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gesprochen von Markus Kambeck

 

Wohnen in Grünwinkel

Die Stadtteilfläche des über zehntausend Einwohner beherbergenden Stadtteils umfasst 440 Hektar und gliedert sich heute in drei Zonen. Der Teil südlich der Pulverhausstraße umfasst einen Teil der Waldfläche der südlichen Hardt, die Heidenstückersiedlung und das westlich davon gelegene Gewerbegebiet an der Durmersheimer Straße. Der ursprünglichen Straßensiedlung angegliedert sind die Wohnbebauungen an der Alb und die großen Industrieflächen. Östlich davon liegt die Hardecksiedlung. Die dritte Zone mit den Gewerbeflächen am Westbahnhof und westlich der Michelinstraße ist durch die Verkehrsbänder der B 36 und   der Bahn vom übrigen Grünwinkel abgetrennt.

Plan der Gemeinde Grünwinkel im Jarh 1908.

Plan der Gemeinde Grünwinkel im Jarh 1908.

Die bauliche Entwicklung von Grünwinkel ging vom alten Ortskern an der Durmersheimer Straße südlich der Zeppelinstraße aus. Nördlich davon entstanden bis zur Eingemeindung in dem Dreieck Durmersheimer­, Sinner­ und Mühlburger Straße zahlreiche Wohnhäuser. Für die Fortsetzung der Bebauung südlich dieses Quartiers stellte die Stadt Karlsruhe 1909 einen Bebauungsplan auf, dessen Umsetzung aber später Änderungen erfuhr. Die Abbildung zeigt das Planungsgebiet mit dem damaligen Bestand und den geplanten Baublocks, die sich um einen Quartiersplatz gruppieren. Die Durmersheimer Straße ist am oberen Bildrand zu sehen.

Bebauungsplan Durmersheimer-, Zeppelinstraße, Westbahnhof von 1909 (Norden in Richtung rechter Bildrand).

Beim Wachstum Grünwinkels im letzten Jahrhundert ist bemerkenswert, dass es im Wesentlichen auf seinen Siedlungen wie die Gartenvorstadt Grünwinkel, die Hardecksiedlung, die Heidenstückersiedlung und die Albuferbebauung beruht. Grünwinkel ist insofern ein Beispiel für die räumliche Entwicklung in ganz Karlsruhe, die im 20. Jahrhundert stark vom Siedlungsbau geprägt ist. Dabei entstanden unterschiedliche Wohngebiete im gesamten Stadtgebiet. Manche bilden markante Meilensteine der Stadtentwicklung und sind in Fachkreisen heute noch weit über unsere Region hinaus bekannt. Den Auftakt bildete die Gartenstadt Rüppurr (1911/12), gefolgt von der Dammerstocksiedlung (1929) und der Baumgartensiedlung (1965). Daneben bestehen oft nicht viel weniger interessante Orte des Wohnens und Quartierslebens.

 

Gartenvorstadt Grünwinkel

Jede Siedlung hat eine eigene Entstehungsgeschichte. In aller Regel steht die Verwirklichung des Genossenschaftsgedankens dahinter. Das war auch bei der Entstehung der Gartenvorstadt Grünwinkel der Fall. Ideengeberin und Gründerin war die Gartenstadt Rüppurr. Die Ziele sind in der Satzung verankert, in der es heißt: „Gegenstand des Unternehmens ist die Verwirklichung der Ziele der Deutschen Gartenstadtgesellschaft durch Siedelungen bei Karlsruhe. Insonderheit soll innerhalb einer solchen Siedelung eine gemeinnützige Regelung der Bodenrente und der Wohnungsmiete angestrebt werden.“ Dieses Credo ist bei allen Geschäftsvorfällen der Maßstab des Handelns.

Die frühere Landeshauptstadt Karlsruhe war immer ein Magnet für Mensch und Wirtschaft. Hier suchte man Arbeit und die Jugend eine Existenz. Der kleine Ort Grünwinkel – 1909 eingemeindet nach Karlsruhe – mit damals 2.022 Einwohnern bot für die Arbeit eine interessante Perspektive. Allein die Firma Sinner AG mit den verschiedenen Produktionsteilen verfügte 1908 schon über 815 Arbeitsplätze, im Jahre 1922 bereits über 1.200 Arbeiter­ und 350 Angestelltenplätze.13 Die Firma Vogel und Schnurmann, später „Oberrheinisches Textilrohstoffwerk, Heim, Huber& CO KG“ hatte 1908 eine Belegschaft von 500 Mitarbeitern. Das „Bähnle“ war für die Pendler von 1890 bis 1937 zwischen Karlsruhe, Grünwinkel, Daxlanden, Durmersheim das wichtige Verkehrsmittel. Der Erste Weltkrieg (1914–18) brachte für die Bevölkerung große Not. Die Arbeitslosigkeit war sehr hoch. Durch die Zuwanderungen verschlimmerte sich noch die Wohnungsnot. Hier ist die Geburtsstunde der Grünwinkler Gartenvorstadt.

Die Gartenvorstadt grenzte im Norden an das Gestade der Alb.

Die Gartenvorstadt grenzte im Norden an das Gestade der Alb.

Dr. Hans Kampffmeyer von der Gartenstadt Rüppurr griff den früheren Plan erneut auf, in Grünwinkel auf der linken Seite der Alb eine eigene Baugenossenschaft zu gründen.

Dieses Vorhaben konnte dank der großzügigen Hilfe der Stadt Karlsruhe verwirklicht werden. Die Stadt stellte das Gelände in Erbpacht (Erbbaurecht) zur Verfügung. Ferner beteiligte sie sich mit einem Gesellschaftsanteil von 40.000 Mark. Das an der linken Seite der Alb gelegene Gelände erstreckt sich von der Durmersheimer Straße bis zur Eckener­ und Rheinhafenstraße. Westlich des Charlottenplatzes an der Ulmenallee verlief die alte Grenze zu Daxlanden.

Der Geburtstag der neuen Baugenossenschaft Gartenvorstadt e.G.m.b.H. ist der 31. Januar 1919. Die neue Genossenschaft war selbstständig, wenngleich die Planungen und zum Teil auch die Bauleitungen bei der Muttergesellschaft verblieben, die damit auch großen Einfluss hatte. Das ursprünglich gefasste Ziel, Wohnungen (Reihenhäuser) für die Genossenschaftsmitglieder mit einer Monatsmiete um 30 Mark zu errichten, war kaum zu erreichen. Die Kalkulation lag höher. Da aber die Nachfrage nach Wohnraum sehr groß war, erfolgte die Bebauung des Areals zügig. So entstanden in rascher Folge Reihenhäuser mit drei bis vier Zimmern in einer Größe von 70 bis 100 qm. Die Teuerung hielt sich in Grenzen. Zwischen 35 Mark für elf Mieter und 55 Mark für zwölf Wohnungen lagen die Monatsmieten. Nur zwei Wohnungen kamen auf 55 und 65 Mark. Ein großer Nutzgarten machte die Monatsbelastung erträglich.

Der Erfolg weckte die Begehrlichkeit. So wurde die Bautätigkeit auch auf das benachbarte Daxlanden ausgeweitet. Auch hier stellte die Stadt Karlsruhe das Bauland zur Verfügung. Im Laufe der Zeit überstieg dort sogar der Wohnungsbestand den von Grünwinkel.

Die Ausstattung der Reihenhäuser war zeitgemäß. Im Laufe der Zeit wurde immer wieder die Bausubstanz verbessert, um zu einem Wohnkomfort zu kommen. Hierzu können die Mieter eigene Vorschläge machen. Die Genossenschaft kann diese übernehmen, in Einzelfällen dem Mieter die Durchführung gestatten. Die Investition ist nicht verloren, können doch die Mitglieder ihr „Eigentum“ mit Zustimmung auf ihre Verwandten ersten Grades (Kinder) oder auf den Lebenspartner übertragen. Altverträge mit einem erweiterten Übertragungsrecht laufen aus. Häuser im Generationenbesitz sind keine Seltenheit. Die Fluktuation ist sehr gering.

