Audio

gesprochen von Markus Kambeck

 

Manfred Fellhauer

Zur Bevölkerungsentwicklung und Sozialstruktur

 

Bürger und Nichtbürger

Durch die Rheinbundakte von 1806 waren die Gesetze des Deutschen Reichs, soweit sie das hoheitliche Gewaltverhältnis zwischen der Obrigkeit und den Untertanen auf der Grundlage von überholten staatsrechtlichen und politischen Verhältnissen geregelt hatten, „de nulle effet“ erklärt worden. Für das neu gegründete Großherzogtum musste deshalb eine neue Ordnung her, die in sieben Konstitutionsordnungen gelegt wurde. Diese Konstitutionsedikte enthielten überwiegend Grundsätze der Staatsverfassung und verraten die Handschrift des Entwurfsfertigers Johann Nikolaus Friedrich Brauer, der mit diesen Edikten der Konstitution selbst vorzuarbeiten suchte. Nach den Bestimmungen des VI. Konstitutionsediktes teilte sich die Gemeindebevölkerung in zwei große Klassen, von denen nur die eine, nämlich die der so genannten Ortsbürger voll berechtigt war, während die andere, die der Schutzbürger, auch Hintersassen genannt, keine politischen Rechte hatte. Den Ortsbürgern stand die Wählbarkeit zu den Gemeindeämtern, die Stimmfähigkeit bei den Gemeindeversammlungen und die Teilnahme an den Allmendnutzungen zu. Schutzbürger konnten an den Allmendnutzungen nur dann teilnehmen, soweit es ihnen besonders zugesichert wurde. Das Ortsbürgerrecht konnte durch Abstammung oder Aufnahme erworben werden. Das angeborene Bürgerrecht war nach dem Gesetz vom 1. Februar 1809 mit Vollendung des 21. Lebensjahres möglich. Voraussetzung war die „Fertigkeit des Lesens, Schreibens und Rechnens und der Besitz eines an dem Ort der Aufnahme zulässigen, in gesunden Tagen zur nothdürftigen Lebsucht hinreichenden Nahrungszweigs und der hierzu erforderlichen Befähigung“.

Den Nachweis über ein vorhandenes Vermögen und einen guten Leumund war nicht erforderlich. Die Annahme des angeborenen Bürgerrechts bedurfte lediglich der Anzeige beim Ortsvorstand mit den entsprechenden Nachweisen der Erfordernisse, um im Bürgerverzeichnis eingetragen zu werden. Die Annahme des nicht angeborenen Bürgerrechts konnte vom Ortsvorstand nach Anhörung des Gerichts und der Gemeinde bewilligt werden.

Voraussetzung waren alle Eigenschaften, welche auch für das Antreten des angeborenen Bürgerrechts erforderlich waren. Darüber hinaus waren ein guter Leumund, ein bestimmtes Vermögen und die Religion, „welche nach dem Ort der Aufnahme das Kirchspielrecht genießt in jenen Fällen, wo sie nach der Kirchenkonstitution des Großherzogtums erforderlich wird“. Auf diese Weise war das Gemeindebürgerrecht mit der Religionszugehörigkeit bzw. mit der Frage des Pfarrrechts verstrickt.

Das Bürgerrecht der Pfarrer und Schullehrer war Gegenstand besonderer Regelungen. Aufgrund der Verordnung vom 1. Februar 18134 hatten sie das Bürgerrecht als „Ehrenbürger“ und nicht als Ortsbürger. Das Ortsbürgerrecht konnten sie jedoch erwerben. Durch das Bürgerrechtsgesetz von 1831 traten grundlegende Änderungen ein. Die Erteilung des Ortsbürgerrechts war nicht mehr an das Ermessen der Gemeindebehörde und die Zustimmung der Staatsbehörde gebunden. Bei Erfüllung der im Gesetz vorgeschriebenen Bedingungen und Erfordernissen konnte das Bürgerrecht verlangt werden. Diese gesetzlichen Bedingungen und Erfordernisse wurden wesentlich erleichtert, so die Höhe des notwendigen Vermögens herabgesetzt, der Begriff des guten Leumunds und den Unterhalt „des einer Familie sichernden Nahrungszweiges“ gemildert und die Ausübung des Berufs „auf eigene Hand und Haushaltung“ nicht mehr verlangt. Auch die Arbeit in „fremdem Unterhalt und Dienst“ wurde anerkannt. Modern ausgedrückt bedeutet dies, dass nicht nur Selbständige sondern auch Arbeitnehmer Bürger werden konnten. Schutzbürger erhielten volles Bürgerrecht.

Erste Seite des Grünwinkler Bürgerbuches, angefangen 1837.

Erste Seite des Grünwinkler Bürgerbuches, angefangen 1837.

Bei dieser Gesetzgebung zeigte sich bald, dass man mit den einschneidenden Veränderungen zu schnell vorangegangen war, insbesondere was die Gleichberechtigung der Bürger anbelangte, da in vielen Gemeinden die »neuen<< Bürger das Übergewicht erhielten, Bürger, denen bisher nur wenig Rechte zugestanden wurden. Dies führte zwangsläufig zu Spannungen und es erfolgten daher in den Jahren 1833, 1837, 1851 und 1858 Gesetzesänderungen mit einschränkender Wirkung. So wurde 1837 eine Wahlordnung eingeführt, nach der für alle Gemeinden über 3.000 Seelen ein nach dem Dreiklassensystem zu wählender großer Ausschuss an die Stelle der Gemeindeversammlung trat. Eine eingreifende Revision in konservativem Sinne erfolgte durch die Gesetze vom 15. Februar und 25. April 18518 (nach der Revolution), indem insbesondere die Voraussetzungen zur Erlangung des Bürgerrechts verschärft, in allen Gemeinden von 80 und mehr Bürgern ein nach einem Dreiklassensystem zu wählender großer Ausschuss als Vertretungsorgan und Kollegium zur Wahl des Bürgermeisters, Gemeinderats und kleinen Ausschusses bestellt, die Amtsdauer des kleinen Ausschusses und des Bürgermeisters verlängert und die Aufsichtsrechte der Regierung verstärkt wurden.

Eine durchgreifende Reformierung der Gemeindeverfassung erfolgte wiederum 1870. Durch dieses Gesetz wurde die unmittelbare Teilnahme aller Gemeindemitglieder am Gemeindeleben, d.h. die unmittelbare Wahl des Gemeinderates und des Bürgermeisters eingeführt, der kleine Ausschuss beseitigt, die Amtsdauer des Bürgermeisters abgekürzt, das Klassensystem bei der Wahl des nunmehr für Gemeinden von 100 und mehr Bürgern als Gemeindevertretungsorgan fungierenden Bürgerausschusses im Sinne einer größeren Beteiligung der Niederstbesteuerten geändert und die Selbständigkeit der Gemeindeverwaltung im Verhältnis zur Staatsaufsicht, insbesondere durch Aufhebung des staatlichen Bestätigungsrechts durch die Aufsichtsbehörde bei der Bürgermeisterwahl, verstärkt. 1874 wurde das Bürgerrechtsgesetz für die sieben damaligen Stadtgemeinden zugunsren der Einwohnergemeinde außer Kraft gesetzt.

Der hiesige Bürgernutzen bestand aus dem Genuss an der Gemeindeallmende. Bürgerholzabgaben, wie sie in anderen Gemeinden bestanden, gab es in Grünwinkel nicht. Diese Leistung kam aber nur der kleinen Gruppe der in Grünwinkel Geborenen und deren Witwen zugute. Mit Hilfe dieser Regelung sollte vermieden werden, dass die Zahl der Genussberechtigten von Grünwinkel zu groß wurde. Nach einer großherzogliehen Verordnung von 1836 wurde das Bürgerbuch eingeführt und in Grünwinkel 1837 angelegt. 741 Grünwinkterinnen und Grünwinkler wurden in dieses Buch als Bürgerinnen und Bürger eingetragen. Die Eintragungen in den Bürgerbüchern dienten auch Zwecken des Nachweises der Staatsbürgerschaft und waren Grundlage für die Anlegung von Verzeichnissen der Wahlberechtigten.

Mit Vollendung des 25. Lebensjahres konnten männliche Abkömmlinge Grünwinkler Bürger das hiesige Bürgerrecht antreten, nachdem zuvor ein förmlicher Antrag an die Ortsverwaltung gerichtet worden war. Wer Schutzbürger oder wer Grünwinkler Bürger werden wollte, musste dies ebenfalls beantragen, einen bestimmten Geldbetrag an die Gemeinde bezahlen und sich damit in das Bürgerrecht ein­ kaufen. Die Voraussetzungen der Verleihung waren bei Männern und Frauen verschieden, bei letzteren außerdem bei Bürgertöchtern und Schutzbürgertöchtern nochmals unterschiedlich.

Aufgrund der eh schon kleinen Gemarkung Grünwinkels war auch der Allmendnutzen sehr klein. Mit Argusaugen wachten die Grünwinkler darüber, dass kein „Fremder“ als Bürger aufgenommen wurde. War die Aufnahme eines Bürgers unumgänglich, wurden die Vermögens- und Familienverhältnisse des Aufzunehmenden genau geprüft. Wie schwierig es zuweilen war, in Grünwinkel das Bürgerrecht zu erlangen, soll anhand von drei Beispielen aufgezeigt werden.

1811 verheiratete sich der bei Ziegler Herbst in Arbeit stehende Ziegelbrenner David Keller mit der Tochter des Fayencenbrenners Schneider in Durlach. Beide wollten sich in Grünwinkel niederlassen, wurden aber abgewiesen, da sie nicht über das nötige Vermögen verfügten. Als sich 1812 der Sohn des Altschultheißen Rastätter aus Bulach in Grünwinkel niederlassen wollte und um bürgerliche Annahme bat, wurde er trotz eines vorhandenen Vermögens von 700 Gulden abgewiesen. In der Begründung heißt es: „da, wie bekannt, Grünwinkel mit armen Familien übersetzt ist und schon jetzt nur ganz kleine Allmendstücke abgegeben werden können, mithin für einen neuen Bürger kein Platz mehr ist.“ Besser erging es 1814 Johann Georg Scherer von Kapfenhardt (Würt temberg), dessen Verlobte Therese Oswald in Grünwinkel ihre Verhältnisse darlegt, welche mit dem folgenden Satz schließen: „Ich hoffe daher, keine Fehlbitte zu tun, indem ich sonst so leicht keine Gelegenheit zu einer Heirat finden dürfte, da die hiesigen Bürgersöhne meist auswärtige Weibspersonen ehelichen, und ich nicht einsehe, warum den hiesigen Mädchen nicht auch gestattet sein solle, brave auswärtige Männer in das hiesige Dorf zu heiraten.“ Vor einer solchen Bürgerstochter hatten Gemeinde und Großherzogliches Landamt Respekt und stimmten der Bürgerannahme des Georg Scherer zu.

