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gesprochen von Markus Kambeck

 

Manfred Fellhauer

Industrie, Handwerk und Gewerbe

 

Industrie und industrielle Entwicklung

 

Erste Anfänge

Industrialisierung im engeren Sinne bedeutet das Emporkommen und Dominieren einer Produktionsform, die auf der technischen Anwendung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und der wirtschaftlichen Nutzung gesammelter Produktionsmittel – technisch: Maschinen und Apparate; wirtschaftlich: Kapital –beruht. Hierbei galt Anfang des 19. Jahrhunderts der Grundsatz, dass sich die Produktion auf die Herstellung von Dingen des täglichen Lebens und von wichtigen Lebens- und Genussmitteln beschränkte.

Erste Anzeichen einer beginnenden Industrialisierung in Grünwinkel finden sich schon in den 1770er Jahren. Eine kleine Pottaschen-, Salpeter- und Essigfabrik richtete sich auf dem Gelände des Gutshofes ein. Der Pächter des Gutshofes beschwerte sich deshalb beim Amt in Ettlingen, er könne den Wirtshausbetrieb nicht mehr aufrechterhalten, weil die Salpetersiederer seit zehn Wochen die Stallungen nach Salpeter umgruben. Diese frühen Anfänge einer Salpeter- und Essigsiederei sowie einer kleinen Brauerei kamen durch die Kriegsereignisse um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert nicht zur Entwicklung.3 Der Betrieb wurde in den 1790er Jahren mehrmals verkauft. So wird nach Rentkammerrat Reinhard als Inhaber des Unternehmens Obrist von Beck genannt, der 1798 an die Fabrikanten Böhringer und Finkenstein verkaufte. Über den Kaufpreis entstand ein Streit, der bis zum Reichskammergericht in Wetzlar vorgetragen wurde. Aus den Gerichtsakten4 sind anhand von Inventarlisten die Aktivitäten dieses ersten Industrieunternehmens in Grünwinkel nachzuvollziehen. Hergestellt wurde Fruchtessig, Bier- und Branntweinessig, es wurde Bier gebraut und Stärkemittel hergestellt. Der zum Bierbrauen verwendete Hopfen kam aus Böhmen. Daneben bewirtschaftete das Unternehmen die zum Anwesen gehörenden Felder. Angepflanzt wurden Korn und Klee. Die Anpflanzung von Klee lässt darauf schließen, dass auch Viehhaltung noch dazu kam.

 

Die Siedefabrik mit Branntweinbrennerei und Brauerei

Nach den Bestimmungen des VI. Konstitutionsediktes wird 1809 eine Fabrik definiert als „Gewerbebetrieb, welcher so ins Große geht, dass einzelne Arbeiter nur einzelne Teile des Gewerbes verrichten, deren von dem Gewerbsherren geleitete Zusammenstimmung dann das Ganze vollendet“. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Arbeitsteilung zum Kriterium des Begriffs Fabrik gemacht wird. Insofern war der Grünwinkler Betrieb, auch wenn er nur ein paar Arbeiter beschäftigte, durchaus schon eine Fabrik, zumal die Inhaber als Fabrikanten bezeichnet werden. Fabrikant Finkenstein aus Pforzheim wird in den 1820er Jahren auch als Direktor der Spinnerei und Weberei in Ettlingen genannt.

1803 verkauften die Fabrikanten Böhringer und Finkenstein die „Quantitätfruchtessigsfabrik“ an den Oberst von Hornig, der diese weiter ausbaute und 1811 an den Handelskaufmann Carl Mayer aus Karlsruhe verkaufte. Dass diese Anfänge schwer waren und nicht ohne Zwischenfälle blieben, zeigt ein Großbrand, als 1814 die Bierbrauerei und die Essigsiederei niederbrannten, aber im gleichen Jahr wieder aufgebaut wurden. In der Nacht vom 10. zum 11. Juli 1817 brach erneut ein Feuer aus, der das gesamte Anwesen völlig zerstörte. Aus den Brandversicherungsakten erfahren wir, dass es sich um ein Brauereigebäude, ein Branntweinbrauhaus und eine Siedefabrik handelte. Die Großherzoglich Badische Generalbrandkasse zahlte eine Entschädigung von 12.000 Gulden, die zum sofortigen Wiederaufbau verwendet wurde, u.a. auch zu einem Brauereigebäude an der Alb. Vermutlich handelt es sich hier um den Eiskeller.