Das Nebeneinander der Grünwinkler Gartenvorstadt mit der Muttergesellschaft wurde bereits fünf Jahre nach der Gründung weiter verzahnt. So wurde am 1. Januar 1924 der Geschäftsführer der Gartenstadt Rüppurr zugleich der Geschäftsführer der Grünwinkler Gartenvorstadt, eine Entscheidung, die Folgen hatte. Es gab Leerlauf und vermutlich auch Interessenskonflikte. Die Vereinigung war der Vorschlag. Als dieser bekannt wurde, war „fast jeder fürs erste entschlossen, für die Eigenständigkeit der Grünwinkler Gartenvorstadt zu kämpfen“.15 Nach den Protesten beschloss man am 22. Mai 1935 in der Gaststätte „Karlsruher Hof“ überraschend mit nur einer Gegenstimme die Fusion. Mit der Löschung im Genossenschaftsregister am 27. Juni 1935 hörte die „Grünwinkler Gartenvorstadt“ auf zu existieren. Mit in die „Ehe“ brachten die Grünwinkler 147 Wohnungen und die Daxlander 148 Wohnungen und einen Laden.

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Eines der beiden markanten Häuser, die den Charlottenplatz einfassen 2008.

 

Durch die zwei sehr schweren Luftangriffe, am 27. November 1944 und am 4. Dezember 1944, wurden in der Gartenstadt Grünwinkel 147 Wohnungen getroffen. 38 Reihenhäuser wurden total, 44 schwer und 35 leicht zerstört. Es spricht für die Gartenstadt mit ihrer Führung, dass bereits im Herbst 1953 die Häuser wieder aufgebaut und alle Kriegsschäden beseitigt waren. Der Genossenschaftsgedanke ist bis heute ungebrochen. Der Genossenschaftszweck, preiswerten Wohnraum anzubieten, ist Wirklichkeit. So belaufen sich die Mietkosten im Jahre 2007 in Grünwinkel in den Neuverträgen je nach Renovierungsstand zwischen 6,50 und 6,70 € pro qm.

Für den Stadtteil Grünwinkel ist die Gartenstadt ein städtebaulicher Gewinn. Der architektonische Stil ist bei den Häusern sofort erkennbar, jeder Vorgarten und Nutzgarten ist jedoch anders. Somit ergibt sich doch ein wechselvolles Bild im Grünen.

Die Menschen in dieser Siedelung fühlen sich zusammengehörig und untereinander verpflichtet. So entstand ein soziales Bewusstsein mit dem Sinn für das Ganze. Aus früheren Abrechnungen ergab sich der Brauch, dass die Miete für die ganze Siedlung von einem Beauftragten in bar eingezogen wurde. Zu dem Zweck wurde am Zahltag die Wohnungsstube entsprechend eingerichtet. Wer konnte es sich da leisten, mit der Zahlung in Verzug zu kommen? Das Miteinander ist überall bei den kulturellen Veranstaltungen im Stadtteil Grünwinkel zu spüren. Das ehrenamtliche Engagement wird eine Selbstverständlichkeit, wenn es darum geht, die Gartenstadt in Grünwinkel in das richtige Licht zu setzen und dem Ortsteil Grün­ winkel eine weitere Wohlfühlatmosphäre zu geben.

Alljährlich in der Adventszeit schmücken die Bewohner der Forchheimer Straße gemeinsam ihre Häuser mit vielen Lichtern.

Alljährlich in der Adventszeit schmücken die Bewohner der Forchheimer Straße gemeinsam ihre Häuser mit vielen Lichtern.

 

Die Albsiedlung

Zwischen dem Mauerweg im Westen, direkt an der Stadtteilgrenze zu Daxlanden, und der Konradin­Kreutzer­Straße sowie der Franz­Abt­ Straße im Osten erstreckt sich ein Siedlungsgebiet mit Eigenheimen, das in den 1920er Jahren in Abschnitten entstanden ist. Heute leben dort an die 1.200 Menschen in Eigenheimen. Das Albgrün begleitet dieses Siedlungsband im Süden und nach dem Richtungswechsel bei der Albkapelle im Osten. Daxlander Straße und Michelinstraße bilden die Grenze zum nördlichen Industrie­ und Gewerbegebiet. Der Abschnitt südlich der Daxlander Straße war 1923 Gegenstand des ersten von der Stadt Karlsruhe ausgelobten Architekten­Wettbewerbs im Siedlungswesen nach dem Ersten Weltkrieg. Die Beteiligung der Karlsruher Architektenschaft mit 33 Entwürfen war groß, ein erster Preis wurde nicht vergeben. Der im selben Jahr aufgestellte einfache Bebauungsplan legte die Siedlungsstruktur mit Baufluchten und Verkehrswegen auf dem städtischen Gelände fest . Die von der Stadt beauftragte „Wohnungsbau für Industrie und Handwerk GmbH“, der Vorläufer der „Volkswohnung“, baute und verkaufte die 1½­geschossigen Häuser an der Daxlander Straße und an der Blohnstraße (seit 1929 Eckenerstraße) vor allem an Kriegsinvaliden. Die Häuser waren nach den Entwürfen des Architekten Hans A. Zippelius in „Kernbauweise“ als „Kleinstwohnungen“ mit Zimmer und Küche im Erdgeschoss konzipiert, um den Erwerbern selbst den Ausbau der Dachgeschosse zu überlassen. Es entstanden zehn Hausgruppen mit insgesamt 40 Reihenhäusern mit neun Metern Tiefe und zwischen fünf und sechs Metern Breite auf Grundstücken zwischen 240 und 500 qm Fläche. Die langen und schmalen Grundstücke boten den Bewohnern die Gelegenheit, sich mit den Erträgen aus den Gärten selbst zu versorgen. Wie bereits in der Gartenstadt Rüppurr wurden diese mit den so genannten Mistwegen erschlossen. Die Gestaltung der Häuser mit den Krüppelwalmdächern und Gaupen entsprach der damals gängigen traditionellen Siedlungsarchitektur in Karlsruhe. Die Siedlungshäuser mit den Vorgärten entlang der Daxlander Straße haben sich gegenüber der Entstehungszeit am stärksten ver­ ändert, nicht zu ihrem Vorteil. Die Homogenität der Bebauung in den einzelnen Abschnitten wurde auch ab 1926 an der Silcherstraße weiter geführt. Diese Anliegerstraße führt entlang des tiefer liegenden Albgrüns mit den dazwischen liegenden Kleingärten. Die Architektur ist geprägt durch die zweigeschossigen Häuser, meist für zwei bis drei Familien, und die abwechslungsreiche Dachlandschaft mit Walmdächern und Gaupen sowie Krüppelwalmdächern mit den quer zum Hauptfirst liegenden Zwerchdächern. Die Wohnungseingänge liegen mittig und an den Schmalseiten.

Blick von Westen in die Silcherstraße.

Blick von Westen in die Silcherstraße.

Östlich der Blohnstraße (heute Eckenerstraße), die damals noch nicht die trennende Wirkung wie heute hatte, folgte ein weiterer Siedlungsabschnitt mit der Bebauung der Konradin­Kreutzer­Straße, ebenfalls von Zippelius geplant. Mit der 1928 gebauten Zeppelinbrücke war eine kurze Verbindung in die Ortsmitte von Grünwinkel gegeben. Nördlich der Zeppelinstraße baute die „Gemeinnützige Aktien­Gesellschaft für Angestellten­Heimstätten“ (Gagfah), 1918 für ganz Deutschland gegründet, auf dem städtischen Erbpachtgrundstück 20 zweigeschossige Eigenheime mit je vier Zimmern. 1926 entstanden im ersten Bauabschnitt zehn Doppelhäuser an der Franz­Abt­ Straße, ein Jahr später erfolgte die restliche Bebauung. Die Hausgruppen mit ihren Gärten waren um einen zentralen Spielplatz angelegt, was den Gemeinschaftscharakter dieses Teils der Albsiedlung betonte. Leider fehlt der heute parzellierten Mitte mit Nutzgärten der ursprüngliche Charme. Dazu trägt auch bei, dass der zur Anliegerstraße umfunktionierte Ringweg von unterschiedlichen Fertigteilgaragen gesäumt ist. Jede Wohnung hat doch ihren eigenen Hausgarten und an der Franz­Abt­ Straße sind Garagen vorhanden! Die Lage dieser östlich der Eckenerstraße, an der Albschleife nahe bei der Grünwinkler Kapelle liegenden Hausgruppen zeichnet sich heute durch die unmittelbare Nähe des landschaftlich gestalteten Albgrüns und die gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr aus. Seit der Entstehungszeit hat sich, insbesondere in den letzten Jahrzehnten, an den Siedlungshäusern und den (Vor)gärten einiges zum Nachteil des Gesamtbildes geändert. Aus­ und Anbauten, geänderte Fensterformate, Baumarkttüren, unterschiedliche Zäune sind typisch für Eigenheimsiedlungen im Gegensatz zu Genossenschaften wie die Gartenstadt. Trotz der schleichenden Veränderungen an den Siedlungshäusern ist die Albsiedlung, durch deren Straßennamen sie als „Grünwinkler Musikerviertel“ gelten kann, immer noch ein gelungenes Beispiel des traditionellen Siedlungsbaues der 1920er Jahre.