In den Genuss des Bürgerrechts kamen vor allem die hiesigen Familien. Um 1820 tauchen die für Grünwinkel typischen Namen auf wie Albecker, Allgaier, Bitter, Böhler, Borg, Braun, Buz, Dehnen, Eisele, Essig, Feininger, Hauch, Hauer, Haug, Herbst, Herbster, Hirschmann, Höll, Kreuter, Kuhm, Kunz, Leger, Martin, Maisch, Mayer, Meier, Meyer, Müller, Ochs, Oberle, Oswald, Reinhard, Reißer, Rolle, Rück, Sanderbeck, Scherer, Schiffhauer, Schweninger,   Siegel, Stader, Stolz, Unger, Wießner, Weineich und Weiß.

Artikel_32-02

In den meisten Gemeinden gelangten die Bürger nach kurzer Wartezeit in den Genuss der Allmende. Nicht so in GrünwinkeL Die Wartezeit betrug 10-25 Jahre. Die Allmendfläche je genussberechtigtem Bürger betrug 45 Ar und entfiel völlig auf Ackerland. Um die Jahrhundertwende lag der Pachtwert bei 36 Mark, die darauf entfallenden Abgaben bei 10 Mark. Insgesamt gab es 64 Allmenden. Die Allmende darf aber nicht nur nach ihrem Pachtwert beurteilt werden. Sie gab der Familie auch Beschäftigung für nicht erwerbstätige Familienmitglieder. Dadurch gewann der Bürgernutzen vor allem für die Arbeiter an Bedeutung. Er ergänzte den Eigenbesitz und ermöglichte eine kleine Viehhaltung. Dieser löste in vielen Fällen wieder eine Zupachtung von Ackerland aus. Auf diese Weise führte die Allmende häufig zu erweiterten landwirtschaftlichen Nebenbetrieben der Arbeiter und vermied den Verkauf der ererbten landwirtschaftlichen Flächen.

Mit der Eingemeindung von Grünwinkel nach Karlsruhe wurde von Seiten der Stadt Karlsruhe das Grünwinkler Bürgerrecht durch eine jährliche auf Lebenszeit zu zahlende Rente zwischen 12 und 78 Mark, je nachdem wie lange man schon im Ort gelebt hatte, abgelöst. Jeder bis zum 31.12.1908 geborene Bürgersohn, der sein Bürgergeld entrichtet hatte, kam in den Genuss der Rente. Der jüngste Bürger von Grünwinkel, der in den Genuss dieser Rente kam, war Kurt Rolle, geboren am 1. Oktober 1908. Vor der Eingemeindung konnte noch jeder Bürger einen verbilligten Bauplatz erwerben. Hierzu wurde Gelände im Gewann Neubruch zur Verfügung gestellt. Eine größere Anzahl jüngerer Bürger nahm diese Gelegenheit auch wahr. Bei näherer Betrachtung der Tabelle fällt deutlich auf, dass die Bevölkerungszahl in der Mitte des 19. Jahrhunderts stagnierte, die Anzahl der Familien sogar zurückging. Dies hat seine Ursache in den zahlreichen Auswanderungen der 1840er und 1850er Jahre, vor allem der jungen Menschen, die damit für eine Familiengründung in Grünwinkel nicht mehr zur Verfügung standen.

 

Auswanderungen aus Grünwinkel im 18. und frühen 19. Jahrhundert

Für den Entschluss eines Menschen, Familie und Heimat, Haus und Hof für immer zu verlassen, finden sich in der Regel soziale, wirtschaftliche und politische Gründe. Wer auswanderte, suchte woanders die Verbesserung seiner Verhältnisse, die er in der Heimat (teilweise oder völlig) unbefriedigend fand.

Meist kamen mehrere Gründe zusammen, die zur Auswanderung geneigt machen konnten. So galt es beispielsweise, sich in den Jahren 1688-92 den französischen Pressionen und ihrer Folgen zu   entziehen, das Elsaß, die Schweiz und Ungarn hielt man für sicherer. Nach Beendigung des Österreichisch-bayrischen Erbfolgekrieges fanden 1748-1754 starke Auswanderungen nach Ungarn einschließlich Siebenbürgen statt. Der Einfluss der französischen Revolution (1789), der erste Koalitionskrieg (1792-1797; Frankreich besetzt das linke Rheinufer), sehr kalte Winter (1788/89), Fruchtausfälle und Missernten führten zu einem erneuten Anschwellen der Auswanderungen. Mit dem Vormarsch Frankreichs in den Koalitionskriegen kam es 1798 bis 1804 zu erneuten Auswanderungswellen.

Wenn man sich die nachfolgende Auswandererliste ansieht, stellt man sehr schnell fest, dass die meisten Auswanderer aus Grünwinkel im 18. Jahrhundert nach Ungarn zogen. 1741 ist die erste aktenkundliche Auswanderung aus Grünwinkel feststellbar. Rosina Höll verlässt Grünwinkel mit unbekanntem Ziel. Vermutlich ist sie nach Ungarn ausgewandert. Über die ungarischen Verhältnisse dürften die Bewohner der Markgrafschaft Baden-Baden gut unterrichtet gewesen sein. Hatten sie doch besonders im Österreichisch-bayrischen Erb­ folgekrieg (1741-1748) ständig die königlich­ ungarischen Truppen im Land; ihnen gehörten Österreicher, Siebenbürgener, Ungarn, Steiermärker und Angehörige anderer Länder an. Dazu kam noch, dass sich die Menschen in der Markgrafschaft Baden-Baden eigene Kenntnisse über Ungarn an Ort und Stelle erwerben konnten: Der Markgraf war Inhaber und Obrist eines in Baden rekrutierten Infanterie-Regiments, das er dem Kaiser gegenüber in „Bestand und Montur“ zu erhalten hatte. Jahrelang waren über 3.000 „Markgräfliche“ im markgräflichen Regiment in Ungarn und leisteten dort ihren Militärdienst ab.

Wer die Markgrafschaft verlassen wollte, brauchte dazu die Erlaubnis. Er hatte um die Erlaubnis zu „supplizieren“ (bitten). Diese Erlaubnis wurde in der Form der Manumission gegeben, obwohl diese die Entlassung aus der Leibeigenschaft bedeutete. Manumissio war bei den Römern die Freilassung eines Sklaven. Die Leibeigenschaft im 18. Jahrhundert darf man sich aber nicht als Sklaverei vorstellen. Sie war ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Markgrafen und dem Einzelnen, das sich in einer Reihe bestimmter Abgaben erschöpfte.

Feste oder bestimmte Gebühren für die Entlassung gab es lange Zeit nicht. Es wurde von Fall zu Fall entschieden. Da die Entlassung aus der Leibeigenschaft als „Gnade“ galt, auf die kein Anspruch bestand, konnte sie von beliebig hohem Loskaufgeld abhängig gemacht werden.

Ab 1745 wurden für die Manumission feste Sätze eingeführt: 5 % des Vermögens für Männer, 10 % für Frauen, 7,5 % des Vermögens für Haushaltungen und zusätzlich für Buben 1 Gulden und für Mädchen 2 Gulden. Neben der Manumissionsgebühr wurde der Abzug mit 10 % des ausgeführten Vermögens erhoben, 2 % Landschaftsgeld und 1 Gulden 30 Kreuzer für die Kanzleitaxe. Wer auswandern wollte, bekam also nahezu 25 % seines Vermögens abgezogen. Nach Wiedervereinigung der beiden Markgrafschaften im Jahr 1771 folgte man hinsichtlich der Gebühren den bisher üblichen Methoden. Trotz Verwaltungseinheit kamen keine einheitlichen Grundsätze zur Anwendung. Für die Manumissionsgebühr und die Expeditionstaxen kam es also nach wie vor darauf an, ob der Betreffende aus dem Baden-Badischen oder aus dem Durlachischen kam.

Diesen frühen Auswanderern erteilte der Markgraf nicht in jedem Falle die Genehmigung das Land zu verlassen, weil er die vermögenden Bürger nicht verlieren wollte. Ein Regierungserlass von 1752 verbot ausdrücklich die Auswanderung von Untertanen mit mehr als 300 fl Nettovermögen. Diese Anordnung erging aber insbesondere gegen Ungarnauswanderer. Eine weitere Maßnahme war, zurück kommende frühere Untertanen, die nunmehr mittellos waren, nicht mehr in die Markgrafschaft Baden aufnehmen zu müssen. Hierzu befahl der Markgraf 1752, den Manumissionscheinen der nach Ungarn wegziehenden Untertanen eine Klausel hinzuzufügen, „dass weder sie noch ihre Familie mehr wieder eingelassen und zu Untertanen und Bürgern angenommen (werden), sondern (sie) allezeit manumittiert sein und bleiben sollen“. Als die Vermögensgrenze gar auf 200 Gulden gesenkt wurde, ließ das Edikt vom 27. Oktober 1770 einen Ausweg offen: die Ämter sollten berichten, ob die Antragsteller „tüchtige und fleißige Arbeiter oder faule und unnütze, sofort entbehrliche Leute seien“.

Nicht immer ist aus den Akten festzustellen, in welches Land die Auswanderer zogen. Sehr oft kann dies nur anhand von Rückschlüssen geschehen, wie beispielsweise anhand der o.g. Klausel auf dem Manumissionschein, die immer ein Hinweis darauf ist, dass es sich um eine Entlassung nach Ungarn handelte.

Den Ämtern und Oberämtern war die Regierung vorgesetzt, gegliedert in zwei Kollegien, den Hofrat und die Hof- oder Rentkammer, auch einfache Kammer genannt.48 Alle Beschlüsse der Regierungskollegien traten erst in Kraft, nachdem sie die Billigung des Landesfürsten erhalten hatten. Nach Wiedervereinigung der Markgrafschaft Baden-Baden und der Markgrafschaft Baden-Durlach am 22. Oktober 1771 war für den Verwaltungsgang das Durlachische Verfahren maßgebend. Das galt auch für Manumissionsgesuche. Diese liefen vom Amt (Oberamt) zum Hofrat, dann zur Kammer und von dort erforderlichenfalls über den Geheimen Rat zum Markgrafen. Die Genehmigung des Fürsten war jetzt nur noch einzuholen, wenn von einer Regel abgewichen werden sollte, also meist, wenn es in ein ferneres Ausland ging und über 200 Gulden Vermögen oder Kinder vorhanden waren.

