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gesprochen von Markus Kambeck

 

Der allgemeine Revolutionsverlauf in Baden

Um die Revolution von 1848/49 mit ihren unterschiedlichen sozialen und politischen Antriebskräften, ihren verschiedenen Handlungsebenen und zahlreichen regionalen und lokalen Brennpunkten in ihrer ganzen Vielschichtigkeit zu verstehen, darf man den Blick nicht nur auf die Märzereignisse in den Städten und die Frankfurter Paulskirche richten, wo seit dem Mai 1848 die erste demokratisch gewählte deutsche Nationalversammlung um eine politische Neuordnung Deutschlands rang. Ziel war es, durch eine Reichsverfassung die Einigung Deutschlands zu erreichen, die im Rahmen einer konstitutionellen oder parlamentarischen Monarchie die bürgerlichen Freiheiten gewährte. In Baden hingegen bestimmten die „Linken“, wie wir heute sagen würden, den Gang der revolutionären Ereignisse. Von den gemäßigten Liberalen, ihren politischen Gegnern, wurden sie die „Radikalen“ genannt. Mit Schlagworten wie „Volksherrschaft“ oder „Wohlstand und Bildung“ kämpften sie nicht nur um nationale Einheit und bürgerliche Freiheiten, sondern auch um den Ausgleich zwischen den gesellschaftlich und wirtschaftlich Privilegierten und den wirtschaftlich schlechter gestellten, der Verarmung ausgelieferten Schichten. Im badischen Landtag trennten sich die „Radikalen“, d.h. die Anhänger einer Republik mit sozialreformerischen Ansätzen von den so genannten „Halben“, den gemäßigten Liberalen, die für eine konstitutionelle Monarchie und die Beibehaltung der Besitzverhältnisse als Grundlage eines Konkurrenzkapitalismus ohne staatliche Eingriffe einstanden.

Als sich im Paulskirchenparlament in Frankfurt ein Kompromiss zwischen dem Besitz- und Bildungsbürgertum einerseits und den Fürsten andererseits abzeichnete, entschlossen sich Friedrich Hecker und Gustav Struve, die beiden Führer der badischen Radikalen, zur „direkten Aktion“, d. h. zum Losschlagen. Am 12. April 1848 begann Hecker von Konstanz aus einen schon nach wenigen Tagen gescheiterten Freischärler-Zug. Er floh in die Schweiz. Von dort rief er die Deutschen vergeblich zum Kampf gegen das Paulskirchenparlament auf und wandte schließlich wie „der Weltgeist den Blick ab von der verächtlichen Rasse“ und emigrierte nach Amerika.13 Auch Struves Aufstandsversuch vom September 1848 war glücklos. Nach seiner Verkündung der Deutschen Republik in Lörrach begann er einen nach wenigen Tagen niedergeschlagenen Freiheitszug. Wiederholt rief auch er von seinem Asyl in der Schweiz aus die Deutschen „zum Kampfe gegen eure Tyrannen“ und gegen das Paulskirchenparlament, „diese Dienstmagd der Reaktion“, auf.

Einzug der pfälzischen Freischaren am 19. Juni 1849 in Karlsruhe. Die Personengruppe links zeigt Ludwik von Mieroslawski, Lorenz Brentano und Georg Böhning sowie vor den Pferden in soldatischer Kleidung Franziska Anneke.

Einzug der pfälzischen Freischaren am 19. Juni 1849 in Karlsruhe. Die Personengruppe links zeigt Ludwik von Mieroslawski, Lorenz Brentano und Georg Böhning sowie vor den Pferden in soldatischer Kleidung Franziska Anneke.

In der seit dem 18. Mai 1848 in Frankfurt tagenden   Nationalversammlung,   die eine Reichsverfassung erarbeitete, hatten die Vertreter einer konstitutionellen Monarchie die Mehrheit. Ende des Jahres 1848 verkündeten sie die Grundrechte des deutschen Volkes. Im März 1849 beschlossen die Abgeordneten die deutsche Reichsverfassung, die eine Gewaltenteilung zwischen einem durch allgemeines, gleiches und direktes Männerwahlrecht gewählten Parlament und einem Erbkaisertum vorsah; zum Kaiser wählten sie den preußischen König Friedrich Wilhelm I V. Als dieser am 3. April1849 die Krone ablehnte, war die Paulskirchenversammlung letztendlich gescheitert.

Die jüngeren Republikaner zogen die Lehren aus dem Scheitern der Putschversuche Heckers und Struves. „Sie erkannten die Notwendigkeit, durch Propaganda und umfassende Organisationsarbeit bis ins letzte Dorf echte Voraussetzungen für ein Gelingen des nächsten Versuches zu schaffen.“ So entstanden in ganz Baden über 400 demokratische Ortsgruppen, d.h. lokale Zentren, die von regelmäßig tagen­ den Kreisausschüssen geleitet wurden. Das rasch wachsende „Volksvereinswesen“ stellte eine Parallelorganisation zum staatlichen Auf­ bau dar und bildete damit die Grundlage für eine mögliche republikanische Regierung. Die badischen Volksvereine haben mit ihrer politischen Basisarbeit wesentlich zum kurzfristigen Erfolg der badischen Revolution beigetragen. Sie haben alle Züge einer modernen Massenpartei: Sie hatten eine Mitgliederzahl und damit einen Organisationsgrad erreicht, die Vergleiche mit den heutigen Volksparteien keineswegs zu scheuen brauchen. Sie waren offen für alle Bevölkerungs- und Berufskreise und sogar bis zu einem gewissen Grad parlamentarisch vertreten. Die Volksvereine waren die ersten dezidiert politischen Interessenorganisationen der bürgerlichen Gesellschaft in Baden.16 In Grünwinkel selbst etablierte sich ein solcher Volksverein nicht, vermutlich war auch die Bevölkerung zu klein. Volksvereine entstanden in Karlsruhe, Durlach und in Mühlburg. Ob Grünwinkler Bürger Mitglied dieses Volksvereins waren, ist nicht bekannt. Sicher sein dürfte aber, dass Schullehrer Ulrich Knäbel aus Grünwinkel Kontakte nach Mühlburg pflegte und auch über den Volksverein in Mühlburg den „Volksführer“, eine politische Zeitung, abonniert hatte.

