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gesprochen von Markus Kambeck

 

Der öffentliche Nahverkehr

Neben den Straßenverbindungen mit Karlsruhe und den benachbarten Gemeinden ermöglichte die 1890 eröffnete Lokalbahn den öffentlichen Personenverkehr von der Kapellenstraße über Grünwinkel nach Durmersheim. Auf Drängen der Gemeinden in der nördlichen und südlichen Hardt, die eine moderne Verkehrsverbindung in die Landeshauptstadt und deren Betriebe und damit Verdienstmöglichkeiten für ihre Bewohner wünschten, sowie zähen Verhandlungen mit der Stadt und möglichen Betreibern der Bahnlinie konnte das Großherzogliche Ministerium der Finanzen am 2. Dezember 1889 den „Bau und Betrieb einer Lokalbahn von Durmersheim nach Mühlburg und Karlsruhe nebst einer Abzweigung von Grünwinkel nach Daxlanden sowie von Karlsruhe nach Spöck“ erlauben. Die Konzession für diese meterspurige Bahn wurde auf 50 Jahre erteilt.

Der Bahnhof in Grünwinkel um 1900.

Der Bahnhof in Grünwinkel um 1900.

Die südliche Linie verlief vom Lokalbahnhof an der Kapellenstraße in die Kriegsstraße, am damaligen Hauptbahnhof vorbei, weiter durch die Kriegsstraße bis zum Weinbrennerplatz, dann durch die Weinbrennerstraße, die Yorkstraße zum Haltepunkt „Schwimmschule“ beim heutigen „Kühler Krug“, durch die Zeppelinstraße zum Grünwinkler Bahnhof unweit der Gaststätte „Lokalbahn“ (heute „Brauhaus Moninger“). Der Bahnhof stand auf dem Gelände des heutigen Einkaufzentrums des Mo­ninger­Areals, ungefähr gegenüber dem alten Pfarrhaus, der heutigen Firma „Union Apparatebau“. Vom Bahnhof Grünwinkel aus fuhr die Bahn im Bogen hinter der Gaststätte „Lokalbahn“ vorbei zur Durmersheimer Straße. Auf der Ostseite dieser Straße fuhr sie in südlicher Richtung durch Grünwinkel. Südlich der Pulverhausstraße lag das Gleis auf einem eigenen Gleiskörper am östlichen Straßenrand der heutigen B36. Es war von einer Allee schöner Pappeln flankiert und verlief so bis etwa zur heutigen Messe. Dort überquerte die Bahn die Straße und führte entsprechend der heutigen Stadtbahntrasse durch die Felder nach Forchheim und Mörsch bis Bickesheim und Durmersheim. Die 15,8 km lange Strecke konnte am 6. Oktober 1890 eröffnet werden.

Zur Herstellung der Lokalbahn Karlsruhe – Durmersheim musste auf der Gemarkung Grünwinkel das zur Hofraite des Landwirts Albecker gehörige, 82 qm umfassende Grundstück erworben werden. Da Albecker mit 2.000M für den Quadratmeter weit überzogene Forderungen stellte – der Wert des Grundes betrug nach Ansicht des Bezirksamtes nur 3M –, drohte eine Zwangsenteignung. Dieser entzog sich der Landwirt, indem er doch noch „freiwillig“ sein Grundstück abgab. Der Preis sollte „durch gerichtlichen Entscheid festgestellt“ werden. Auf dem Albecker­-Gelände steht heute das Silo der ehemaligen Firma Sinner. Auch der Verlauf des Lokalbahngleises am Bogen zwischen Zeppelin­ und Durmersheimer Straße ist noch zu erahnen. Die ursprünglich geplante Abzweigung von Grünwinkel nach Mühlburg wurde nicht ausgeführt, weil inzwischen eine Eisenbahnlinie von Karlsruhe über Mühlburg nach Maxau und weiter über den Rhein in die Pfalz gebaut worden war und somit Mühlburg anderweitig bedient war. Auch die anfangs mit Beginn des Bahnbetriebes geplante und zugesagte Abzweigung von Grünwinkel nach Daxlanden ließ zum Ärger der Daxlander sehr lange auf sich warten. Erst nachdem Daxlanden im Jahr 1910 eingemeindet worden war, baute man 1912/13 diese Strecke. Sie wurde am 8. Dezember 1913 in Betrieb genommen. Es wurde aber nicht einfach eine Abzweigung von der bestehenden Linie nach Durmersheim am Südende von Grünwinkel gebaut, sondern ein neues Gleis vom Bahnhof Grünwinkel parallel zum bestehenden Gleis durch die Durmersheimer Straße bis zum Südende Grünwinkels verlegt, dann durch die Pfalzstraße (heute Rheinhafenstraße) bis zum vorläufigen Endpunkt bei der Rappenwörtstraße.