 

Die Hardecksiedlung

Die Hardecksiedlung verdankt ihre Entstehung der großen Weltwirtschaftkrise, der Wohnungsnot und der großen Zahl von Arbeitslosen. Im Jahre 1931 entschloss sich die Stadt Karlsruhe, am Rande der Stadt u. a. als Fürsorge für Kinderreiche und als Maßnahme zur Beseitigung der Wohnungsnot, ein Siedlungskonzept im Rahmen der Brüning’schen Notverordnung zu verwirklichen. Diese 3. Notverordnung der Regierung Brüning aus dem Jahre 1931 führte zu dem so genannten Stadtrand­Siedlungsprogramm. Zum Preis von 3.000 RM, von denen der Staat 2.500 RM als niedrigverzinsliches Darlehen gab, sollten für Erwerbslose – in Gruppenselbsthilfe zu bauende – Einfachhäuschen mit der Möglichkeit zur Gartenbewirtschaftung und Kleintierhaltung errichtet wer­ den. Im Gegenwert von 500 RM war ein Arbeitseinsatz zu erbringen.

Hardecksiedlung - Planung aus dem Jahr 1931.

Hardecksiedlung – Planung aus dem Jahr 1931.

Neben der Genossenschaftsbewegung, wie z. B. bei der Gartenstadt, den Siedlungen des „Neuen Bauens“ (z.B. Dammerstock), entstand mit der vorstädtischen Kleinsiedlung ein weiterer Typ des sozialen Wohnungsbaus. Im ersten Bauabschnitt dieses Programms wurden etwa 16.000 bis 18.000 Kleinsiedlerstellen in Deutschland errichtet, davon 606 in Baden. In Karlsruhe wurde von der Stadt für den ersten Bauabschnitt ein Gelände bei der Fabrik von Junker & Ruh, westlich von Bulach, aus­ gewählt.

Die Hardecksiedlung mit ihren 100 Siedlungshäusern aus Holz erhielt im Volksmund den Namen „Holzsiedlung“. Vor dem Bau der Holzhäuser waren, aufgrund der Vorschriften der Badischen Bauordnung aus dem Jahre 1907, große Hürden zu überwinden, da aufgrund der geforderten Abstände zwischen den Häusern ein sehr großer Grundstücksbedarf pro Siedlerstelle notwendig gewesen wäre. Auf massiven Druck der deutschen Holzindustrie, die um diese Zeit u. a. auch in Karlsruhe eine Ausstellung mit Holzfertighäusern organisierte, erfolgte nach und nach eine Änderung der Bauordnung. Erst am Ende der schrittweisen Änderungen wurde 1932 in der Bauordnung u.a. ein Abstand von mindestens 6 m zwischen den Häusern festgeschrieben. Damit war der Weg für die 100 Holzhäuser in der Hardecksiedlung frei.

Die Siedler beim Eigenbau.

Die Siedler beim Eigenbau.

Die Siedlung wurde auf einem dreiecksförmigen Areal errichtet, das von der Bahnlinie Karlsruhe–Maxau–Wörth mit der parallel geführten Akazienstraße, der Pulverhaus- und der Siedlerstraße begrenzt wird. Die Erschließung der Siedlungshäuser erfolgt über parallel geführte Wohnstraßen, die in nordöstlicher Richtung verlaufen, von der Pulverhausstraße ausgehen und bis zur Akazienstraße führen. Der etwas breiter ausgeführte Ahornweg ist als zusätzliche Wohnstraße etwa in der Mitte der Siedlung verlaufen. Die dadurch entstehende Asymmetrie ist die einzige Abweichung von der sonstigen Uniformität des Siedlungsaufbaus. Die kleinen Siedlungshäuser (eingeschossig, z. T. mit teilausgebautem Dachgeschoss) waren abwechselnd an der Straße oder im hinteren Teil des Grundstücks (etwa 900 m²) angeordnet, wobei der Ahornweg diese Anordnung unterbrach. Alle Häuser waren gleich ausgerichtet und zeigten mit der Traufseite zur Straße. Die Bauausführung dieser Einfamilienhäuser bestand aus: Holzfachwerk, Stülpschalung, Lehmwickel, Innenschalung und Ziegeldach. Am Beispiel einer der vier gebauten Haustypen (Typ C) kann der Grundriss der Einfachhäuschen mit einer Wohnfläche von 36 m² beschrieben werden. Die Hauseingänge waren immer über den Garten zugänglich.

Hardeck-Holzhaus Typ C.

Hardeck-Holzhaus Typ C.

In die Wohnküche, dem größten Raum, gelangte man über den Eingang des Hauses. Über die Wohnküche waren der Schlafraum der Eltern und das Schlafzimmer der Kinder erreichbar. WC, Windfang, Vorratsraum, Stall und der überdachte Arbeitsplatz vervollständigten die Wohnung. Die Kleinsiedlungshäuser hatten einen kleinen Keller oder eine Vorratsgrube.

Die Siedler errichteten die vorgefertigten Häuser unter der Anleitung einiger Fachhandwerker selbst. Ende 1932 konnten die ersten Häuser bezogen werden.

Die Kleinsiedlungshäuser sind heute nahezu verschwunden. Die großen Grundstücke (ca. 900 m²) ermöglichten eine dichtere Bebauung. In einem neuen Rahmenplan von 1995 wurde die Teilung der Grundstücke gestattet und der Bau größerer Häuser erlaubt. Die Mindestgrundstückgröße wurde auf 600 qm festgelegt. Der Charakter der Einzelhäuser wurde jedoch erhalten, da keine Reihenhäuser zugelassen wurden. Die Siedlungskapazität erhöhte sich dadurch auf nahezu 1.400 Einwohner. So entwickelte sich die Siedlung von der vorstädtischen Kleinsiedlung zur Einfamilienhaus­Wohnsiedlung und zu einem bevorzugten Wohngebiet im Grünen. Hinzu kommt eine gute Anbindung mit Straßenbahn und Bus zur Innenstadt. Heute leben etwa 830 Personen in der „Holzsiedlung“.

 

Luftbild Hardecksiedlung heute.

Luftbild Hardecksiedlung heute.

 

Die Heidenstückersiedlung

Der zweite Bauabschnitt des städtischen Stadtrandsiedlungsprogramms begann 1933/34 in der Heidenstückersiedlung südlich der Pulverhausstraße, der ehemaligen Verbindungsstraße zwischen Daxlanden bzw. Grünwinkel und Bulach, größtenteils auf dem Gewann Heidenstücker von Daxlanden, aber auch auf ehemals Bulacher Gemarkung. Wiederum waren kinderreiche Arbeitslose als Siedler vorgesehen, die auf nur 20 RM Arbeitslosenunterstützung pro Woche angewiesen waren. Zunächst wurden 75 Häuser d. h. Siedlerstellen nach einem strengen Planungskonzept errichtet, das heute noch im Grundriss erkennbar ist zwischen der Wattkopfstraße, der Kreuzelbergstraße und dem Turmbergweg, heute Mahlbergstraße. In 1936/37 folgte mit der Hellbergstraße der zweite Bauabschnitt mit 45 Häusern. Die so genannte Steinsiedlung ist der Kern der heutigen Heidenstückersiedlung.