Dem Rentkammerprotokoll vom 24. Oktober 1795 ist zu entnehmen, dass die ledige Katharina Schäferin von Grünwinkel bittet, den Gemeinen Johann Zukowsky des Kaiserlich und Königlichen Infanterieregiments Joseph Colleredo heiraten und außer Landes ziehen zu dürfen. Die Kammer entspricht der Bitte, allerdings mit der Auflage des „Revers de non revertendo“, d.h., die schriftliche Versicherung, dass sie nicht mehr ins Land zurückkommt. An Manumissionsgebühren werden ihr zehn Gulden, an Abzug weitere zehn Gulden und nochmals zwei Gulden Landschaftsgeld auferlegt. Vermutlich ist das junge Ehepaar nach Ungarn gezogen. Aber auch Österreich könnte in Betracht kommen.

Am 22. Juli 1766 befiehlt Kaiserin Maria Theresia ihrem Hofkammerpräsidenten, für Vermehrung der Bevölkerung im Banat und den ungarischen Kameralgütern besorgt zu sein und zu diesem Zweck Kommissare zur Werbung und zur Reiseleitung, Reisegelder für die Kolonisten und Werbeprämien einzusetzen.53 Aufgrund von Einwendungen der beteiligten Zentralbehörden vergingen bis zur Verwirklichung des Befehls mehrere Jahre. Trotz des Zuwachses durch neue Siedler ging die Bevölkerungszahl im Banat ständig zurück. Ursache hierfür war in erster Linie das häufig auftretende Sumpffieber und die hohe Kindersterblichkeit. Im September 1788 gelang es den Türken, in der Nähe von Kubin die Donau zu überqueren. Sie brannten das ganze Dorf nieder und zogen plündernd und mordend in das Banat ein. Nach diesem Türkenkrieg war die Bevölkerung Kubins auf die Hälfte gesunken. Kaiser Leopold Il. rief erneut Bauern und Handwerker des Reiches zum Zug nach Südosten auf. Der Andrang zur Ansiedlung im Banat war groß. Besonders zahlreich waren die Auswanderer aus den Dörfern um Karlsruhe und Ettlingen. Diese Auswanderer gehörten zur dritten Siedlerwelle nach Kubin.54 Zum großen Teil wurden diese Auswanderungen durch das eifrige Werben des „Reichsnotarius Franz Leuthner, Kaiserlicher Notarius in Offenburg“ gefördert, der von Kehl aus Hunderte für das Banat anwarb.

Im Rentkammerprotokoll vom 23. März 1790 ist festgehalten, dass Johannes Müller aus Grünwinkel bat, mit seiner Familie nach Ungarn ziehen zu dürfen. Die Bitte wurde gewährt und die Manumissionsgebühr mit 7 1/2% und 1 Gulden je Kind festgelegt. Der Sohn des Johannes Müller, Andreas, folgte ihm 1798 nach. Im gleichen Jahr verkaufte ein weiterer Sohn des Johannes Müller, Franz Müller, 1 1/6 Morgen Acker um 250 Gulden und einen weiteren um 120 Gulden. An Manumissiongebühren musste er 5 % seines Vermögens entrichten. Warum ihm die Auswanderung genehmigt wurde, obwohl er ein Grundvermögen von über 200 Gulden besaß, ist in den Akten nicht festgehalten. Denkbar ist aber, dass Franz Müller zunächst heimlich, also illegal ausgewandert   ist und sein Grundvermögen erst später verkauft hat. Die Formulierung in der Auswanderertabelle “ in Ungarn etabliert“ lässt darauf schließen. Da der Markgraf Vermögen nur teilweise zur Mithahme freigab, kam es oft Jahre nach der Auswanderung noch zu Nachforderungsverfahren. Dass es sich hier um ein solches Verfahren handelt, ist unwahrscheinlich, da Franz Müller nach den Aktenvorgängen kein Auswanderungsgesuch gestellt hat. Eine dritte Möglichkeit ist, dass Franz Müller zum Zeitpunkt der Auswanderung seines Vaters noch minderjährig war und nun als Erbe das zurückgelassene Vermögen seines Vaters veräußerte. Aus den Akten lässt sich dies aber nicht mit letztendlicher Sicherheit feststellen.

Das Auswanderungsziel der Familie Müller war Kubin im Banat. Das Banat ist die historische Landschaft zwischen Theiß, Donau, Maros und den Südkarpaten; größte Stadt ist Temesvar. Banat hießen im Mittelalter mehrere südungarische Grenzmarken, die einem Ban (Befehlshaber) unterstanden. Seit 1718 war der Name auf das Temescher Banat beschränkt. Diese Landschaft, seit 1028 zum Königreich Ungarn gehörig, unter der Türkenherrschaft im 16. und 17. Jh. ganz verödet, fiel 1718 an Österreich; sie wurde größtenteils mit Deutschen neu besiedelt und 1779 mit Ungarn vereinigt, südliche und östliche Teile gehörten weiter zur 1742 eingerichteten Banater Militärgrenze (bis 1872). Kubin (heute Kovin) ist einer der südlichsten Orte des Banats und liegt ca. 60 km östlich von Belgrad. Die Kirchenbücher Kubins enthalten wichtige Hinweise über die Herkunft der deutschen Siedler. 1766- 1769 waren sudetendeutsche Soldaten die ersten Siedler, denen badische und elsässische Bauern folgten (1770-1780). Die dritte Siedlerwelle (1790-1800) bestand hauptsächlich aus Badenern. In den Matrikeln (dem Verzeichnis der Angehörigen einer Pfarrei) der katholischen Pfarrei, die mit dem 15. Juli 1766 beginnen, werden alle Einwanderer mit Namen und Heimat aufgezeichnet, so auch Andreas, Franz, Johann, Margaretha und Maria Müller aus „Grünen Wingel“.

Diese Ungarnauswanderer gingen nicht als Eroberer, sondern im Auftrag der legitimen Landesherren in ein kaum besiedeltes, sumpfiges Gebiet, um es urbar zu machen. Über mehrere Generationen gelang es ihnen, das Banat unter schwersten Anstrengungen in eine Kornkammer Europas zu verwandeln.

lnfolge der Ereignisse der Jahre 1944/45 wurde diese deutsche Volksgruppe völlig ausgeschaltet. Als im Oktober 1944 die letzten deutschen Truppen aus Kubin abzogen, flüchteten die Einwohner nach Norden, stiegen in Pantschowa (heute Pancevo) in Donauschleppkähne und wurden über Semlin nach Wien befördert. Die im Banat zurückgebliebenen Deutschen konnten 1948 die jugoslawische Staatsangehörigkeit erwerben, blieben aber in dürftigen Verhältnissen in landwirtschaftlichen Kolchosen.

 

Auswanderungen aus Grünwinkel im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert war Auswanderung das Ventil für das seit dem ausgehenden 18. Jahr­ hundert von Überbevölkerung bedrohten Europa.62 Politische Emigranten, wie z. B. diejenigen, die nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 enttäuscht ihre Heimat verließen, sind eine vergleichsweise kleine Minderheit. Die meisten Auswanderer verließen ihre Heimat aus wirtschaftlichen Gründen. Der überwiegende Teil der Bevölkerung war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch in der Landwirtschaft tätig, sei es auf eigenem Grund und Boden oder aber im Taglohn. Die Größe der landwirtschaftlichen Betriebe lag meist unter dem Existenzminimum, eine Folge der Realteilung, die im Erbfall zu einer Aufteilung des Grundbesitzes unter den Erben führte. Dadurch besaßen die meisten einen kleinen Acker. Um aber leben zu können, mussten sie noch in Taglohn gehen. Die Gemeinde hatte für heiratsfähige junge Männer und neue Familien kein Land mehr. Die Bevölkerung war gewachsen, der Boden aber nicht. Viele Generationen lang hatten die Menschen in Grünwinkel meist dort gelebt und gearbeitet, wo auch schon ihre Vorfahren ihr Brot gefunden hatten. Jetzt, wo Fortschritte in Medizin und Hygiene innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer Verdoppelung der Bevölkerung führten, waren die traditionellen Erwerbsformen in Landwirtschaft und Handwerk nicht mehr imstande, ausreichend Arbeit für alle zu bieten. Hinzu kamen Missernten infolge Nässe, insbesondere in den Jahren 1816/17 und 1846/47und die konjunkturellen Krisen der deutschen Wirtschaft in der Phase ihrer ersten Industrialisierung. Erst das Zusammentreffen der verschiedenen Missstände machte die Lage katastrophal, und wachsende Gemeindelasten führten zu einer steigenden Überschuldung der Gemeinden. So wurden ständige Wanderungsströme geprägt, die die in ihrer Heimat Überzähligen zwangsläufig dorthin führen mussten, wo sich ihnen eine wenigstens bescheidene Existenz bot.

Die Hungerkatastrophe der Notjahre 1816/17 löste wie eine Initialzündung einen langfristigen Auswanderungsprozess aus, der das ganze 19. Jahrhundert über andauern sollte. Wenn auch in den Jahren danach die Auswanderungszahlen wieder zurückgingen, so riss der Strom der Auswanderer nie ab. Wieder sind es Mitte des 19. Jahrhunderts dieselben Argumente und Klagen, die die Menschen dazu bewogen, ihre Heimat zu verlassen.

Die wirtschaftliche Not bewog die badische Regierung zu einer Änderung ihrer Haltung gegenüber dem 18. Jahrhundert. An die Stelle der Auswanderungsverbote trat jetzt nicht nur die Duldung, sondern sogar die Förderung der Auswanderungen durch Zuschüsse zu den Reisekosten. Einer Denkschrift des badischen Innenministeriums vom Januar 1849 an das ist die Haltung der badischen Regierung zu   entnehmen. „Dass die Bewohner einer Anzahl Gemeinden des Landes infolge eingetretener Überbevölkerung außerstande sind, sich und ihre Familien ehrlich zu ernähren, müssen wir als eine beklagenswerte, aber unwiderlegbare Wahrheit annehmen. Dass aber eine wirksame Beihilfe nur durch eine massenhafte Auswanderung jener Bewohner erzielt werden kann, ist nicht minder richtig. Es sei deshalb Pflicht des Staates, jenen Gemeinden, welche den Gemeindeaufwand einschließlich der Armenunterstützung nicht mehr selbst bestreiten können, die Auswanderungen in Gegenden möglich zu machen, wo die Arbeit einen reichlichen Lohn findet“.

