außerhalb entlang der Hauptverkehrsachsen. Dies bestätigen Beispiele aus der näheren Umgebung: stellvertretend seien Stettfeld, Heidelberg, Ladenburg oder Lahr angeführt. Brandbestattung ist im 1. Jahrhundert sowie in den beiden folgenden Jahrhunderten die gängige Bestattungsart. Neben einfachen Grabmarkierungen konnten auch monumentale Bauten an den Verstorbenen erinnern.

Auch das Gräberfeld von Grünwinkel im Bereich Eckenerstraße 1 über Zeppelinstraße 37 und 72 entspricht dem für die damalige Zeit typischen Usus. Insgesamt wurden etwa 60 Gräber dokumentiert, die den Ausschnitt unbestimmter Größe des damaligen Gräberfeldes repräsentieren. Die Scherben deuten auf eine Nutzung vom Ende des 1. Jahrhunderts bis in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts. Die wenigen Münzen reichen von Domitian (81 -96 n. Chr.) bis Antoninus Pius (161 – 180 n. Chr.).

Wie Unterlagen zeigen, wurde die Asche der Verstorbenen zumeist in den Keramikurnen beigesetzt und je nach Vermögenslage oder Wunsch des Verstorbenen entsprechende Beigaben zusätzlich mit in das Grab gegeben. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang das Testament des Lingoner. „Ich will, dass mein ganzes Instrumentarium, das ich mir zum Jagen und Vogelfangen beschafft habe, mit mir verbrannt werde : Mit meinen Lanzen, Schwertern, Messern, Netzen, Schlagfallen, Schlingen, Leimruten, Zelten, Vogelscheuchen, der Badesänfte … Tragesessel und allen Ingredienzien und Zurüstungen für dieses mein Hobby und auch mein leichtes Kanu aus Rutengeflecht, ohne dass irgend etwas davon beiseite geschafft werde; und alles was ich, an Damaststoffen und Stickereien hinterlassen werde.“

Rekonstruktion eines Urnenbegräbnisses. Im Hintergrund ist eine Begräbnisstraße zu sehen.

Rekonstruktion eines Urnenbegräbnisses. Im Hintergrund ist eine Begräbnisstraße zu sehen.

In Einzelfällen wurden die Gräber wie z. B. in Stettfeld aus Ziegelplatten gefertigt. Bemerkenswert ist der relativ hohe Anteil von germanischer, handgefertigter Keramik, die möglicherweise Rückschlüsse auf die Zusammensetzung der Bevölkerung erlaubt. Zu den herausragen den Beigaben zählen Tonlampen in Gesichtsform. Sie sollten den Toten bei ihrer Reise Licht spenden. Eine Münze als Beigabe diente möglicherweise als Fährgeld.

Ungeklärt ist die Situation nahe der Siedlung, wo man möglicherweise auf ein Brandgrab – ein Hinweis auf ein zweites Gräberfeld – gestoßen war.