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gesprochen von Markus Kambeck

 

Grünwinkel wird von den Preußen besetzt

Die Bevölkerung von Grünwinkel kam auf die unterschiedlichste Art und Weise mit den Ereignissen der Revolution in Berührung, sei es durch den Bezug revolutionärer Zeitungen, als Soldat oder Freischärler in der badischen Revolutionsarmee oder bei der Einquartierung der revolutionären und später der preußischen Truppen.

In den letzten Kriegstagen war Grünwinkel von den militärischen Ereignissen unmittelbar betroffen. Der Oberbefehlshaber der Revolutionsarmee Ludwik Mieroslawski rechnete mit einem Angriff der Preußen bei Maxau/Knielingen und forderte die provisorische Regierung am 18. Juni dringend auf, den Rheinübergang zu sichern: „Unsere verwundbarste Stelle ist Knielingen; man muss also diesen Punkt so stark wie möglich besetzen und vor allem Snayda mit den Zuzügen aus der Pfalz aufstellen“. General Snayda erhielt hierzu am 20. Juni den Oberbefehl über alle an der Rheinbrücke stationierten Truppen der Revolutionsarmee. Alle Vorkehrungen an der Knielinger Brücke waren in der Nacht vom 19. auf den 20. Juni durch das Vorgehen der Preußen überholt. Um 3.00 Uhr morgens-setzten diese bei Germersheim über und erweiterten den rechtsrheinischen Brückenkopf in Richtung Philippsburg und Graben. Dieser Übergang bei Germersheim bedeutete für Knielingen, Daxlanden, Mühlburg und Grünwinkel, dass den Dörfern um den Rheinübergang die Gefahr eines direkten Angriffs auf die Rheinbrücke erspart blieb. Ein solcher Angriff hätte zu schwersten Verwüstungen geführt. Am 25. Juni rückten preußische Truppen auf Karlsruhe zu. Gleichzeitig tasteten sich weitere preußische Einheiten über Neureut in Richtung Knielingen und Mühlburg vor.   Die Revolutionsarmee setzte   sich nach Süden ab. Nach preußischen Angaben wurden Knielingen, Mühlburg, Grünwinkel und Daxlanden von Einheiten des Landwehr­ Bataillons »Iserlohn<< und der sechspfündigen Fuß-Batterie Nr. 34 (Artillerie-Batterie) besetzt. Diese Einheiten des I. Armeekorps rückten auf Befehl des Generalkommandos am 28. Juni in die Stadt ein. Sie wurden ersetzt durch die 1. Division des II. Armeekorps, die in den Ortschaften Grünwinkel und Daxlanden bis zur Linie Neuburgweier – Mörsch Stellung bezog. Der Befehl lautete, Abteilungen zum Rekognoszieren (Aufklären) gegen die Murg zu entsenden, ernste Gefechte sollten jedoch vermieden werden.

Verzeichnis der Gefangenen in Fort A, B und C in Rastatt.

Verzeichnis der Gefangenen in Fort A, B und C in Rastatt.

Die wirtschaftlichen Folgen für Grünwinkel waren groß, da die Gemeinde für die Kosten der Einquartierung der königlich-preußischen T ruppen aufkommen musste. So hatten Alois Kunz, Joseph Kuhm, Joseph Oswalt und Joseph Müller je eine Kuh abzuliefern. Sie erhielten hierfür je 60 Gulden aus der Gemeindekasse. Georg Sinner lieferte 80 Pfund Mehl, Bäckermeister Karl Katz 166 Pfund Mehl und 50 Laib Brot. Des Weiteren musste dem Militär Heu, Stroh und Hafer abgeliefert werden. Engelwirt Nagel berechnet der Gemeindekasse für „Haber“ (Hafer), Stroh und Mehl 232 Gulden 16 Kreuzer. Selbst von anderen Dörfern mussten Ankäufe getätigt werden, um den Anforderungen der preußischen Truppen gerecht werden zu können. Von Anton Klingler aus Durlach kaufte die Gemeinde sechs Malter Hafer und von Altbürgermeister Wachter in Liedolsheim 20 Malter. Rosenwirt Ringel, Engelwirt Johann Nagel und lgnatz Kist, Wirt des Badischen Hofs, wurden für Heu und Stroh 21 Gulden ersetzt. Engelwirt Nagel erhielt darüber hinaus noch „Stallgeld“ für die Unterbringung von Pferden der preußischen Truppen. Man muss sich vor Augen halten, dass die Truppen in den Häusern und Scheuern untergebracht waren. Stroh und Heu wurde von den Soldaten nicht nur für die Pferde, sondern auch als Schlafunterlage für sich selber gebraucht. Insgesamt hatte die Gemeinde 806 Gulden 65 Kreuzer an „Kriegskosten“ aufzubringen. Hierfür war sie gezwungen, bei Engelwirt Johann Nagel ein Darlehen in Höhe von 600 Gulden aufzunehmen. Im Rechnungsabschluss 1849 ist vermerkt, dass das Vermögen der Gemeinde durch die verauslagten Kriegskosten abgenommen hat.31 Das aufgenommene Darlehen in Höhe von 600 Gulden konnte 1850 mit 450 Gulden und 1851 mit den restlichen 150 Gulden getilgt werden.