Die badische Bevölkerung war bis 1846 kontinuierlich gestiegen und hatte 1846 einen Stand von 1.368.000 Menschen. Dieses Niveau erreichte Baden erst wieder 1861 nach einer langen Phase wirtschaftlicher Erholung. In der Zwischenzeit war ein deutlicher Bevölkerungsrückgang mit dem Tiefpunkt 1855 mit 1.315.000 Bewohnern eingetreten. Diese negative Bevölkerungsbewegung erklärt sich durch eine hohe Auswanderungsquote, die eine bis Mitte der 1850er Jahre hohe Auswandererzahl nach Übersee einschließt, mit den Höhepunkten in den Jahren 1852 bis 1854. Neben hohen Steuerlasten und Beamtenwillkür spielte die politische Unfreiheit, besonders im Vormärz, aber auch nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 als Motiv eine Rolle für die Auswanderungswilligkeit nach Nordamerika. Hier zeigt sich, dass die Gründe für die Revolution von 1848/49 und für die Auswanderungen ursächlich die gleichen sind. Neben den wirtschaftlichen Chancen des menschenleeren Kontinents lockte auch die politische Freiheit der jungen amerikanischen Republik. Nordamerika war nicht das einzige Land und schon gar nicht das erste Ziel der Auswanderer. Aber es wurde das wichtigste Ziel für Auswanderer, nicht nur in Baden, sondern auch für die Gemeinde Grünwinkel.

Das Auswanderungsgesuch war an den Gemeinderat zu richten, der die Auswanderung der meist armen Bürger unterstützte. Den ganz Vermögenslosen bewilligte die Gemeinde entsprechend den Vorgaben der Regierungspolitik Reisekostenzuschüsse und meldete dem Bezirksamt in aller Regel „dass diesem Vorhaben nichts im Wege steht“.

Im Visitationsprotokoll vom 21. November 1852 für die Gemeinde Grünwinkel ist festgehalten: „Innerhalb der letzten 20 Jahre sind aus der Gemeinde 20 Personen ausgewandert; 18 aus eigenen Mitteln und zwei durch Unterstützung aus Mitteln der Gemeindekasse. Einige ,lüderliche Subjekte‘ sind trotz der Armut der Gemeinde auf Kosten derselben nach Amerika verbracht worden“.

Die tatsächliche Zahl der Auswanderer lässt sich heute nicht mehr genau feststellen. Die Gemeinden haben erst ab etwa 1800 die Auswanderer in den Gemeindeakten verzeichnet und dies meist nur lückenhaft. Anmerkungen in den Akten tauchen nur dann auf, wenn die Gemeindeverwaltung oder das Land- bzw. Bezirksamt mit der Auswanderung befasst war. Aktenkundig wurden die Vorgänge dann, wenn ein offizielles Auswanderungsgesuch gestellt wurde oder Schulden zurückblieben. Wer keinen Besitz hatte und keine Schulden hinterließ, kam also nicht in die Akten.

Auswanderungsakte aus dem Jahr 1847.

Auswanderungsakte aus dem Jahr 1847.

Eine große Anzahl von Personen hat sich ohne Genehmigung oder Abmeldung entfernt. Bis   1809 musste man für die Entlassung aus dem Untertanenverhältnis eine Manumissionsgebühr bezahlen, die viele nicht aufbringen wollten oder auch nicht konnten. Die Schätzungen von Experten gehen dahin, dass 30 bis 40 % der Auswanderer heimlich, d. h. illegal ausgewandert sind. Manchmal waren die Gemeinden froh, einzelne Personen losgeworden zu sein, und schwiegen über deren Verschwinden. So haben viele Angehörige der badischen Armee im Zusammenhang mit den Revolutionsereignissen und der Besetzung des Landes durch die Preußen die Flucht nach Übersee angetreten. Diesen Auswanderern folgten in den 1850er Jahren wiederum Verwandte. Die Gemeinden hatten kein Interesse daran, im Zusammenhang mit den Nachwanderungen die Namen der „Flüchtlinge“ bloßzustellen.

 

Das bürokratische Verfahren seit 1804

Das förmliche Verfahren einer Auswanderung regelte ab 1804 das Gesetz vom 16. Dezember 1803.70 Danach musste der Ortsvorgesetzte die Auswanderungsabsicht sofort dem Amt mitteilen, das Vermögen und etwaige künftige Erbansprüche der Auswanderungswilligen feststellen und die Gründe für die Auswanderungsabsicht erfragen.

Daneben war die Finanzierung der Reise aufzustellen. Der Zeitraum zwischen Auswanderungsantrag und Auswanderungsgenehmigung lag meistens bei vier bis sechs Wochen. Junge, noch kontributionspflichtige Männer mussten ihre Freistellung vom Militär beantragen. Erst wenn alles erledigt war, reichte die Gemeinde das Auswanderungsgesuch an das zuständige Landamt. Hierbei wurde erwartet, dass die Gemeinde erläutert, ob der Auswanderungsgenehmigung Hindernisse im Wege stehen. Ein Auswanderungsgesuch musste abgeschlagen werden, wenn die Ehefrau eines Auswanderungswilligen nicht mit der Auswanderung einverstanden war, einem auswanderungswilligen Vater, wenn die Kinder „nicht selbst Lust zur Auswanderung haben“, eine genügende Reisefinanzierung oder ein Freistellungsantrag vom Militärdienst beim Kriegsministerium nicht vorlag. Die Genehmigung war für noch militärpflichtige Männer zu erteilen“so lange nicht ein Krieg bevorsteht und deshalb andere Bestimmungen getroffen sind“.

Nun hatte der Bürgermeister in der Karlsruher Zeitung und im Anzeigenblatt für den Mittelrheinkreis die Auswanderungsabsicht der Antragsteller bekannt zu geben. Im Ort erfolgte dies per Aushang. Für die Gläubiger der Auswanderer musste in dieser Anzeige ein Termin zur „Schuldenliquidation“ anberaumt werden, d. h., sie mussten nachweisen, dass sie schuldenfrei waren.

Manche Auswanderung drohte jetzt noch an den Schulden zu scheitern. Gelang es, die Gläubiger zu einem Schuldenerlass zu bewegen oder weitere finanzielle Hilfsmittel zu erschließen, dann stand der Auswanderung nichts mehr im Wege. Oft sprang aber auch die Gemeinde ein, damit die Leute „endlich“ abreisen konnten. Die Gemeinde refinanzierten diese Ausgaben dadurch, dass sie alljährlich den Allmendnutzen des Ausgewanderten versteigerte und so die Schuld einschließlich Zinsen abgetragen werden konnte. Dann fiel er zum gemeinschaftlichen Nutzen an die Bürger zurück.

 

Die Überfahrt in die USA

Schon die Anreise zum Überseehafen war beschwerlich. Einschiffungshäfen waren Le Havre, Liverpool, Antwerpen, Bremerhaven und Hamburg. Die natürlichen Häfen für Auswanderer aus Süd- und Westdeutschland lagen in den Niederlanden an der Rheinmündung.

Diese Häfen waren auf dem   Schiffswege zu erreichen. Auch Le Havre zog durch seine guten Verkehrsverbindungen viele Auswanderer an. Die Lage an der Seinemündung, schon ganz dem Atlantik zugewandt , sie verschaffte dem französischen Hafen für lange Zeit einen erheblichen Vorteil. Wer sich hier einschiffte, ersparte sich im Vergleich zu einer Abreise von Hamburg oder Bremerhaven unter Umständen mehr als zwei Wochen Seefahrt auf der oft stürmischen Nordsee und im ÄrmelkanaL Für Mittel- und Ostdeutschland war Hamburg das natürliche Tor zur Welt. Durch die Spezialisierung auf das Verbringen von Auswanderern in die USA und den Transport von Rohstoffen (Baumwolle, Reis, Tabak) von dort nach Europa entwickelte sich Bremen zum bedeutendsten Ausgangspunkt für Auswanderer. Die eigens hierfür gegründete Hafenstadt Bremerhaven war für mehr als hundert Jahre Ablegestelle für Auswandererschiffe. 1850 wählten etwas mehr als ein Drittel den Weg nach Le Havre, ein knappes Drittel schiffte sich in Bremerhaven ein. Jeweils zehn Prozent der Emigranten begannen ihre Überfahrt in Antwerpen, Liverpool oder Hamburg, der kleine Rest verteilte sich auf die übrigen Häfen wie London oder Rotterdam.

Nach Antwerpen konnte man den Schiffsweg auf dem Rhein ab Mannheim nehmen, nach Bremen auf der Weser ab Hannoverschmünden. Mit der Fertigstellung der Eisenbahnlinien wurden die Auswanderungshäfen immer mehr mit der Eisenbahn erreicht. Nach Le Havre konnte man schon 1850 von Köln aus mit der Eisenbahn kommen. Dabei musste man lediglich einmal in Paris den Zug wechseln. Nach Köln wiederum verkehrten auf dem Rhein bereits sehr früh Dampfboote, schon 1835 gab es eine durchgehende Verbindung von Straßburg bis zur Strommündung. Agenturen in Mannheim und Straßburg, später dann auch in Karlsruhe, vermittelten die Kontrakte mit den Reedereien und amerikanischen Verkehrs­ unternehmen. Sie sorgten in Zusammenarbeit mit dem „Badischen Verein zur Förderung der Auswanderung“ ab 1849 für eine Reisebetreuung. So erging im Juli 1854ein Bericht des Vereins an das Bürgermeisteramt Grünwinkel, der Erfahrungen und Ratschläge für Auswanderer enthält. Darin werden die deutschen Häfen vor den französischen bzw. niederländischen empfohlen und „insbesondere diejenigen, welche den Westen der Vereinigten Staaten aufsuchen, rathen wir, den Weg lieber über New-York als über New-Orleans zu nehmen. Im Sommer herrscht dort immer das gelbe Fieber (Gelbsucht) und macht man die Fahrt im Winter, so ist die Fahrt den Mississippi hinauf im höchsten Grad bedenklich“. Anlegehäfen in den USA waren im 18. Jahrhundert ausschließlich Philadelphia, im 19. Jahrhundert New-York und New Orleans, in wenigen Fällen auch Baltimore.

Weit mehr als die Hälfte der deutschen Auswanderer, die im 19. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten gekommen waren, hat die neue Heimat an Bord eines Segelschiffs erreicht, die meisten davon im Zwischendeck. Auf den Schiffen richteten sich die Fahrpreise nach der Ausstattung der Unterbringung. Die Fahrt in der ersten Klasse war natürlich wesentlich teurer als die Passage in den sehr beengten Verhältnissen des Zwischendecks. Da es Anfang des 19. Jahrhunderts noch keine ausgesprochenen Passagierschiffe gab, wurden Frachtschiffe, nachdem sie ihre Ladung gelöscht hatten, für die Rückfahrt nach Nordamerika in Passagierschiffe umgewandelt. Hierzu wurde unter dem Verdeck im Laderaum eine provisorische Holzdecke eingezogen. Innerhalb dieses ca. 1,70 m hohen Raums wurden sodann zweistöckige notdürftig ausgestattete Bettstätten errichtet, die von je zwei bis drei Personen benutzt wurden. Männer, Frauen und Kinder verbrachten hier sechs, acht oder mehr Wochen mit wenig Tageslicht und Luft und oft ohne sanitäre Einrichtungen.