Die Luftaufnahme zeigt sehr deutlich die verschiedenen Abschnitte der Heidenstückersiedlung. In der Mitte der älteste Teil, südlich davon die erste Erweiterung und im Norden der neueste Teil.

Die Luftaufnahme zeigt sehr deutlich die verschiedenen Abschnitte der Heidenstückersiedlung. In der Mitte der älteste Teil, südlich davon die erste Erweiterung und im Norden der neueste Teil.

Die ersten Siedlerhäuser umfassten eine Wohnfläche von 42 qm, einen Keller mit 23 qm sowie Nebenräume für Stall­, Futter­ und Waschräume u. a. mit über 40 qm. Als Baumaterial waren Spezialbimssteine ausersehen, also Steine, daher nannte und nennt man diesen Teil der Siedlung die Steinsiedlung, im Gegensatz zur Holzsiedlung. Auch bekam sie Stromanschluss und fließendes Wasser und war damit gegen die Holzsiedlung deutlich privilegiert. Die Entwässerung wurde erst in den 1960er Jahren in Angriff genommen; unterdessen gab es sehr verschiedene Bewertungen der Fäkalienbeseitigung, mancher Siedler sah auch Nachteile in der neuen Schmutzwasserbeseitigung.

Die Grundstücke waren bis zu 1.000 m² groß, um als Nebenerwerbsquelle mit Garten und Tierhaltung zu gelten. Die Häuser waren demgegenüber recht klein. In gemeinsamer Arbeit bauten die Siedler, jeder 360 Tagewerke. Sie feierten auch gemeinsam im Jahr 1935 das Richtfest.

Richtfest 1935.

Richtfest 1935.

Die Kolonnen bauten gemeinsam ihre jeweiligen Häuser, begleitet von der ganzen Familie bis zum Einzug in das Haus – ein großer Augenblick, wie der Tagebucheintrag von Frau Klingler belegt.

Tagebucheintrag:

Tagebucheintrag: „Gedenktage. Am 30. Juli hat Vater angefangen am Häuschen in der Randsiedlung bei Grünwinkel. Am 28. September an einem Samstag im Jahre 1935 sind wir eingezogen, es war ein schöner sonniger Tag.

Die Siedler mussten einen vierseitigen Vertrag unterschreiben, der im Archiv des Bürgervereins hinterlegt ist. Finanziert wurde das Baumaterial von 12.500 RM mit 2.250 RM Darlehen vom Reich und 250 RM von der Stadt, aber vor allem gab es 500 RM Zusatzdarlehen für jedes Kind. Die Siedler mussten anfänglich 3,52 RM pro Monat bezahlen, steigend bis 14,76 RM. Bei vollständiger Bezahlung wurden die Siedler Eigentümer der Grundstücke, was durch die Währungsumstellung begünstigt wurde. In der Siedlung herrschte reges Leben, geprägt vom Kinderreichtum – z.B. hatte Familie Wagner 13 Kinder –, aber man blieb zunächst ziemlich abgeschottet von der Stadt. Im Jahr 1937 wurde jedoch die Grünwinkler Volksschule ganz in der Nähe gebaut, desgleichen in den Jahren 1955/56 die katholische Kirche St. Josef . Die Versorgung mit Milch und Brot wurde von eigenen Siedlern gewährleistet, die kleine Geschäfte eröffneten. Mittelpunkt des fest gefügten Gemeinwesens war die Kreuzelbergstraße mit einem Platz für Geschäfte, wo „man“ sich immer wieder traf.

Teile des Vertrags, den der Siedler Alois Klingler 1935 mit der Stadt Karlsruhe geschlossen hatte.

Teile des Vertrags, den der Siedler Alois Klingler 1935 mit der Stadt Karlsruhe geschlossen hatte.

Der Zusammenhalt aus der Gründerzeit ist zumindest in der ersten und zweiten Generation der „alten Siedler“ erhalten – die Schicksalsgemeinschaft wirkt nach. Sie wird repräsentiert durch den Verein der Siedler und Eigenheimer Heidenstücker, der eine eigene Vereinsgaststätte, das „Siedlerheim“, baute und unterhält.

Die Siedlerkinder aus „Klein Angola“ – so nannte man diese Siedlung von außen – waren nicht die feinsten, aber die Siedlungen sind doch ein lehrendes Beispiel dafür, wie sich eine ursprüngliche Randgruppe in die Stadt einfügen kann. Heute sind die Siedler und die neuen Einwohner gut situierte Hausbesitzer in einer bevorzugten ruhigen Wohngegend nahe der Stadtmitte geworden: Eigentum als Instrument der Integration.

In neuerer Zeit wurde wegen der Größe der Grundstücke eine Verdichtung des Siedlungsgebiets durch neue Bebauungspläne zugelassen. Das war in der Nähe einer Großstadt sinnvoll, zumal die ursprüngliche Siedlungsstruktur erhalten blieb. Die weitere Entwicklung der Siedlung wurde ausgelöst durch die große Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg. Ab etwa 1948 baute die „Neue Heimat gemeinnützige Baugenossenschaft für den Landkreis Karlsruhe eGmbH“, heute Familienheim, die ersten Häuser in Heidenstücker­Süd südlich der Mahlbergstraße bzw. Hohlohstraße. Es folgten ebenfalls auf städtischem Gelände Privatbauten bis zum Wachenburgweg.

Der dritte und letzte Bauabschnitt in Heidenstücker­Nord begann 1959 und setzte sich verstärkt fort ab 1963 in der Edelbergstraße mit Ersatzbauten für die Altstadtsanierung und dann entlang des Heidenstückerwegs mit Reihenhäusern, jeweils durch die Städtische Volkswohnung. Es folgten private Einfamilienhäuser, und einige Jahre später wurde im sogenannten Sinnerbrunnengebiet eine besondere Siedlung durch die Firma Wolff & Müller errichtet, so genannt nach dem jetzt aufgegebenen Brunnen der Firma Sinner etwa auf Höhe der heutigen Hochkopfstraße. Aus der Lufbildaufnahme ist der Umbau der nördlichen Edelbergstraße westlich der Hornisgrindestraße ersichtlich, wo bis 2007 viele Blockhäuser der Volkswohnung neu gebaut und in Eigentumsmaßnahmen umgewandelt sowie andere saniert wurden.

Ende der 1990er Jahre sollte südlich des Wachenburgweges im ehemaligen Daxlander Gewann Heidenstücker ein Stadtteilfriedhof mit einer Aussegnungshalle angelegt werden. Das Gelände wurde erschlossen, die Notwendigkeit einer Erweiterung der Friedhofflächen im Karlsruher Süden entfiel jedoch mit der zunehmenden Tendenz zur platzsparenden Feuerbestattung. Über die weitere Nutzung wird gesprochen.

Die Wohnbevölkerung der gesamten Heidenstückersiedlung mit Steinsiedlung, Heidenstücker­Süd und Heidenstücker­Nord beträgt heute über 4.500 Menschen. Das sind beinahe die Hälfte der Bewohner des heutigen Stadtteils Grünwinkel.

 

Die Albuferbebauung

Bereits 1927 hatte die Stadt einen Baufluchtenplan für den Bereich von der Hardtstraße im Norden bis zur Gartenvorstadt im Süden aufgestellt. Eine geschwungene Straße zwischen Alb und Durmersheimer Straße sollte den Rand der Bebauung zum Albgrün bilden. Zu einer Umsetzung dieser Planung kam es aber nicht.

Weg am Rand der Albufersiedlung.

Weg am Rand der Albufersiedlung.

Die Ende der 1970er Jahre entstandene Wohnsiedlung östlich der Alb zwischen der Zeppelin­ und Heinrich­Spachholz­Straße bietet durch ihre Lage eine besondere Wohnqualität. Der überwiegend dreigeschossigen Zeilenbebauung vorgelagert und teilweise in das Wohngebiet hineingezogen ist eine Parkanlage von durchschnittlich 25m Tiefe, die neben dem Albuferweg auch großzügige Auf­ enthalts- und Spielmöglichkeiten für die dortige Wohnbevölkerung anbietet. Das Albgrün erfährt hier eine Verzahnung mit dem Wohngebiet und wird dadurch Teil der Siedlung. Die Wohnbebauung wiederum bildet mit ihrer winkelförmigen Anordnung die maßvolle Begrenzung dieses Teils des Albgrüns in Karlsruhe. Öffentliche Wege führen an der Siedlung vorbei, sind aber zugleich Teil der Erschließung. Der 1977 rechtsgültig gewordene Bebauungsplan beinhaltete das Potenzial für 300 neue Wohnungen und integrierte auch den vorhandenen Gebäudebestand. Die Verkehrserschließung der Neubaufläche, die großteils im Eigentum des Mieter­ und Bauvereins, einer gemeinnützigen Wohnbaugesellschaft, ist, er­ folgt durch Stichstraßen und durch sogenannte Straßenbügel.

