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gesprochen von Markus Kambeck

 

Manfred Fellhauer

Die Revolution von 1848-49

 

Der Vormärz in Baden

Die tiefgreifenden Veränderungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebten die in Baden lebenden Menschen als krisenhafte und beunruhigende, da kaum durchschaubare Entwicklungen. Bevölkerungswachstum, Fehlernten und die langsame Umstellung der Wirtschaftsfarm von feudalen zu kapitalistischen Strukturen führten zu einer Verarmung des Handwerks, vor allem aber zur Verelendung der Unterschichten. Das massenhaft auftretende Problem der Verarmung, vor allem in den Städten, brachte der zeitgenössische, im Vormärz entstandene Begriff Pauperismus zum Ausdruck.

Das soziale und wirtschaftliche Gefüge Badens wurde durch die Agrarkrise ins Wanken gebracht, die sich in den Jahren 1844/45 in Form einer Kartoffelmissernte (Kartoffelfäule) ankündigte und in den Jahren 1846 bis 1848 ihren Höhepunkt erlebte. Eine schlimme Trockenheit ließ Halmfrucht und Obst restlos verdorren und das Vieh musste mangels Futter geschlachtet werden. 1847 folgte darauf eine verheerende Hungersnot. An vielen Orten wurden die privaten Brot- und Mehlvorräte geplündert. Jedes in Leopoldshafen aus Russland ankommende Getreideschiff wurde zur Beruhigung der Menschen in der Karlsruher Zeitung angekündigt und begrüßt. Das „Karlsruher Tagblatt“ veröffentlichte regelmäßig die Brotpreise, die im Frühjahr 1847 rasant anstiegen: Am 1. Februar kostete ein Pfund „halb­weiß Brod“ 5 Kreuzer, ein Jahr später 6 1/2 Kreuzer, zwei Wochen später schon 7 Kreuzer, und erreichte im Mai einen Preis von 8 1/2 Kreuzern. Für drei Pfund Schwarzbrot, die am 1. Februar 1846 noch 12 1/2 Kreuzer zu haben waren, musste man im Mai   1847 24 Kreuzer zahlen. Im Januar stiegen mit den Gerstepreisen die Bierpreise von 8 auf 10 Kreuzer das Maß.

Viele Gemeinden mussten Nothilfe leisten. In der Gemeinde Grünwinkel scheint die Lage etwas günstiger gewesen zu sein. Nach den Vermerken von Gemeinderechner und Schuster Wilhelm Oberle in den Vorberichten zu den Rechnungsabschlüssen der Jahre 1845 – 1851 sind keine Soziallasten angefallen. In mehreren Fällen leistete die Gemeindekasse allerdings Nothilfe, die wir heute durchaus als Soziallasten ansehen würden. So zahlte die Gemeinde Wilhelm Oberle „für die Verpflegung der armen, alten, geisteskranken Rosine Hauk“ 25 Gulden. Für das Rechnungsjahr 1845 waren von der Gemeinde insgesamt 388 Gulden für soziale Fälle aufzubringen. Dies setzte sich auch in den folgenden Jahren fort. 1846 wurden zur Bestreitung des Gemeindehaushalts Allmend­ Auflagen und Umlagen notwendig. Diese Umlagen konnten von den Bürgern oft nicht bezahlt werden, und zum Jahresende 1846 kam es zu beträchtlichen Außenständen, im damaligen Sprachgebrauch „Einnahmerückstände“ genannt. Gemeinderechner Oberle vermerkte hierzu im Rechnungsabschluss 1846: „Die Einnahmerückstände haben sich in Folge des Missjahres und Theuerung der Lebensmittel vermehrt“. Bei 393 Gulden Rückständen und einem Jahreshaushalt von 926 Gulden sind das rund 33 %. In der Gemeinderechnung von 1849 werden 511 Gulden 45 1/2 Kreuzer Rückstände ausgewiesen. Darunter sind 27 Schuldner, die mit ihren Allmendauflagen im Rückstand sind.

Auch die politische Lage verschärfte sich zunehmend. In den Jahrzehnten zwischen 1815 und 1848, im so genannten Vormärz- der Zeit, die im weiteren Sinne der Märzrevolution von 1848 vorausgeht-, bildeten sich in Opposition gegen das auf der Grundlage von „Restauration, Legitimität und Solidarität“ beruhende System des Deutschen Bundes zahlreiche Reformbewegungen.In Baden herrschte, wie im gesamten Deutschen Bund, Pressezensur. Alle politischen Vereine waren verboten. Die am häufigsten eingeklagten Forderungen des Vormärz waren die nach Pressefreiheit und Abschaffung der Zensur. Schon beim Sturz Napoleons hofften viele auf Verfassungen und solche bürgerlichen Freiheitsrechte wie vor allem die Pressefreiheit, die von Napoleon seit 1810 in Baden unterdrückt worden war. Die am 1. Januar 1832 für die im Großherzogtum Baden „herauskommenden und verbreiteten Druckschriften aufgehobene Zensur“, ausgenommen Artikel über den Deutschen Bund und andere Deutsche Staaten, wurde auf Druck der deutschen Großmächte Preußen und Österreich infolge der restriktiven Maßnahmen der Karlsbader Beschlüsse wieder aufgehoben.