Mit Vertrag vom 18. Mai 1820 verkaufte Mayer das gesamte Anwesen an Staatsrat Reinhard zu einem Kaufpreis von 42.595 Gulden. Im Kaufvertrag ist ein neues Seitengebäude genannt, in dem eine Siede- und Bleizuckerfabrik betrieben wurde.

 

Verpachtung der Fabrik an Anton Sinner

Reinhard verpachtete den Betrieb an den Chemiker Anton Sinner, der vorher Salinendirektor in Hall war. Anton Sinner versuchte, die bestehenden Anlagen auszubauen. So errichtete er ein kleines Fabrikgebäude, in dem er Bleiweiß, Chromgelb und Schweinfurter Grün herstellte. Diese Ansätze einer Farbenfabrik konnten aber nicht verwirklicht werden und wurden schon nach kurzer Zeit wieder aufgegeben. Ebenso die Brauerei. Was weiterbestehen blieb, war die Essigsiederei und die Bleizuckerfabrik. Nach einem Bericht des Großherzoglichen Finanzministeriums vom 9. November 1830 produzierte die Brennerei jährlich 800 Ohm11 (12.000 Liter) Branntwein, wovon sie 600 Ohm zur Herstellung von Bleizucker brauchte. 1833 wird Anton Sinner im Steuerkataster der Gemeinde als Fabrikant aufgeführt, der elf „Gewerbsgehilfen“ beschäftigte. Davon waren fünf der ersten und sechs der zweiten Steuerklasse zugeordnet.

 

Bleizucker

Trotz seiner Giftigkeit wurde Bleizucker noch im 19. Jahrhundert als Zuckerersatz verwendet. Insbesondere fand er zum Süßen von Weinen Verwendung. Die Gewinnung erfolgte zumeist durch Auflösen von Bleioxyd in Essigsäure. Reinen Bleizucker erhielt man aus destilliertem Holzessig. Man entwickelte auch aus Holzessig oder aus einem Essigsäuresalz durch Übergießen mit Schwefelsäure Essigsäuredämpfe und leitete diese durch mehrere Fässer, in welchen Bleioxyd auf Siebplatten ausgebreitet war. Die Essigsäure wurde leicht absorbiert und am Boden der Fässer sammelte sich eine meist alkalisch reagierende Lösung aus essigsaurem Blei, welche nach dem Neutralisieren mit Essigsäure direkt Kristalle von Bleizucker lieferte.

Um sauren Wein süßer zu machen, war es seinerzeit unter Winzern gängige Praxis, den Weinen Bleizucker beizumischen. Im Genuss solchen gepanschten Weines wird denn auch die Hauptursache für die Leiden des Genies Ludwig van Beethoven gesehen. Die Schwerhörigkeit hat ihn so deprimiert, dass er öfters zu billigem, mit Bleizucker versetztem Wein griff. Von Beethoven selbst ist überliefert, dass er Wein wegen seiner stärkenden und tröstenden Wirkung überaus schätzte. Nach neuesten Erkenntnissen soll Ludwig van Beethovens Tod 1827 schließlich durch eine chronische Bleivergiftung verursacht worden sein.

 

Das Farbpigment „Bleiweiss“ und seine Herstellung

Rezepte für die Herstellung von Bleiweiß waren bereits in Malerhandbüchern der Antike enthalten: Man legte metallisches Blei in einen Steinguttopf, dessen Boden mit Essig bedeckt war, und bettete die Gefäße in Pferdemist. Durch den Fäulnisprozess entstanden Wärme und Kohlendioxyd und diese bewirkten, dass sich das metallische Blei in besonders deckfähiges Bleiweiß umwandelte.

 