Zugang zur Albufersiedlung von der Zeppelinstraße aus.

Zugang zur Albufersiedlung von der Zeppelinstraße aus.

Grünwinkel hat als Wohnstandort auch heute eine wichtige Funktion innerhalb des Stadtgebietes. Dies zeigen Bauvorhaben der letzten Jahre wie die Neubebauung des sich im Eigentum der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Volkswohnung befindlichen Geländes südlich der Pulverhausstraße. So entstanden nach Abriss der Nachkriegsbebauung, die nicht mehr den heutigen Anforderungen entsprach, 25 Reihenhäuser an der Edelbergstraße 21 bis 29. Zur Pulverhausstraße hin liegt eine interessante Anlage mit 36 Geschosswohnungen, die in ihrer speziellen Anordnung den Anforderungen des Standortes an dieser Hauptverkehrsstraße entspricht.

Auf dem ehemaligen Sportplatz an der Durmersheimer Straße entsteht derzeit eine Wohnbebauung zwischen dem Friedhof und der Entwicklungsfläche neben dem Feuerwehrhaus. Einzelhäuser zum Albgrün, Doppelhäuser und Geschosswohnungsbau an der Durmersheimer Straße bieten sehr gute Wohnmöglichkeiten. Ursprünglich war eine Modellsiedlung mit Niedrig­ und Nullenergiehäusern in Holzbauweise geplant. Die Umplanung war umstritten.

Die stattlichen Einzelhäuser entstanden als Erstes auf dem ehemaligen Sportplatz.

Die stattlichen Einzelhäuser entstanden als Erstes auf dem ehemaligen Sportplatz.

 

Mittelfristige städtebauliche Entwicklung

Grünwinkel als Wohnort heute und morgen

Die Stadt Karlsruhe führt in regelmäßigen Abständen „Bürgerumfragen“ durch. Um ein repräsentatives Ergebnis zu erhalten, werden nach statistischen Regeln eine bestimmte Anzahl von volljährigen Personen unterschiedlicher Merkmale wie Geschlecht, Alter, Wohnstadtteil und Nationalität befragt. Die Umfrage von 2002 ist wegen der nachgefragten Lebensverhältnisse in den Stadtteilen für diese Arbeit von großem Interesse.

Grünwinkel erfuhr dabei eine Bewertung durch dort lebende Erwachsene als ein Stadtteil, dessen Lebensqualität von 85 % der Befragten als sehr gut oder gut bezeichnet wurde. Wichtige Hinweise dafür sind zum Beispiel die Wohndauer von 10 Jahren und mehr bei 73% und das stark ausgeprägte Nachbarschaftsvertrauen. 91 % würden ihren Nachbarn bei Abwesenheit den Wohnungsschlüssel anvertrauen. Die Verkehrsverbindungen wurden mit 44 % gegenüber dem Karlsruher Durchschnitt (37 %) als gut bewertet, ebenso die Nähe zu Grünflächen. Als nachteilig empfanden die Befragten damals unzureichende Einkaufsmöglichkeiten, die Verkehrsbelastung und fehlende Einrichtungen für Jugendliche und ältere Menschen wie betreutes Wohnen und eine Sozialpflegestation. Auf die Frage, wie die Wohnqualität Grünwinkels auf einer Schulnotenskala von 1bis6 einzustufen sei, erfolgte die Durchschnittsnote 2,2, was eine leichte Verbesserung gegenüber den Ergebnissen von 1996 und 1999 bedeutet. Künftige Befragungen zur Nahversorgung müssten bessere Ergebnisse zeigen, da sich die Einzelhandelsversorgung inzwischen mit den Einrichtungen auf dem Moninger­ Gelände, der Hermann­Leichtlin­Straße und an der Carl­Metz­Straße stark verbessert hat. Nach dem Verkaufsflächenanteil in der Lebensmittelversorgung je Einwohner verfügt Grünwinkel über einen sehr hohen Versorgungsgrad. Dies hat die letzte gesamtstädtische Untersuchung über die Nahversorgung gezeigt. Dennoch sind diese Angebote nicht überall bequem zu Fuß zu erreichen, insbesondere von der Heidenstückersiedlung und Teilen der Hardecksiedlung. Wünschenswert wäre auch die Verbesserung des Angebotes für Postdienste und bei Apotheken.

Auch die Wohn­ und Pflegesituation für ältere Menschen hat sich zwischenzeitlich verbessert. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) hat im April 2008 auf dem Moninger­Areal ein modernes und anspruchsvolles Seniorenzentrum errichtet, das Wohnen, Betreuung und Pflege in letztlich 71 Wohnungen vereint. Der zweite Bauabschnitt mit betreuten Wohnungen soll noch begonnen werden.

 

Eine neue Mitte für Grünwinkel

Der lang gehegte Wunsch vieler Menschen in Grünwinkel nach einer Ortsmitte erfüllt sich in Etappen. Der nordwestliche Teil des „Moninger­Geländes“ und das schräg gegenüber liegende Areal an der Kreuzung Durmersheimer Straße und Zeppelinstraße bieten die notwendigen Entwicklungsflächen. Die 2005 von der Stadt Karlsruhe und der Firma Sinner/ Moninger gemeinsam ausgelobte Mehrfachbeauftragung „Zentrum Grünwinkel“ lieferte die ersten Ideen dafür. Fünf Karlsruher Planungsbüros beschäftigten sich mit der Aufgabe, in diesem Bereich stadträumliche und bauliche Entwicklungsmöglichkeiten für eine Ortsmitte aufzuzeigen. Die mit dem ersten Preis ausgezeichnete Arbeit des Büros Gudmundsdóttir und Jungmann zeigte insgesamt viele städtebaulich überzeugende Ansätze, von denen sich auch einige im Bebauungsplan für das Moninger­Gelände fanden. Ziel dieses vom Grundstückseigentümer des „Moninger­Geländes“ betriebenen Bebauungsplans war die teilweise Umnutzung des Industriegeländes für Einrichtungen des Einzelhandels und für ein Wohnprojekt für ältere Menschen. Bestehende Objekte wie das ehemalige Silogebäude und das Mühlengebäude sind schon einige Zeit mit unterschiedlichen Nutzungen belegt.

Der neue „Bürgerplatz“ dient der Brauereigaststätte als Biergarten sowie der Allgemeinheit als öffentlicher Raum. Der größere Teil der Fläche ist im Eigentum der Firma Sinner, der übrige Teil – ein Relikt der ehemaligen Trasse der Lokalbahn – im Eigentum der Stadt Karlsruhe. Der künftige Platz sollte nach den Vorschlägen der Planverfasser im Norden eingerahmt werden durch die Gaststätte und einer dazu nach Süden versetzten neuen Bebauung für einen Laden und Dienstleistungen. Eine daran anschließende „Arkade“ entlang der Durmersheimer Straße würde eine durchlässige Begrenzung im Westen bilden. Im Osten liegt das inzwischen realisierte Einkaufszentrum mit den Parkierungsflächen. Die Laderampe des Silogebäudes im Süden wird als Bühne für Veranstaltungen vorgeschlagen. Die befestigte Platzfläche selbst wäre ohne Bäume, was aber nicht dem Charakter eines Gastgartens entspräche. Die Umsetzung des Platzprojektes, deren Ausführungsplanung von der Firma Moninger dem Stuttgarter Büro KMB übertragen wurde, beruht auf einigen Grundgedanken der ersten Preisträger. Aus Kostengründen wird aus der „Arkade“ eine begrenzende Bepflanzung, die mögliche zusätzliche Bebauung ist vorerst zurückgestellt.