Ab April 1849 begann mit der so genannten „Reichsverfassungskampagne“ die zweite Phase der Revolution, die im Mai, Juni und Juli vor allem die Pfalz und Baden erschütterte. Am 11. Mai setzte in Rastatt die Militärrevolte ein, der sich in den folgenden Tagen die Garnisonen in Karlsruhe, Mannheim, Freiburg, Lörrach und Bruchsal anschlossen. Gründe zur Unzufriedenheit gab es bei den Soldaten zuhauf. Besonders die erniedrigende, z. T. brutale, hochfahrende und würdelose Behandlung des einfachen Soldaten durch die Offiziersvorgesetzten und ihre Helfershelfer, die Unteroffiziere, wurde immer wieder kritisiert. Selbst dem Militär wohlgesonnene Zeitgenossen reagierten mit Ernüchterung und Erschrecken auf die „kollektive Rohheit“ der militärischen Führung gegenüber ihren Soldaten. Körperliche Misshandlungen waren an der Tagesordnung. Die Führungsmethoden, die schon bei Söldnerheeren nicht funktionierten, erwiesen sich völlig ungeeignet für eine Armee, die sich gerade tiefgreifend änderte.

Franz Sigel, revolutionärer Politiker, später amerikanischer General, entnommen Baden Land Staat Volk 1806-1871, Karlsruhe 1980.

Franz Sigel, revolutionärer Politiker, später amerikanischer General, entnommen Baden Land Staat Volk 1806-1871, Karlsruhe 1980.

Am 12. Mai tagte in Offenburg der Landeskongress der Volksvereine. Einen Tag später fand dort die große Landesvolksversammlung statt, an der rund 20.000 Mann teilnahmen, die 16 Forderungen an die großherzogliche Regierung in Karlsruhe formulierte, darunter die nach Unterstützung der Reichsverfassungskampagne in den anderen deutschen Staaten, nach einer Ablösung des Ministeriums Bekk durch Lorenz Brentano, nach einer verfassungsgebenden Landesversammlung und nach sofortiger Volksbewaffnung auf Staatskosten.

In der Nacht vom 13. auf den 14. Mai floh Großherzog Leopold außer Landes, und am folgenden Tag zog der von Offenburg kommen­ de revolutionäre Landesausschuss in Karlsruhe ein. Er konstituierte eine provisorische Revolutionsregierung unter dem Präsidenten Lorenz von Brentano. Am 3. Juni wählten die Badener eine verfassunggebende Versammlung, die eine zukünftige Staatsverfassung Badens erarbeiten und beschließen sollte. Über den kurzen Wochen des   Freiheitsfrühlings im deutschen Südwesten lag die Drohung des Krieges; sowohl die Truppen des deutschen Bundes als auch Preußens rückten gegen Baden vor. Großherzog Leopold rief diese Truppen zu Hilfe und erklärte am 9. Juni den Kriegszustand gegen sein Volk, das mit Unterstützung der Pfälzer eine 45.000 Mann starke Revolutionsarmee aufzubauen begann. Aber der Übermacht der 100.000 unter Preußens Führung einmarschierenden württembergischen, bayrischen, hessischen und preußischen Soldaten waren sie unterlegen. Schon das erste Gefecht bei Waghäusel am 21. Juni endete mit einer schweren Niederlage des badischen Volksheeres, das zwar längs der Murg noch einmal eine Verteidigungsstellung auf bauen konnte, die die Preußen aber am 29. Juni nach erbitterten Kämpfen durchbrachen. Der Oberbefehl über die Revolutionsarmee lag zunächst bei dem polnischen General Ludwik Mieroslawski. Nach dessen Rücktritt am 1. Juli übernahm Franz Sigel den Oberbefehl. Seine Hoffnung, das Oberland und den Seekreis zu mobilisieren und auf den unwegsamen Höhen des Schwarzwaldes eine neue Verteidigungslinie aufzubauen, zerschlug sich schnell. Ganze Einheiten hatten bereits im benachbarten Ausland Zuflucht gesucht. Teile der geschlagenen Revolutionsarmee überschritten am 11. Juli 1849 bei Baltersweil die Schweizer Grenze, wo sie ihre Waffen ablegten. Am 23. Juli kapitulierten die letzten in der Rastatter Festung liegenden Revolutionssoldaten und am   18. August konnte der Großherzog wieder nach Karlsruhe zurückkehren.