Auswanderer im Zwischendeck um 1850.

Auswanderer im Zwischendeck um 1850.

In einer Verordnung über die Beförderung von Schiffspassagieren von 1847 ist u. a. festgelegt, dass das Zwischendeck von Deck zu Deck mindestens sechs Fuß (1 Fuß = 30 cm) hoch und das Deckenholz mindestens 1lh Zoll (1 Zoll = 3 cm) dick sein muss. Führte das Schiff mehr als 125 Passagiere, so mussten mindestens 4 Toiletten vorhanden sein. Die Kojen und sonstigen Schlafstellen durften nicht mehr als in 2 Reihen übereinander angebracht werden.

Die Dauer der Überfahrt war recht ungewiss. Es konnten günstige Winde für einen geraden Kurs unter vollen Segeln sorgen, aber auch lange Wochen lähmender Flaute oder widriger Stürme die Reise endlos werden lassen. Die kürzeste Überfahrt von Bremerhaven nach New York wird 1854 mit 17 Tagen, die längste 1866 mit 94 Tagen angegeben. Für die 1850er Jahre wurden Durchschnittswerte der Bremer Segelschiffe von 42 bis 65 Tagen für die Überfahrt in Westrichtung ermittelt.

 

Die Ankunft in den USA

Die deutschen Auswanderer waren gegenüber den englischen Auswanderern im Nachteil, weil sie die Sprache ihrer neuen Heimat nicht beherrschten. Sie waren nach einer niederdrückenden Überfahrt im Zwischendeck eine leicht Beute betrügerischer Agenten. Deren Ratschläge, Hinweise oder Empfehlungen hinsichtlich Übernachtungen, Arbeitsvermittlung usw. wurden um so lieber befolgt, wenn sie in deutscher Sprache gegeben wurden, zielten aber in vielen Fällen nur darauf ab, dem „Greenhorn“, wie der Neuangekommene verächtlich genannt wurde, das letzte Geld aus der Tasche zu ziehen. Gerade wer über wenig Mittel und gar keine Beziehungen verfügte, zahlte so bitteres Lehrgeld.

Briefe von Auswanderern lauteten oft zufrieden. Gerühmt wurde die Höhe des Taglohns, der für einen gewöhnlichen Arbeiter ein Dollar pro Tag betrage (im Vergleich hierzu 15 Pfennige in Baden). Handwerker würden leicht das Doppelte verdienen. Eine bedeutende Anzahl von Auswanderinnen hätte in den USA heiraten können, was in Baden nur schwer möglich gewesen wäre. Unter diesen Umständen sei es natürlich, dass die Leute – ein bisschen Heimweh abgerechnet – mit ihrem Schicksal wohl zufrieden seien und über den Fleischtöpfen Amerikas die mageren Kartoffeln der Heimat bald vergessen würden.

Zu diesem Schluss kam auch das badische Innenministerium in einem Bericht im Jahr 1857. Darin heißt es: „Die Nachrichten von jenen Auswanderern, deren Reiseziel Nordamerika war, lauteten mit einigen wenigen Ausnahmen sehr günstig. Wer zur rechten Jahreszeit in Amerika ankam und arbeiten wollte, fand bald reichlichen Verdienst, was auch aus den bedeutenden Summen hervorgeht, welche die Auswanderer in ihre frühere Heimat senden, um zurückgebliebene arbeitsunfähige Verwandte zu unterstützen und arbeitsfähige Verwandte in die neue Heimat nachkommen zu lassen“.

Und doch war die Auswanderung in ein so reiches Land wie die Vereinigten Staaten von Amerika ein Sprung ins Ungewisse. Einfache Menschen, die in einer überschaubaren Dorfgemeinschaft gelebt hatten und kaum je in ihrem Leben über die Grenzen ihrer engeren Heimat hinausgekommen waren, begaben sich auf eine keineswegs ungefährliche Seereise in ein Land, dessen Sprache sie nicht verstanden und dessen Lebensweise ihnen fremd war. Viele von ihnen ließen schon bald Verwandte nachkommen. Als Gruppe glaubten sie in der fremden Umwelt besser bestehen zu können.

Zu den bekanntesten deutschen Auswanderern zählt Franz Sigel. Franz Sigel war Generaladjudant und Stellvertreter des Oberbefehlshabers der badischen Revolutionsarmee Ludwik Mieroslawski. Nach dessen Rücktritt übernahm er seine Nachfolge. Nach den schweren Niederlagen der Revolutionsarmee ging Sigel nach mehreren Rückzugsgefechten mit dem Rest der badischen Revolutionsarmee am 11. Juli 1849 über den Rhein auf Schweizer Gebiet. Dort hielt er sich im Kanton Thurgau, in Zürich und in Bern auf und hatte meistens seinen jüngeren Bruder Carl Emil bei sich. Über Frankreich gelangte Franz Sigel nach England und emigrierte 1852 in die USA. Beim Ausbruch des amerikanischen Sezessionskrieges 1861 stellte sich Sigel auf die Seite der Nordstaaten, avancierte zum General und wurde Idol der deutschstämmigen Soldaten in der Nordstaatenarmee. Georg Sinner war ein begeisterter Anhänger der freiheitlichen Gedanken, die in den 1848/49er Jahren die Menschen erfüllten. Von einer aktiven Teilnahme an den Ereignissen hielt er sich fern. Trotzdem hielt er es für geboten, beim Vordringen der preußischen Truppen vorübergehend außer Landes zu gehen. Eine seiner Schwestern, Karoline (Lina genannt), heiratete später Carl Emil Sigel, den Bruder von Franz Sigel. Eine Gedenkplatte an der Ostseite der Grünwinkler Friedhofskapelle erinnert noch heute an Emil und Karoline Sigel.

Eine weitere außergewöhnliche Grünwinkler Auswanderergeschichte ist die von Tobias und Christina Sanderbeck. Tobias Sanderbeck (26 Jahre alt) und dessen Ehefrau Christina, geborene Knapp (27 Jahre alt), erklärten am 29. Januar 1847 vor dem Gemeinderat, dass sie „vorhabens seien, zusammen mit Anton Kuhm (24 Jahre alt) und dessen Ehefrau Katharina, geborene Lahr (22 Jahre alt) nach Nordamerika auszuwandern“. Beide Ehepaare waren kinderlos und der Gemeinderat bestätigte ihnen eine „gute Aufführung“. Das Vermögen der Eheleute Kuhm belief sich auf 760 Gulden (Geld und Fahrnisse, bewegliches Vermögen), das der Eheleute Sanderbeck auf 639 Gulden. Vor dem Großherzoglichen Landamt erklärten beide Ehepaare, dass „sie bereits Verwandte in Nordamerika haben, welche uns zugeschrieben haben, zu ihnen zu kommen, damit wir in Nordamerika unser Lebensglück besser begründen können“. Nachdem beide Ehepaare bei der Schuldenliquidation nachweisen konnten, dass sie ohne Schulden waren, wurde ihnen am 25. Februar 1847 die „Staatserlaubnis zur Auswanderung“ erteilt.

In aller Regel kann an dieser Stelle die Geschichte nicht weiter geschrieben werden, weil es an den erforderlichen Unterlagen fehlt. Tobias Sanderbeck und seine Frau Christina bilden hier jedoch eine Ausnahme. Eine Nachfrage beim Bürgerverein Grünwinkel durch einen Nachfahren von Tobias Sanderbeck im März 2005 ermöglicht es, das Leben von Tobias Sanderbeck und das seiner Geschwister in groben Zügen nachzuzeichnen.

Tobias Sanderbeck wurde am 11. September 1821 geboren. Er erlernt das Zimmerhandwerk und heiratete am 19. November 1846 in Grünwinkel Johanna Knapp aus Gochsheim. Der Vater von Tobias, Franciscus Sanderbeck, war von Beruf Zundelmann, der Vater von Johanna, Bernhard Knapp, wurde als Zunderkrämer bezeichnet. Der Zundelmann bzw. Zunderkrämer war ein Beruf, den man heute nicht mehr kennt. Zunder, Feuerstein und Stahl war vor Erfindung des Streichholzes ein ungefährliches, leicht transportables, nie versagendes Mittel des Feueranzündens. Auch zum Stillen von Blut war der Zunder von Bedeutung. Seine Weichheit, Leichtigkeit und Eigenschaft warm zu halten, machten ihn außerdem als Material für Mützen geeignet. Der Zunder stammt vom Löcherpilz oder echten Feuerschwamm (Poly­ porus fomentarius), der sich am Stamm alter Bäume ausbildet. Der Handel mit Zunder ging im 19. Jahrhundert Hand in Hand mit dem Bürstenhandel.

In den USA angekommen, ließen sich Tobias und Johanna Sanderbeck in Freedom, Pennsylvania, etwa 20 Meilen nordwestlich von Pittsburgh nieder. Dort lebte das junge Paar in einer Blockhütte. Tobias arbeitete als Steinmetz und gab 1854 seine badische Staatsbürgerschaft auf und wurde US-Bürger.

Tobias Sanderbeck hatte acht Geschwister, zwei überlebten das Kindesalter nicht. Zwei Brüder, Johannes und Ferdinand, wanderten ebenfalls nach Nordamerika aus. Von Johannes (geb. am 8. Februar 1829) erzählt sich die Familie in den USA noch heute, dass er seinen Militärdienst „beim Duke of Baden“ nicht antreten wollte. Als er deshalb und auch wegen seiner politischen Ansichten verhaftet wurde, flüchtete er und wanderte zu Fuß durch Frankreich nach Le Havre. Bei Nacht wanderte er und bei Tag schlief er und ruhte sich aus. In Le Havre schwamm er zu einem im Hafen liegenden Auswandererschiff hinaus. Sein Ankunftshafen in USA war New Orleans. Von dort aus nahm er Dampfboote den Mississippi und den Ohio-River hoch und kam nach Rochester in Pennsylvania. Rochester liegt in der Nähe von Freedom, wo Tobias lebte.

Ferdinand (geb. am 2. Februar 1839) war Maler in Freedom und erwarb 1873 die US­amerikanische Staatsbürgerschaft. Während einer Reise mit seiner Frau Elisabeth nach Deutschland starb Ferdinand. Elisabeth kehrte in die USA zurück.