Neue Ortsmitte mit Einkaufszentrum im Hintergrund.

Neue Ortsmitte mit Einkaufszentrum im Hintergrund.

Da diese neue Ortsmitte innerhalb des gesamten Stadtteils eher dezentral liegt, schlagen die Preisträger eine Anbindung nach Süden mit einer Baumallee auf dem neu geordneten Brauereigelände vor. Damit wird auch eine Gliederung dieser großen versiegelten Freifläche erreicht, weshalb der Bebauungsplan auch diesen sinnvollen Vorschlag beinhaltet.

Entwurf des Büros Gudmundsdóttir und Jungmann für den zentralen Platz.

Entwurf des Büros Gudmundsdóttir und Jungmann für den zentralen Platz.

Der alte Ortskern wird eine gute Ergänzung erfahren, wenn auf dem Gelände zwischen dem Feuerwehrhaus und der Durmersheimer Straße eine städtebaulich sinnvolle Bebauung entsteht. Entlang der Zeppelinstraße kann dann auch die Anbindung der Ortsmitte zum Albgrün durch eine breite Grünverbindung freiräumlich verstärkt und die Zugänglichkeit verbessert werden.

Auch in Karlsruhe werden seit einigen Jahren Wohnprojekte entwickelt, die auf privaten Baugruppenmodellen beruhen. Ähnlich gesinnte Menschen finden sich zusammen, um gemeinsam unter einem Dach zu wohnen. Der Wunsch nach „verlässlichen Nachbarschaften“ mit gegenseitigen Hilfestellungen bildet die Grundlage für gemeinsames Bauen. Das „Mehrgenerationen­Wohnen“ ist dabei eine Variante, die aus dem Zusammenleben unterschiedlicher Altersgruppen und Lebensstile Nutzen für alle Beteiligten bringen kann. Die Stadt Karlsruhe und die stadteigene Wohnungsbaugesellschaft Volkswohnung möchten gemeinsam ein derartiges Projekt in Grünwinkel fördern. Deren Grundeigentum an der Durmersheimer­ und Zeppelinstraße bildet neben der Förderung durch Beratung der Interessenten die Grundlage für ein außergewöhnliches und in Karls­ruhe einzigartiges Wohnprojekt, das auch vom Bürgerverein unterstützt wird. Ende 2009 wird sich erwiesen haben, ob diese Initiative zum Erfolg führen wird.

 

Das Verkehrsgeschehen

Die Einbindung des Stadtteils Grünwinkel in das seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wachsende Netz des Individual­ wie des öffentlichen Nahverkehrs der Stadt Karlsruhe wurde oben beschrieben. Heute prägen die Michelin­ und Eckenerstraße im Zuge der Bundestraße 36 und die Pulverhausstraße mit einem hohen Anteil an Durchgangsverkehr das Hauptnetz. Die 14­Stundenbelastung liegt in der Michelinstraße bei 26.000 Kraftfahrzeugen (Kfz), in der Eckenerstraße bei 22.000 Kfz. Auf der Pulver­ hausstraße schwankt die abschnittsweise Belastung zwischen 12.600 und 17.600 Kfz. Die Südtangente, deren Abschnitt zwischen Honsellstraße und Bulacher Kreuz von 1969 bis 1975 gebaut worden ist, begrenzt Grünwinkel im Nordosten. Zeppelinstraße und Durmersheimer Straße bilden das Rückgrat des innerörtlichen Straßennetzes, ergänzt durch die Fritz­ Haber­Straße. Auf Höhe der Gaststätte „Brauhaus Moninger“ in der Zeppelinstraße fahren innerhalb von 14 Stunden um die 9.500 Fahrzeuge. Die Durmersheimer Straße hat ihre höchste Belastung mit 8.600 Kfz unmittelbar südlich der Kreuzung mit der Zeppelinstraße. Die Fritz­Haber­Straße gewinnt auch als Um­ fahrungsstrecke der Ortsmitte an Bedeutung.

Der Karlsruher Stadtteil Grünwinkel ist heute in das gesamtstädtische Netz des Öffentlichen Personennahverkehrs gut eingebunden. Grünwinkel wird durch die beiden Buslinien 60 (Entenfang – Durmersheimer Straße – Zeppelinstraße – Hardeckstraße – Heidenstückersiedlung) und 62 (Entenfang – Durmersheimer Straße – Heidenstückersiedlung – Pulverhausstraße – Hauptsbahnhof) erschlossen. Beide Linien weisen eine dem Bedarf entsprechende, ausreichende Taktfolge auf, und ganz besonders während der Hauptverkehrszeiten und im Schülerverkehr sind sie sehr gut ausgelastet. Bewohner in Randbereichen des Stadtteils können direkt auf Straßenbahnen, Stadt­ und sogar Regionalbahnen zugreifen. So haben die Linie 1 im Osten eine Haltestelle „Hardecksiedlung“, die Linien 6 und S 2 im Westen die Haltestellen „Eckenerstraße“ und „Rheinhafenstraße“. Am Westbahnhof kann man mit der Regionalbahn R 8 an den Karlsruher Hauptbahnhof oder in die Pfalz bis Neustadt an der Weinstraße fahren. Zukunftsmusik ist die Planung einer Straßenbahnlinie durch die Pulverhausstraße, die als Tangentialverbindung vom Hauptbahnhof zur Rheinstrandsiedlung führen soll.

 

Gewerbegebiete in Grünwinkel

Schon im 19. Jahrhundert war durch die Firma Sinner ein großer Teil der Gemarkungsfläche der selbständigen Gemeinde Grünwinkel der gewerblichen Nutzung vorbehalten. Das gilt auch heute noch für den Stadtteil Grünwinkel mit der gegenüber der ursprünglichen Gemarkungsfläche durch die Stadtverwaltung vorgenommenen Vergrößerung der Abgrenzung gegen die benachbarten Stadtteile. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erhielt der Ort die Nachbarschaft von Industrieanlagen. Direkt an seiner nordöstlichen Gemarkungsgrenze wurde

1893 eine Bahnlinie vorbeigeführt, welche die vorher durch die Karlsruher Mathystraße führende Bahnlinie nach Maxau ersetzen sollte. Die Stadt hatte kurz zuvor im Jahr 1892 von der Gemeinde Bulach 58ha Gelände zwischen der Alb und der Grünwinkler Gemarkung erworben, und dort entstand der westliche Güterbahnhof. Schon 1895 begann in diesem Bezirk, der durch die Lokalbahn und die Eisenbahn sowohl für den Gütertransport wie für die Arbeiterschaft bestens erschlossen war, der Bau erster Industriebetriebe. Die Karlsruher Handelskammer sah dort in ihrem Jahresbericht für

1903 eine „Fabrikstadt im eigentlichen Sinne des Wortes“ entstehen. Nach der Eingemeindung war das Gewerbegebiet auch westlich der Bahnlinie erweitert worden. 1926 beurteilten die Stadtplaner dieses inzwischen stark bebaute Industriegebiet allerdings eher skeptisch. „Die dort vorhandenen Anlagen durchbrechen den Grüngürtel der Albniederung in höchst unliebsamer Weise, machen sich infolge der Lage vor der Hauptwindrichtung für die Wohngebiete der Weststadt durch Ruß und Rauch recht unangenehm bemerkbar und verhindern, namentlich im Zusammenhang mit den zugehörigen Bahnanlagen, die bauliche Entwicklung der Stadt.“ Schon kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert begann die Bebauung eines weiteren Karlsruher Industriegebietes nord­ westlich der heutigen Michelinstraße, das inzwischen ebenfalls Grünwinkel zugerechnet wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte dann das kleinere Gewerbegebiet an der Durmersheimer Straße südlich der Pulverhaus­/Rheinhafenstraße.

Wie andernorts spiegelt sich auch in der Entwicklung des Industriegebietes um Grünwinkel der Wandel der industriellen Struktur und der einzelner wirtschaftlicher Unternehmen. Das zeigte sich bereits in der Darstellung der die Grünwinkler Industriegeschichte dominierenden Sinner AG. Ein kursorischer, nicht auf Vollständigkeit zielender Blick auf untergegangene und neu hinzugekommene noch bestehende Betriebe soll diesen Wandel der vergangenen gut 100 Jahre veranschaulichen.