Lageplan mit dem strittigen Grundstück des Landwirts Albecker.

Lageplan mit dem strittigen Grundstück des Landwirts Albecker.

Für die Grünwinkler hat das zusätzliche Gleis auf der Durmersheimer Straße manche Gefahren mit sich gebracht. Kam es doch vor, dass auf beiden Gleisen mehr oder weniger gleichzeitig Bahnen nach Süden oder Norden verkehrten. Dann war die Straße auch für das damalige Verkehrsaufkommen schon einigermaßen eng. Besonders in Höhe der Kapelle, die damals noch an der Durmersheimer Straße stand und sogar in diese hineinragte. Die Kapelle wurde deshalb 1913 auf Kosten des Geheimrats Sinner abgetragen und an der Alb wieder errichtet. Dies bescherte Grünwinkel bis heute den wunderschönen Platz bei der Kapelle an der Alb.

Die beiden Gleise des Lobberles in der Durmersheimer Straße in Höhe des ehemaligen Gasthauses Strauß (links) und des schräg gegenüberliegenden Gasthauses Rössle (nicht mehr abgebildet).

Die beiden Gleise des Lobberles in der Durmersheimer Straße in Höhe des ehemaligen Gasthauses Strauß (links) und des schräg gegenüberliegenden Gasthauses Rössle (nicht mehr abgebildet).

Die wohl bekannsteste historische Aufnahme aus Grünwinkel stammt aus dem Jahr 1904 und zeigt die heutige Durmersheimer Straße mit der Kapelle und dem Lobberle aus dem Hintergrund andampfend.

Die wohl bekannsteste historische Aufnahme aus Grünwinkel stammt aus dem Jahr 1904 und zeigt die heutige Durmersheimer Straße mit der Kapelle und dem Lobberle aus dem Hintergrund andampfend.

Am 1. Januar 1915 hatte die Stadt Karlsruhe die Lokalbahn übernommen. Damit sollte eine bessere Abstimmung des Betriebs der Lokal­ und Straßenbahn und der Tarife erreicht werden. Trotz großer Bemühungen und Investitionen der Stadt – nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte auch für die Lokalbahn die Elektrifizierung – konnte das Betriebsdefizit nicht dauerhaft beseitigt werden. Die daraus resultierende Überalterung der Züge und Gleisanlagen und die Konkurrenz der Eisenbahn und von Busunternehmen und auch der Ausbau des innerstädtischen Streckennetzes der Straßenbahn besiegelten bereits zum 26. April 1936 das Ende der Lokalbahn nach Durmersheim. Am 14. August 1937 fuhr der letzte Zug der Lokalbahn von Mörsch über Grünwinkel zum Hirtenweg. Etwas länger hielt sich der Betrieb auf der Strecke Kühler Krug – Grünwinkel – Daxlanden, obwohl diese mit der Eröffnung der Straßenbahnlinie von Mühlburg über die Vogesenstraße nach Daxlanden 1928 in ihrer Bedeutung verloren hatte. Aber die zahlreichen Daxlander Berufspendler zur Firma Sinner hielten sie noch bis zum 31. März 1938 am Leben.

Die öffentliche Uhr steht noch am damaligen Platz, so dass die Trasse heute noch zu erahnen ist.

Die öffentliche Uhr steht noch am damaligen Platz, so dass die Trasse heute noch zu erahnen ist.

Damit hatte das liebevoll „Lobberle“ genannte Verkehrsmittel in Grünwinkel endgültig ausgedient. Seitdem war Grünwinkel bis heute nur noch mit Bussen zu erreichen. Allerdings verläuft die Linie 6 der Straßenbahn von Mühlburg kommend nach Daxlanden im Westen von Grünwinkel, und vor wenigen Jahren kamen im Westen noch die Stadtbahnlinie S2 auf ihrem Weg nach Rheinstetten und im Osten die Straßenbahnlinie 1 von Oberreut nach Durlach hinzu. Der ehemalige Bahnhof Grünwinkel wurde nach Aufgabe der Lokalbahn zum Wohnhaus umgebaut und noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg bewohnt. Die ehemalige Bahnhofstraße, die ein Hinweis auf die Eisenbahngeschichte Grünwinkels war, und zwischen dem alten Schulhaus und der Zeppelinstraße verlief, hat ihren Namen mit der Eingemeindung Grünwinkels in die Stadt Karlsruhe am 1. Januar 1909 verloren und heißt heute Koelreuterstraße.