1849 kam Frank Henry, das erste Kind von Tobias und Johanna Sanderbeck, zur Welt. Er war die erste US-amerikanische Generation, wie es der Nachfahre von Tobias Sanderbeck ausdrückt. Von seinen Eltern lernte er fließend Deutsch. Er erlernte das Zimmerhandwerk und war Modellschreiner bei Clinton lron and Steel. Für ein monatlich erscheinendes deutsch­sprachiges Magazin schrieb er Beiträge. Als Clinton lron and Steel 1925 an eine Eisenbahngesellschaft verkaufte wurde, fand Frank (zu diesem Zeitpunkt 76 Jahre alt) keine Arbeit mehr und konnte trotzdem ein sorgenfreies Alter genießen. Auf die Frage seines Ur-Enkels an seine Großmutter, wie Ur-Großvater das bei einer so großen Familie und bei einem kleinen Handwerkerlohn geschafft habe, antwortete sie, dass Frank Geld in Aktien der New York Telephone-Aktiengesellschaft angelegt hatte, deren Wert bei Übernahme durch die Western Union über Nacht um ein Vielfaches stieg. Heute leben die Nachfahren von Tobias Sanderbeck in der vierten Generation in den USA.

Das Beispiel von Tobias Sanderbeck und seiner Geschwister zeigt, dass gerade in den 1840er und 1850er Jahren sehr viele junge Menschen aus Grünwinkel ausgewandert sind. Sie standen künftig für Familiengründungen nicht mehr zur Verfügung. Diese Auswanderer haben der Gemeinde Grünwinkel wichtige Arbeitskräfte für den Aufbau von Industrie und Gewerbe entzogen.

Gründe für die Auswanderung gab es viele. Ein Artikel in der Karlsruher Zeitung vom 3. September 1848 gibt hierüber Aufschluss: „Seit einiger Zeit ist die Lust zur Auswanderung nach Amerika in unserer Gegend wieder sehr rege geworden. So wollen z. B. aus einem einzigen Orte, der nicht über 450 Seelen zählt, 20 Familien, also wenigstens 100 Köpfe auswandern. Außer dem Umstande, dass die Bevölkerung seit einigen Jahren rasch zugenommen hat, während nirgendwo mehr eine Scholle Erde urbar zu machen ist, trägt dazu besonders der in diesem Jahre so sehr fühlbare Mangel an Verdienst, infolge der Stockung aller Geschäfte und insbesondere der so tief gesunkene Holzpreis, das Meiste bei. Da nun diese Auswanderungslustigen nicht als arbeitsscheu und genußsüchtige Leute auswandern, sondern weil sie sehen, daß ihnen in ihrer Heimath bei allem ihrem Fleiße und bei allen Entbehrungen denen sie sich unterziehen, das Stücklein Brot täglich immer kleiner werden wird, so wird gewiß auch jeder Menschenfreund wünschen, daß diesen wackeren Leuten allerwärts hilfreiche Hand geboten werde, damit sie sich jenseits des großen Weltmeeres einen Herd aufbauen können, der ihnen und ihren Kindern hinreichende Nahrung liefert.

Mögen daher auch alle Gemeinden unserer Gegend solche nothgedrungene Auswanderer (und noch in Betracht, daß den Rückbleibenden dadurch große Vortheile wieder erwachsen) aus Kräften unterstützen, was sie bei ihrem Gemeindevermögen wohl können: Dadurch nämlich, daß sie die Güter dieser Auswanderer, welche sie um ihren wahren Werth nicht loswerden können, ankaufen. Sicherlich werden hierzu auch die höheren Staatsbehörden ihre Einwilligung geben, deßgleichen den Auswanderern auf dem Wege in die neue Heimath mit Rath und Tath an die Hand gehen.“

In vielen Fällen ging die Auswanderungsinitiative nicht von den Betroffenen, sondern von den Behörden aus. Die Auswanderung des Joseph Siegel (siehe hierzu die Ausführungen zu Joseph Siegel in der Auswandererliste) ist hierfür ein Beispiel. Der Aufwand für die auf Staatskosten nach Amerika beförderten Personen belief sich nach einem Bericht des badischen Innenministeriums durchschnittlich auf 92 Gulden (Ausrüstung für die Reise 11 Gulden, Überfahrtskosten einschließlich der Verköstigung 70 Gulden und Unterstützung in Amerika 11 Gulden).

Ab dem Jahre 1855 bemühte sich die Staatsregierung, durch Wirtschafrsförderung im Land Arbeitsplätze zu schaffen. Ganz zum Erliegen kamen die Auswanderungen zwischen 1890 und 1914.

Das Ansehen der Auswanderer war in den Augen der Bevölkerung zwiespältig. Durch Publikationen wurde der Eindruck erweckt, es handle sich um Menschen, die moralisch zweifelhaft und arbeitsscheu seien und denen man nicht nachzutrauern brauche. Dieses Bild ist aber vollkommen unzutreffend. Oft spielten hier auch Neid und Eifersucht denjenigen gegenüber mit, die es gewagt haben. Auch Benedikt Schwarz ist hier zu widersprechen, wenn er meint, diese Auswanderer hätten Grünwinkel nur aus Goldgier verlassen. Mögen ihre Motive auch unterschiedlich gewesen sein, eines lag ihnen immer zugrunde: die Hoffnung auf einen Neubeginn, auf die Chance zu einem besseren Leben.

Die Darstellung dieses Beitrags bemüht sich, ein sachliches und unserer Zeit angemessenes Bild zu zeichnen. Die Erstellung einer vollständigen Auswandererliste kann nicht gewährleistet werden. Material aus dem Besitz der Mitbürgerinnen und Mitbürger von Grünwinkel könnte diese Lücken schließen helfen.

 

Zuwanderungen

In der   zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Bevölkerung Grünwinkels sprung­ haft zu. Der Grund hierfür liegt nicht in der natürlichen Bevölkerungsbewegung, sondern in den starken Zuwanderungen in das vor den Toren von Karlsruhe und seiner Industrie gelegene Dorf. Sie führten in den beiden letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zu einer Verdoppelung der Bevölkerung Grünwinkels. Vergleicht man die Bevölkerungszahl vom 1. Januar 1900 mit der von 1850, dann hat sich diese vervierfacht und im Vergleich zum Beginn des 19. Jahrhunderts sogar verachtfacht. Diese hohen Zuwanderungen, besonders aus den Nachbarstaaten Badens, sind nicht nur ein Phänomen von Grünwinkel. Bei der Volkszählung im Jahr 1900 lebten in Baden 222.401 Personen, das sind 11,91 % der Gesamtbevölkerung, die außerhalb Badens ihren Geburtsort hatten. Das erklärt sich hauptsächlich in der Lage des Landes Baden, der Art und Länge seiner Grenzen, seiner Besiedlung, der Entwicklung des Verkehrs und der Industrie. Sechs Staaten hatte Baden zu Nachbarn. Im Süden die Schweiz, im Westen die bayrische Pfalz, im Norden Hessen und Bayern, im Osten Württemberg und Hohenzollern.

Artikel_32-05

Bevölkerungswachstum 1867 – 1905 nach Herkunft.

 

In den Landgemeinden der Rheinebene herrschte eine hohe „Ortsgebürtigkeit“. Die Einwohner der meisten Orte bestanden aus über 90 % der im Ort selbst Geborenen. Nur wenige Orte hatten weniger als 70 % Einwohner, die im Ort geboren waren. Zwischen Weinheim und Karlsruhe gab es nur sieben Orte, deren Anteil an „Ortsgebürtigen“ geringer als 70 % war. Zu diesen sieben Orten gehörte auch Grünwinkel. Die nachfolgende Tabelle gibt über die Herkunft der Bevölkerung Grünwinkels am 1.Januar 1900 Auskunft.

Artikel_32-06

Ursache für die vielen Zuwanderungen nach Grünwinkel war die ansässige Industrie im Ort selbst, aber auch der in der Nähe erbaute Rheinhafen (1897 bis 1901) und die bereits weit entwickelte Industrie der Stadt Karlsruhe. Am 1. Januar 1900 arbeiteten in der Gesellschaft für Brauerei, Spiritus und Presshefefabrik, vorm. G. Sinner 376 (347 männliche und 29 weibliche) in der Ziegelei 16 (14 männliche und 2 weibliche) und in einem Baugeschäft 13 Menschen. 218 (194 männliche und 24 weibliche) Arbeiterinnen und Arbeiter kamen täglich aus der Umgegend zu ihrem Arbeitsplatz nach Grünwinkel Andererseits gingen 158 Grünwinkler (135 männliche, 23 weibliche) täglich zur Arbeit nach Karlsruhe.

Eine weitere Tabelle zeigt dieses stetige Anwachsen der Zuwanderungen in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auf:
Die meisten der so nach Grünwinkel gekommenen Menschen stellten einen Antrag auf Erteilung der badischen Staatsbürgerschaft. Diesen Anträgen sind die Familienverhältnisse und die Berufe zu entnehmen.

 

Wohnverhältnisse

Ein Vergleich der Anzahl der Wohngebäude zwischen 1890 und 1895 lässt ein starkes Ansteigen erkennen. Dieser Anstieg entspricht der Zunahme der Haushaltungen in Grünwinkel. Da es kaum leerstehende Wohnungen gab, mussten sich junge Ehepaare mitunter mit einem kleinen Raum im elterlichen Haus begnügen. Obwohl in anderen Landgemeinden keine Miethäuser gebaut wurden, ist Grünwinkel eine der wenigen Gemeinden, in denen zum Ende des 19. Jahrhunderts größere Häuser entstanden, die zwei und mehr Haushaltungen aufnahmen. Die Wohnungen der Arbeiter hatten, ebenso wie in den Städten, überwiegend einen Wohn- und einen Schlafraum. Die Trennung zwischen Wohn- und Schlafräumen erfolgte sehr oft nicht durch Trennwände, sondern durch Schränke und Vorhänge. Als Schlafraum wurde der kleinste und schlechteste, meistens nur mit einem kleinen Fenster versehene Raum genutzt. Das Fenster wurde kaum zum Lüften geöffnet, im Winter um die Kälte nicht einzulassen, im Sommer, damit es kühl blieb und die Fliegen nicht ein­ drangen. In engem Zusammenhang mit den kleinen Schlafräumen stand auch die Zahl der verfügbaren Betten. Selbst wenn der Wille und das Geld für die Anschaffung von Betten vorhanden waren, fehlte es oft am nötigen Platz. Die Anschaffung eines Bettes bedeutete für eine Familie eine große Ausgabe, und deshalb schränkte sie sich so lange es ging ein. Die Regel war, dass zwei große Betten in den jungen Haushalt eingebracht wurden; regelmäßig folgte dann noch ein Kinderbett. Erst wenn jedes Bett mit zwei Personen belegt war, wurde ein weiteres Bett angeschafft. Die knappe Bettenzahl, die in gesunden Tagen eben gerade noch ausreichte, ließ bei Eintritt von Krankheiten, insbesondere von Lungentuberkulose, die erforderliche Trennung der Kranken nicht zu.