Die Bannwaldallee erschloss das Gebiet beim Güterbahnhof, der später Westbahnhof genannt wurde. Sie hatte bis zur damaligen Grünwinkler Straße (heute Zeppelinstraße) einen fast identischen Verlauf wie heute, führte aber weiter nach Nordwesten bis zur Durmersheimer Straße. Mit dem Bau der Südtangente z. T. im früheren Albgrün ist dieser Teil der Bannwaldallee aufgegeben worden. Zahlreiche Gebäude aus der Anfangszeit stehen heute noch – manche inzwischen mit neuen Nutzungen – und stellen bauliche Zeugnisse der Industriekultur in Karlsruhe dar. Als einer der ersten Betriebe siedelte sich im nördlichen Bannwaldareal 1895 die Firma K. Gössel an. Vom ehemaligen Baumaterialiengeschäft ist heute nur noch der Verwaltungs­ und Vermietungsbetrieb übrig geblieben. 1968 erregte die Firma Aufsehen mit der Eröffnung eines Marktes für den „heimwerkenden Endverbraucher“ nach amerikanischen Vorbildern. Von der ehemaligen Maschinenfabrik vorm. L. Nagel AG an der Liststraße steht noch der 1899 errichtete Hallenkomplex. In der ehemaligen Maschinenhalle mit dem angegliederten Verwaltungsgebäude befinden sich heute verschiedene Dienstleistungsbetriebe. Die Halle mit einer Giebelhöhe von 16 m dient als „Event­Location“ und vermittelt im Inneren durch die durchgehende Verglasung der Obergaden und die des Giebels eine besondere Atmosphäre. Früher lag auch auf dem First ein Glasdach. In der zweiten großen dreischiffigen Halle waren die Glockengießerei Bachert und die denselben Eigentümern gehörende Fabrik für Feuerlöschgeräte Metz untergebracht. Die Gebäudefront mit der sichtbaren Eisenkonstruktion und fast vollständigen Verglasung ist das besondere Merkmal dieses Industriedenkmals. Manchen ist die bis 1991 bestehende „Kramhalle Settembrini“ vielleicht noch in guter Erinnerung. Heute klettern sportliche Menschen die eingebauten künstlichen Felswände hoch.

Ehemalige Maschinenhalle mit Verwaltungsgebäude in der Liststraße.

Ehemalige Maschinenhalle mit Verwaltungsgebäude in der Liststraße.

In der Kesslerstraße befindet sich das von Gustav Ziegler 1899 errichtete viergeschossige Gebäude der ehemaligen Möbelfabrik M. Reutlinger & Cie. Die Firma geht zurück auf einen seit dem 18. Jahrhundert betriebenen Möbelhandel, aus dem   in den 1880er Jahren die Möbelproduktion entstand. Nach 1939 wurde die Fabrikation unter dem Namen Karlsruher Möbelfabrik und neuen Besitzern weitergeführt. Seit 1952 bis zur Einstellung des Betriebs 1982 firmierte sie als Karlsruher Möbelfabrik E. & W. Reutlinger. Auffallend an dem Bau sind die starke Fassadengliederung durch zwei Risalite mit aufgesetzten treppenförmigen Giebeln und die segmentförmigen Fensterstürze. Das Gebäude ist heute Teil einer größeren Ansiedlung eines Missionswerkes, dessen tempelförmiger Rundbau zur Südtangente hin liegt.

Das Maschinenhaus der ehemaligen Möbelfabrik Reutlinger.

Das Maschinenhaus der ehemaligen Möbelfabrik Reutlinger.

Auch südlich der Zeppelinstraße finden sich noch einige bauliche Zeugen der Anfangszeit. So markiert das 1907 erbaute festungsartige Gebäude mit Turm die Ecke Bannwaldallee und Zeppelinstraße (Architekt Adolf Singrün). Es ist Teil der früher großflächigen Kunstwollfabrik Vogel und Schnurmann und dient heute noch als Wohngebäude. Es befindet sich im Besitz der Firma Artmann, die sich als Immobilienentwickler und ­investor betätigt. Sie hat in Karlsruhe u.a. die Bauten der Berufsakademie in der Erzbergerstraße realisiert. Vom ehemaligen Industriekomplex stehen noch das Kesselhaus mit Kamin und die Färberei. Im Gewerbegebiet sind die unterschiedlichsten Nutzungen untergebracht, vom Fotostudio bis zur Diskothek. An der Bannwaldallee erinnern ferner drei Bauwerke an die Jahrhundertwende. In der ehemaligen, 1899 gegründeten Metallgießerei Diefenbacher und Mehlem (1903 Karlsruher Eisen­ und Metallgießerei, 1910 Metall­ werk Elektron und nach 1918 die Karlsruher Schnellwaagenfabrik) ist eine Squash­Anlage untergebracht. Spanische Importware findet sich in einer nach der Kriegszerstörung wieder aufgebauten Halle der früheren Gießerei Wittmer, die 1909 errichtet wurde. Nicht unweit davon steht eine ehemals für die Metall­ und Glockengießerei Bachert 1903/04 gebaute Fabrikationshalle, die schon 1910 durch die von den Gebrüdern Bachert erworbene Firma Carl Metz Feuerwehrgerätebau und Glockengießerei genutzt wurde. 1920 bezog die Elektrotechnische Fabrik Würtenberger und Haas das Gelände. Die Firma Friedrich Feldmann AG produziert seit 1929 an der Bannwaldallee Essig und Senf. Sie setzt damit die Tradition der Lebensmittelproduktion fort, die einst die Badische Lebensmittelfabrik begründete.

Keine Spuren mehr finden sich im Bannwaldareal von hier einst ansässigen Firmen wie der Dampfrosshaarspinnerei Carlo Pachetti & Co., der Ofen­ und Tonwarenfabrik, der Baugesellschaft Siegrist & Co., der Gesellschaft für elektrische Industrie, die wesentlich am Bau des ersten Karlsruher Elektrizitätswerks 1899/1900 am Rheinhafen beteiligt war, und einer Firma für chirurgische Instrumente. Die größte dieser untergegangenen Firmen war zweifellos die Firma Junker & Ruh. Sie übersiedelte aus dem Sommerstrich (zwischen heutiger Sofien­, Schiller­ und Kriegsstraße) 1912 an die Bannwaldallee. Die 1870 gegründete Firma stellte anfangs Nähmaschinen her, produzierte später auch Herde und Öfen, um sich dann vollständig auf Küchenherde und Großkücheneinrichtungen zu spezialisieren. Nachdem die Fabrik 1965 mit etwa 1.400 Beschäftigten von der Brettener Firma Carl Neff übernommen worden war, stellte der neue Eigentümer die Karlsruher Produktion 1968 ein. Auf dem ehemaligen Junker & Ruh­Gelände stehen heute u.a. Gebäude der Telekom und die Metro, einer der ersten Märkte Karlsruhes, in dem ausschließlich Gewerbetreibende Waren unterschiedlicher Art für ihren Geschäftsbedarf einkaufen können.

Eingang zum Frimengeländer Junker und Ruh in den 1960er Jahren.

Eingang zum Frimengeländer Junker und Ruh in den 1960er Jahren.

Die Gewerbeflächen setzen sich auf der anderen Seite der Bahnanlagen fort. Der Blick von der Zeppelinbrücke fällt dabei auf eine für die Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts moderne Fabrikhalle mit so genannten Scheddächern. Diese gefaltete Dachlandschaft mit nach No den ausgerichteten Glasbändern ermöglicht eine gleichmäßig gute Belichtung der Arbeitsflächen. Hier war die Bau­ und Kunsttischlerei Billing und Zoller untergebracht, die Luxusmöbel und Vertäfelungen für einen Kundenkreis weit über Deutschland hinaus herstellte. Heute ist dort u. a. eine Gesellschaft für Rohtabakverwertung angesiedelt. Östlich davon befand sich einst ein Werk für Zementwaren. Auf dem in den 1950er Jahren nach Westen erweiterten Gewerbeareal siedelte sich zunächst die Gaszählerfabrik Rombach an, die aus der Roonstraße an die Hardeckstraße verlegt wurde. Heute firmiert der Betrieb als Actaris Gaszählerbau und unterhält weltweit über 30 Produktionsstätten mit über 6.000 Mitarbeitern. Auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung Zeppelinstraße/Fritz­Haber­Straße hat sich 1996 die Deutsche Post AG mit einem Briefzentrum angesiedelt. Im Bereich von Pforzheim bis Landau und von Bruchsal bis Rastatt werden hier alle Briefe der Deutschen Post verteilt. In der Nachbarschaft befinden sich seit 1984 Verwaltung und Vertrieb des Logistikdienstleisters Simon Hegele und das 1980 eröffnete erste großflächige Karlsruher Bau­ und Gartencenter der 1968 in Bornheim bei Landau in der Pfalz gegründeten Firma Hornbach.

Fabrikanlage mit Holzarkaden in der Zeppelin- und Hardeckstraße.

Fabrikanlage mit Holzarkaden in der Zeppelin- und Hardeckstraße.

Die Gewerbe­ und Industriefläche zwischen Carl­Metz­, Michelin­ und Daxlander Straße sowie dem Lutherisch Wäldele ist bis zu der Pfannkuchstraße heute Teil von Grünwinkel. Zwischen 1901 und 1904 baute der Architekt Hermann Walder für die Maschinenbaugesellschaft Karlsruhe AG zwölf Gebäude. Diese Fabrik war 1836 von Emil Kessler als Lokomotivenfabrik gegründet worden und hatte ihren Sitz in Karlsruhe zwischen Beiertheimer Allee, Garten­, Mathy­ und Karlstraße. Bis heute er­ halten sind von den früheren Fabrikgebäuden noch die Eisengießerei, Metallgießerei, Schmiede und Schleiferei. Das 1902 errichtete Verwaltungsgebäude an der damaligen Wattstraße (heute Carl­Metz­Straße) leitet schon durch den Schwung vom langgestreckten zweigeschossigen Trakt zum turmartigen viergeschossigen Teil und den unterschiedlichen Fensterformen zum Jugendstil hin. Nachdem die Maschinenbaugesellschaft in der Weltwirtschaftskrise 1929 untergegangen war, erwarb die Metz Feuerwehrgeräte AG, der es an der Bannwaldallee zu eng geworden war, das Gelände. Die 1842 in Heidelberg als erste Spezialfabrik der Welt für Feuerlösch­ und Rettungsgeräte wurde 1905 nach Karlsruhe an den Westbahnhof zwischen Liststraße und Bannwaldallee verlagert. Der Betrieb beschäftigt heute 240 Mitarbeiter für die Herstellung von Drehleitern und Hubrettungsbühnen für die Feuerwehr.38 Auf dem Gelände befindet sich seit 2003 auch wieder die Glockengießerei Bachert. Neben diesem über sieben Hektar großen Gelände wurden in den letzten Jahren großflächige Einzelhandels­ und Büronutzungen angesiedelt. Nicht nur baulich überragt das Hochhaus der dm­Firmenzentrale die übrige Bebauung und ist von der Südtangente aus als bauliches Zeichen erkennbar. Das in Karlsruhe 1973 von Götz W. Werner begründete und inzwischen vielfach ausgezeichnete Unternehmen der Drogerie­Märkte betreibt allein in Deutschland über 900 Filialen und ist auch in Südosteuropa vertreten.

Das Betriebsgelände der Firma Metz auf einer Luftaufnahme kurz nach der Errichtung Anfang des 20. Jarhhunderts. Oben rechts aus dem Bild auslaufend das seinerzeitige Neubaugebiet Neubrüchle.

Das Betriebsgelände der Firma Metz auf einer Luftaufnahme kurz nach der Errichtung Anfang des 20. Jarhhunderts. Oben rechts aus dem Bild auslaufend das seinerzeitige Neubaugebiet Neubrüchle.

Südlich dieses Bereichs befindet sich das Areal des französischen Reifenherstellers Michelin. Karlsruhe war mit der 1931 erfolgten Niederlassung dessen erster Fabrikationsort in Deutschland. Auf Druck der nationalsozialistischen Regierung musste das Werk 1938 aufgegeben werden. Nach der Zwangsenteignung 1942 übernahmen die Süddeutschen Arguswerke die Produktionshallen zum Bau von Flugzeugmotoren und Panzerrädern. Die Rückübertragung und der Wiederaufbau erfolgten nach dem Zweiten Weltkrieg. So konnte 1958 wieder mit der Produktion begonnen werden. Auf über 12 Hektar Fläche arbeiten heute 1.750 Menschen. Der deutsche Stammsitz der Firma in Karlsruhe beinhaltet neben der Konzernzentrale, Produktion, Vertrieb und Logistik.

Die Deutschlandzentrale des Michelin-Konzerns in Grünwinkel.

Die Deutschlandzentrale des Michelin-Konzerns in Grünwinkel.

Das jüngste Grünwinkler Gewerbegebiet zwischen Rheinhafen­, Durmersheimer Straße und B 36 war im Generalbebauungsplan der Stadt von 1926 noch als Erweiterungsfläche für Wohnbebauung vorgesehen. Allerdings waren in der Durmersheimer Straße 196 und 209 bereits zwei Betriebe angesiedelt, seit 1908 die Seifen­ und Waschmittelfabrik Wolf & Co. und seit 1912 die Lackfabrik Stellberger und Höfle. Die Firma Wolf & Co. bestand nach Geländeabtretungen für den Bau der B36 und die Umgestaltung der Durmersheimer Straße noch bis 1980.

Firmengründer Karl Wolf und seine Frau Luise präsentieren ihre Produkte bei einer Ausstellung.

Firmengründer Karl Wolf und seine Frau Luise präsentieren ihre Produkte bei einer Ausstellung.

Die Straßenbaumaßnahmen gaben auch den Anlass, hier keine Wohnungen mehr zu planen, sondern Gewerbe anzusiedeln. Als bedeutendstes Unternehmen ragt die Badenia­ Druckerei heraus. In der Innenstadt am Lidellplatz in Raumnöten, baute das 1874 gegründete Unternehmen 1967 hier einen modernen Firmensitz. War der Name der Firma als Druckerei einst mit dem „Badischen Beobachter“ und anderen Zeitungen und Zeitschriften, da­ runter des bis heute gedruckten „St. Konradsblatts“ verbunden, so steht er heute in Europa für moderne Dienstleistungen im Bereich des Tiefdrucks. Unter anderen siedelten sich 1973 das Unternehmen Kutterer Kunststofftechnik an, das Verschlusslösungen für Tuben, Flaschen und andere Verpackungsmittel entwickelt und fertigt, und seit 1995 die Spedition Baam, die sich auf „temperaturgeführte“ Lebensmitteltransporte spezialisiert hat, weiter findet man ein Autohaus und den TÜV. Dieser kursorische Überblick zur Entwicklung von Industrie und Gewerbe im Nahbereich von Grünwinkel lässt folgende Schlüsse zu:

  • Für die Bewohner Grünwinkels standen und stehen in unmittelbarer Wohnortnähe unterschiedlichste Arbeitsplätze zur Verfügung, früher in größerer Zahl als heute.
  • Der Schwerpunkt der Gewerbetätigkeit verlagerte sich, der generellen Entwicklung folgend, von der verarbeitenden Industrie hin zu den Dienstleistungen.
  • Die früher verarbeitende Industrie bestand zu einem Großteil aus Betrieben der Metallbranche mit einem hohen Spezialisierungsgrad, z.B. Brauereieinrichtungen (L. Nagel), Feuerwehrgeräte (Metz), Glockengießerei (Bachert), Spezialmaschinen für die Zementproduktion (Wittmer), Chirurgische Instrumente (Kohm) und Ausrüstung von E­Werken (Gesellschaft für elektrische Energie).
  • Führend war Grünwinkel zudem im Bereich der Nahrungs­ und Genussmittelindustrie durch die Sinner AG.
  • Sinner, Junker & Ruh sowie Metz dehnten früher ihren Vertrieb weit über Deutschland aus. Heute zählen Michelin und die dm­Drogeriemärkte zu den Top 500 Unternehmen in Deutschland.
Die Zentrale der dm-Drogeriemärkte.

Die Zentrale der dm-Drogeriemärkte.