Artikel_32-07

Die meisten Gebäude hatten nur ein Stockwerk. Über dem Vollgeschoß erhob sich noch ein bewohntes Dachgeschoss mit schrägen Wänden. Um die Jahrhundertwende entstanden mehrere zweigeschossige Wohnbauten.

Die Abortanlagen waren fast alle auf dem Hof oder unter einer Remise in der Nähe des Dunghaufens angelegt. Weil zu den meisten Häusern ein Stallgebäude gehörte, hielt man es für zweckmäßig, eine gemeinsame Dunggrube für menschliche und tierische Abfallstoffe zu errichten. In den neu errichteten Häusern wurden die Aborte innerhalb der Wohnhäuser angebracht. Die Gruben waren aber, trotz strenger Kontrollen, nicht immer dicht. In der Regel gab es für ein Haus nur eine Abortanlage, unabhängig davon, ob eine oder fünf Familien darin wohnten. Bei den neu errichteten Gebäuden ging man dazu über, für jede Familie einen Abort zu errichten. Eine Wasserleitung gab es Ende des 19. Jahrhunderts in Grünwinkel noch nicht. Pump- und Ziehbrunnen lieferten gutes, zum Trinken geeignetes Grundwasser. Auf dem Hochgestade gelangte man in etwa zehn bis zwölf Metern Tiefe auf Grundwasser. Einige Brunnen wurden von der Gemeinde errichtet und unterhalten, daneben hatten aber einige Hauseigentümer eigene Brunnen im Hof. Meistens waren mehrere Familien auf die Benutzung eines Brunnens angewiesen. Für die Benutzung des Brunnens ließen sich die Hauseigentümer ein geringes Entgelt geben (eine Mark im Jahr). Durch den kiesigen Untergrund war das Grundwasser gut gefiltert und somit zum Trinken auch geeignet.

Die Ausstattung der Wohnungen wies große Unterschiede auf. In Ziegeleiarbeiterwohnungen waren meist raue Holzböden, schlecht geweißelte Wände und Decken, aus rohen Brettern selbst geschreinerte Betten und Tische vorzufinden. Die Kleider hingen an den Wänden oder lagen in Kisten. Dem entsprach die Unsauberkeit der Zimmer. Dies war sicher eine Frage des geringen Verdienstes, aber auch der Tatsache, dass die Frau dem Mann, trotz vieler Kinder, oftmals bei der Arbeit helfen musste. Demgegenüber stand der Haushalt des gutbezahlten Vorarbeiters: Geräumige, helle Wohnung, gestrichene Böden, teilweise mit guten Teppichen belegt, schön tapezierte Wände, Betten aus poliertem Nussbaumholz mit feinen weißen Überdecken, gute Stühle und Sofa um den Tisch, große Vorhänge an den Fenstern, Kleiderschränke und Kommoden, Blumen und Bilder; überall peinliche Sauberkeit und gute Luft in den Räumen. Zwischen diesen beiden Gegensätzen bewegten sich die Ausstattungen der Wohnungen, keine der anderen gleich.

Soweit ein Haushalt Landwirtschaft betrieb, war ein eigenes Haus mit Scheuer, Stall und Hof ein unbedingtes Erfordernis. Das machte sich auch bei den Arbeitnehmerhaushalten, die eine größere landwirtschaftliche Fläche betrieben, bemerkbar und trieb sie vielfach zum Bau eines eigenen Hauses an. Ein Arbeiter, der eine kleine, völlig unzureichende Wohnung hatte und im Begriff war, ein neues Haus zu errichten, erklärte auf Befragen, „dass er nicht wegen der besseren Unterbringung der Familie, sondern das Haus wegen der Unterbringung seiner Kühe und Feldfrüchte bauen wolle.“

Die jährlichen Mietpreise der Wohnungen in den ländlichen Dörfern lagen durchschnittlich bei 50 – 75 Mark für eine Einzimmerwohnung, 75 – 100 Mark für eine Zweizimmerwohnung und zwischen 100 und 150 Mark für eine Dreizimmerwohnung. Die Mietpreise waren in Grünwinkel merklich höher als in anderen Gemeinden. Eine Zweizimmerwohnung kostete durchschnittlich 90 Mark Jahresmiete, eine Dreizimmerwohnung 200 Mark. Im Dachgeschoss ermäßigte sich der Mietpreis auf 75 Mark. Die Mitbenutzung des Stalles für eine Kuh oder Ziege waren in dem obigen Preis enthalten.

Durch das schnelle Wachsen der Gemeinde Grünwinkel war die Gemeindeverwaltung vor eine große Aufgabe gestellt, nämlich das Erschließen geeigneten Baugeländes. An geeignetem Grund und Boden fehlte es nicht. Das Gelände zwischen der Straße nach Mühlburg und dem Westbahnhof eignete sich bestens dafür. Baugelände wurde ausschließlich an Bürger zum Preis von einer Mark je Quadratmeter abgegeben obwohl der Verkehrswert bereits 2,50 Mark je Quadratmeter betrug. In einem Bericht an das Großherzogliche Innenministerium ist zu lesen: „Es wird daher einzelnen Bürgern ein ansehnliches Geschenk auf Kosten der Allgemeinheit gegeben. Es ist vorgekommen, dass Bürger ihr altes Haus gut verkauften, um sich durch den Neubau eines Hauses auf dem Allmendgut in Besitz des Geschenkes zu setzen. Nach dem Inhalt des in Betracht kommenden Gemeindebeschlusses kann diesem Missbrauch nicht entgegen getreten werden; ebenso wenig kann verhindert werden, dass durch Verkauf eines auf dem Allmendgur erstellten Hauses der hohe Wert des Bodens realisiert wird, dass namentlich Bauspekulanten sich im Bunde mit Bürgern in den Besitz des Grund und Bodens setzen. Vorgekommen sollen derartige Fälle bis jetzt nicht sein; für die derzeitigen Inhaber von Häusern auf dem Allmendgut besteht vorläufig kein triftiger Anlass, zum Verkauf zu schreiten, solang sie steigende Miete erzielen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Gemeinderat und Bürgerausschuss – beide Kollegien setzen sich seit kurzer Zeit aus Anhängern der sozialdemokratischen Partei zusammen – der Verschleuderung des Allmendguts ein Ziel setzt, wenn nicht zuvor Grünwinkel der Stadtgemeinde Karlsruhe eingegliedert wird. Die Aussicht auf das baldige Eintreten der Eingemeindung ist allerdings geeignet, die Initiative zu lähmen.“ Dies ist aus heutiger Sicht sicher etwas anders zu bewerten. Es zeugt von der Weitsichtigkeit der Verantwortlichen für die Gemeinde. Durch diese Maßnahme wurden der Wohnungsbau in Grünwinkel gefördert und bessere, vor allem gesündere Wohnverhältnisse geschaffen. Und noch etwas wurde mit dieser Maßnahme er­ reicht. Das Gewann war Gemeindevermögen und die kurz bevorstehende Eingemeindung nach Karlsruhe hätte dieses Gelände dem Eigentum der Stadt Karlsruhe zugeführt. So wurde es noch kurz vorher den Bürgern von Grünwinkel ermöglicht, dieses Gelände zu einem günstigen Preis zu erwerben. Aufgrund des Beschlusses des Bürgerausschusses konnten nur Grünwinkler Bürgerinnen und Bürger ein solches Baugrundstück erwerben.

Unten stehende Tabelle gibt einen Überblick über die Wohnverhältnisse von sechs Grünwinkler Arbeiterfamilien. Der Text der Tabelle ist wörtlich übernommen.

Artikel_32-08

 

Wirtschaftliche Bilanz von zwei Grünwinkler Arbeiterfamilien Ende des 19. Jahrhunderts

Das Budget von zwei Grünwinkler Arbeiterfamilien wurde 1904 veröffentlicht. Die Einkünfte beliefen sich für einen Küfer (Familie 1; sie bestand aus Vater, Mutter und zwei Kindern) für 280 zehnstündige Arbeitstage auf 1.878 Mark und für einen Walzenführer (Familie 2; ebenfalls Vater, Mutter und zwei Kinder) auf 1.166 Mark. Diese Nettoeinkommen der beiden Familien wurden ausgegeben für:

Eine Arbeiterfamilie gab also über 55 % ihres Jahreseinkommens für die Ernährung aus, etwa 15 – 17 % für Wohnung und Heizung und 8 – 9 % für Kleidung. Für „Sonstiges“ blieben Familie 2 nur 143 Mark. Das sind rund 12 % des Jahreseinkommens.

Um einen Eindruck über die Kaufkraft der Löhne zu geben, seien hier noch die Preise einiger Lebensmittel erwähnt. In seinen Untersuchungen gibt der großherzogliche Fabrikinspektor Fuchs 1904 eine Beschreibung von zwei Grünwinkler Familien, die die Lebenshaltung an der Wende vom 19. zum20. Jahrhundert veranschaulichen.

 

Kernmacher in einer Eisengießerei, wohnhaft in Grünwinkel, 43 Jahre alt

„Arbeitete zuerst bei den Maurern als Taglöhner, kam dann in verschiedene Fabriken und ist seit 17 Jahren in seinem jetzigen Arbeitsverhältnis. Heiratete mit 31 Jahren; vier Kinder im Alter von 8- 16 Jahren, wovon die älteste Tochter in einer Papierwarenfabrik beschäftigt ist. Der Mann verdient zur Zeit 32 Pf. pro Stunde; im Jahr 1901verdiente er nur 30 Pf., der Jahresverdienst betrug 885 Mark. Die Tochter verdient erst 1 Mark täglich; sie gibt den ganzen Verdienst zu Hause ab …

Die Mietwohnung kostet jährlich 192 Mark. 2 Zimmer, Küche und Zubehör; ist der Familie zu teuer, wird daher bald wieder aufgegeben werden. Der Weg nach der Fabrik wird zu Fuß zurückgelegt. 1/4 Stunde für den Vater, ½ Stunde für die Tochter.

Das Frühstück ist Kaffee mit Brot (am Sonntag Wecken), das Vesper des Mannes am Vormittag ist Kaffee, Brot und Käse. Das Mittagessen ist Kartoffeln und Salat oder Ähnliches, nur am Sonntag 1 Pfund Fleisch. Der Vater geht zum Essen nach Hause, die Tochter bekommt das Essen gebracht. Abends gibt es stets Kaffee und Brot. Die Tochter bekommt außer Brot noch 5 Pfennig täglichmit. Der Mann sieht schlecht genährt aus . . . Liest eine Zeitung; ist Mitglied eines Feuerwehr- und Turnvereins.“

 

Weißgerber in einer Lederfabrik, wohnhaft in Grünwinkel, 27 Jahre alt.

„Ist gebürtig aus der Oberpfalz, kam in die Lederfabrik in die Lehre und blieb mit geringer Unterbrechung da; heiratete mit 23 Jahren eine Frau aus Grünwinkel; ein Kind ist 5 Jahre alt.

Der Mann hat 37 Pfennig Stundenlohn; es wird in der Woche selten mehr als 55 Stunden gearbeitet. Jahresverdienst für 1901 1.008 Mark. In der freien Zeit sucht er durch den Vertrieb von Fahrrädern Nebenverdienst zu erzielen. Nach seinen Angaben werden dadurch jährlich ca. 200 Mark erworben…

Bewohnt ein Parterregeschoss eines alten Hauses; 2 Zimmer, Küche samt Zubehör für 162 Mark jährliche Miete.

Am Morgen gibt es Kaffee und Wecken. Die Zwischenmahlzeiten bestehen aus ½ bis 1 Flasche Bier, Brot, Wurst oder Käse; am Nachmittag fehlt letzteres. Das Mittagesse: Gemüse und 4 Mal (1/2 – 1 Pfund) Fleisch. Abends: Kaffee oder Kartoffeln und Sauermilch. Am Sonntag geht er allein oder mit Familie ins Wirtshaus .. .“

Artikel_32-09

 

Die Bevölkerung nach ihrem Hauptberuf am 14. Juni 1895

Dass Grünwinkel am volkswirtschaftlichen Fortschritt Badens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts teilhaben konnte, verdankt es ausschließlich den Beschäftigungsmöglichkeiten in der Brauerei Sinner. Die überragende Bedeutung dieser Fabrik als Erwerbsquelle für die Einwohner Grünwinkels wird aus der nachfolgenden Statistik deutlich:

 Artikel_32-10

Demnach waren 1895 30,7 % der Industriearbeiter von Grünwinkel bei der Brauerei Sinner (Nahrungs- & Genussmittel) beschäftigt, 21,5 % in den nahegelegenen Maschinenfabriken (Deutsche Metallpatronenfabrik AG, später IWK, Nähmaschinenfabrik Junker und Ruh und Maschinenbaugesellschaft), rund 8% in den Ziegeleien und 15 % im Baugewerbe. Unberücksichtigt sind hier Dienstboten und Gehilfen.

 

Sozialstruktur an der Wende zum 20. Jahrhundert

Einblicke in die Bevölkerung von Grünwinkel bieten uns erhaltene Steuerlisten aus den Jahren 1889 – 1900 aus denen wir neben soziologischen Zusammenhängen auch die soziale Stellung des Einzelnen erkennen können, weil der Beruf und die der Steuererhebung dienenden Steuerkapitalien angegeben sind. Wir haben die Liste der Steuerpflichtigen aus dem Kataster der Grund-, Häuser- und Erwerbssteuern 1. Januar 1900 ausgewählt, eine Zeit, in der der industrielle Aufbruch in vollem Gang war.

Im Jahr 1900 waren die Steuerpflichtigen in vier Gruppen eingeteilt:

  1. in die der Körperschaften (Gemeinde, Stiftungen und Aktiengesellschaften)
  2. die der Gewerbetreibenden,
  3. in die Gruppe der Landwirte, Handwerker, Arbeiter und Taglöhner und
  4. in die Gruppe der Kapitalrentensteuerpflichtigen (Personen ohne Erwerbstätigkeit).

Die Steuerpflichtigen wurden nach a) dem Grund- und Häusersteuerkapital (dem Besitz aus Ackerland und Gebäuden), b) dem Gewerbesteuerkapital (dem Gewinn aus Gewerbebetrieb), c) dem Einkommensteuerkapital (den Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit, aber auch aus einem Gewerbebetrieb) und d) dem Kapitalrentensteuerkapital (Einkünfte aus einem Rentenstamm) besteuert (s. die im Kapitel „Die Gemeinde Grünwinkel“ S. 101 dargestellte Übersicht der absoluten Steuerbeträge).

 

Grund, und Häusersteuer

Über 68 % des Steueraufkommens wird von der Gesellschaft für Brauerei, Spiritus und Presshefefabrikation, vormals G. Sinner, getragen. Die Kreisgrafik zeigt die Verteilung des restlichen Aufkommens auf die Steuerzahlergruppen nach Berufen. ,,Auswärtige“ sind Personen, die in Grünwinkel Grundbesitz, ihren Wohnsitz aber außerhalb von Grünwinkel haben. Darunter befinden sich u.a. Karl Sinner aus Mannheim, Freiherr von Seideneck aus Mühlburg, Ludwig Kist (ehemals Wirt des Badischen Hofes), der seinen Wohnsitz nach Karlsruhe verlegt hat, sowie weitere 24 Personen, die in den umliegenden Dörfern Bulach, Beiertheim, Daxlanden und Mühtburg ihren Wohnsitz haben.

Artikel_32-11

 

Gewerbesteuer

Auch bei der Gewerbesteuer dominiert die Gesellschaft für Brauerei, Spiritus und Presshefefabrikation, vormals G. Sinner, als Steuerzahler, die 99 % des Aufkommens trägt. Die Aufteilung auf die übrigen 47 Gewerbetriebe zeigt das obenstehende Diagramm.

Mit der Ziegelei und der Lackfabrik Odenwald, vormals Rudolf Linke, waren zwei weitere größere Gewerbebetriebe in Grünwinkel ansässig. Auffallend sind auch die bestehenden Handelsgeschäfte (Lebensmittelgeschäfte). Dies hängt wohl mit dem Anwachsen der Bevölkerung des Dorfes um die Jahrhundertwende zusammen, hat aber auch seine Ursache in den vielen durch Grünwinkel ziehenden Menschen zu und von ihrer Arbeit in Karlsruhe und am Rheinhafen.

Artikel_32-12

 

Einkommensteuer

Der niederste Einkommensteueranschlag betrug 100 Mark, was praktisch die unterste Armutsgrenze bedeutete, der höchste lag bei 17.000 Mark. Im Folgenden soll aufgezeigt werden, wie sich diese Steueranschläge auf die am 1. Januar 1900 vorhandenen 394 Einkommensteuerzahler verteilen.

Von den Steueranschlägen wurden Umlagebeträge von 60 Pf. je 100 Mark Steueranschlag erhoben, auch wenn diese nur Pfennigbeträge pro Jahr ausmachten. Die Finanzwissenschaft registriert dies unter Breitenwirkung des Steuersystems. In der Gruppe der Steuerzahler von 100 Mark Steuerkapital finden sich in erster Linie Arbeiter und Taglöhner, aber auch ein „Billetteur“ am Hoftheater. Die meisten Einkommensteuerzahler sind der Gruppe 100 bis 200 Mark Steueranschlag zuzuordnen. Auch hier finden sich meist Arbeiter und Taglöhner, aber auch Handwerker (Gesellen und Gehilfen), Postboten und selbständige Landwirte. In der Gruppe 200 bis 400 Mark sind Berufe wie Brauer, Mälzer, Buchdrucker, Expedient und die mit der Industrialisierung auf, kommenden Berufe wie Maschinenschlosser und Dreher dominierend. Bei den Grünwinklern mit über 700 Mark Steueranschlag sind dann die selbständigen Gewerbetreibenden und die Wirte anzutreffen. Bei 975 Mark Steueranschlag werden Ingenieure der Fa. Sinner genannt. Steuern von 1.500 Mark Steueranschlag werden von einem Hauptlehrer erhoben und von 2.000 Mark von einem Bürochef, Ingenieur und Müllermeister. In der Gruppe 2.000 bis 5.000 Mark sind ein Bürochef, Ingenieure und Prokuristen von Sinner genannt. Die Steuerkapitalien über 10.000 Mark betreffen einen Direktor und Chemiker sowie einen Braumeister. Auf ihn entfällt mit einem Steueranschlag von 17.000 Mark die höchste Steuerbelastung.

 Artikel_32-13

 

Ausgeübte Berufe

Am 1. Januar 1900 konnten 335 nichtselbständige Steuerzahler 18 verschiedenen Berufsgruppen zugeordnet werden. Die Bezeichnung Arbeiter und Taglöhner überwog. Die mit der Industrialisierung aufkommenden Berufe wie Maschinist, Dreher, Büroassistent und Techniker kamen hinzu. Als Arbeitgeber sind die Gesellschaft für Brauerei, Spiritus und Presshefefabrikation, vormals G. Sinner, genannt, die in Grünwinkel ansässigen Gewerbebetriebe (Ziegelei Gutmann, Lackfabrik Odenwald, Bauunternehmen Litsch, Handwerker und Kaufleute) und die Fabriken in Karlsruhe wie die Maschinenbaugesellschaft Seneca, Deutsche Metallpatronenhülsenfabrik Junker & Ruh, Wimpfheimer, Trier & Gros, die Bijouteriefabrik Christofle & Co und die Glacehandschuhfabrik Wilhelm Elstätter. Nicht nur als Steuerzahler, sondern auch als Arbeitgeber war die Gesellschaft Sinner für Grünwinkel von unschätzbarem Wert. Von den 335 Grünwinkler Arbeitnehmern am 1. Januar 1900 arbeiteten 185, das sind über 55 %, „im Sinner“. Auffallend ist die hohe Anzahl an Bauhandwerkern (Zimmerleute, Maurer, Schreiner und Blechner), aber auch die in der Verwaltung der Fabriken tätigen Menschen wie der Buchhalter, Kassendiener, Bürochef und der „Comptoirist“. Der „Comptoirist“ (veraltet für Kontorist) ist vergleichbar dem heutigen Verwaltungsangestellten.

Das Diagramm zeigt die unterschiedlichen Berufe der Grünwinklerinnen und Grünwinkler auf.

 Artikel_32-14

Anband der Steuerkataster lässt sich der Strukturwandel Grünwinkels vom Bauern­ zum Arbeiterdorf eindeutig nachvollziehen. Dieser Wandel war bereits am 1. Januar 1900 vollzogen. Von den 394 Einkommensteuerzahlern waren nur noch vier Landwirte. Durch die Gesellschaft für Brauerei, Spiritus und Presshefefabrikation, vormals G. Sinner, war der überwiegende Teil der Bevölkerung im Ort selbst tätig. Insofern war die Bevölkerung bei der Eingemeindung noch nicht so sehr nach Karlsruhe integriert, wie andere zu dieser Zeit eingemeindete Vororte. Dort war der größte Teil der Bevölkerung in den Fabriken von Karlsruhe tätig.