Erwerb des Unternehmens durch Georg Sinner

Der älteste Sohn von Anton Sinner, Georg, erwarb das Unternehmen 1849 von Staatsrat Reinhard zu einem Preis von 27.000 Gulden. Georg Sinner hatte zuvor eine kaufmännische Lehre bei M. Eisenlohr in Durlach absolviert. Unter seiner Leitung nahm das Unternehmen einen bedeutenden Aufschwung. 1857 richtete er nach Aufgabe der Bleizuckerfabrik eine Stärkemittelfabrik ein. Bereits zu diesem Zeitpunkt wies die Bilanz des Unternehmens ein Reinvermögen von 58.000 Gulden aus (78.000 Gulden Aktivvermögen und 20.000 Gulden Passivvermögen, ein Darlehen der Privatsparkasse Karls- ruhe). Mitte der 1860er Jahre wurden die Brauerei und die Presshefefabrik gegründet, 1888 erfolgte der Bau einer „Spiritus-Rectifekationsanstalt“. Durch die Spiritus- und Presshefefabrikation wurde das Unternehmen bis zur Jahrhundertwende zu einer der größten Anlagen dieser Art in Deutschland.17 Nach einer Veröffentlichung des Statistischen Landesamtes gehörte die Grünwinkler Spiritus- und Presshefefabrik 1880 noch nicht zu den Unternehmen, die mehr als 100 Beschäftigte hatten, gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit 294 Arbeitnehmern aber zu den größten Unter- nehmen in Karlsruhe und Umgebung.

Das Firmengalände Sinner im Jahr 1880.

Das Firmengalände Sinner im Jahr 1880.

Am 2.11.1885 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt unter der Firma: Gesellschaft für Brauerei, Spiritus und Presshefefabrikation, vormals G. Sinner. Das Aktienkapital der Gesellschaft betrug bei der Gründung 2.000.000 Mark und wurde bis zum Jahre 1912 auf 8.000.000 Mark erhöht.

 

Arbeitsbedingungen in der Brauerei Ende des 19. Jahrhunderts

Die Arbeitszeit betrug zehn Stunden. Teilweise wurde auch in einem zwölfstündigen Schichtbetrieb gearbeitet. Sonntags waren die Arbeiter verpflichtet, drei Stunden zu arbeiten. Der Anfangslohn für einen gelernten Brauer betrug 90 Mark pro Monat und stieg nach sechs Monaten um 5 Mark, bis der Betrag von 100 Mark erreicht war. Ledige Arbeiter erhielten meist eine Schlafstelle in der Brauerei, wofür ihnen die Firma 5 Mark berechnete. Hilfsarbeiter wurden im Taglohn bezahlt; ihr Lohn schwankte zwischen 2,40 Mark und 2,60 Mark. Die Bierführer erhielten, wenn sie in der Brauerei schliefen, pro Monat 75 Mark, wenn sie zu Hause wohnten 80 Mark im Monat, ferner für auswärtige Touren Wegegelder von 50Pfennigen bis 3Mark. Überstunden wurden mit 40 Pfennigen vergütet, Sonntagsarbeit mit 2 Mark für den ganzen Tag. Zu diesen Löhnen traten je nach Arbeiterstand noch vier bis sechs Liter Haustrunk, von dem die verheirateten Arbeiter einen Teil mit nach Hause nehmen durften. Unter Berücksichtigung der Naturalbezüge erreichten über die Hälfte der Arbeiterinnen und Arbeiter einen Lohn zwischen 3 und 4,50 Mark pro Tag.

Auch die Bierproduktion war früher Handarbeit. Selbst Kinder mussten mit anpacken.

Auch die Bierproduktion war früher Handarbeit. Selbst Kinder mussten mit anpacken.

In der Industriegeschichte Grünwinkels spielte allein die Sinner AG eine herausragende Rolle und dies nicht nur im 19. Jahrhundert. Das Unternehmen war der größte Arbeitgeber im Dorf und brachte der Gemeinde Geld in die Kasse und auch den Grundstückseigentümern, die an die Fabrik ihre Grundstücke verpachteten oder verkauften. Auch hiesige Handwerker, Zulieferer und Fuhrleute profitierten von den Aufträgen der Fabrik. 1895 arbeiteten über 30% der Arbeitnehmer Grünwinkels „im Sinner“. Unberücksichtigt sind hier Dienstboten und Gehilfen.

Neben dem Aufstieg der Sinner AG zum Weltunternehmen, scheinen die daneben sich entwickelnden Unternehmen zu verblassen. Trotzdem haben auch sie für die Entwicklung von Grünwinkel eine nicht unwesentliche Bedeutung.

 

Die Ziegelhütte

Ende des 18. Jahrhunderts wurde auf dem ehemaligen herrschaftlichen Schäferacker (auch Postacker genannt) eine Ziegelhütte errichtet. Der Schäferacker wird in der 1752er Renovation wie folgt beschrieben: „Item 3 Morgen 2 Viertel 11 Ruthen sogen. Schäferacker, einerseits Jacob Maier von Daxlanden, andererseits die Alb, oben die herrschaftliche Wiese, unten die Mühlburger Brücke“. Nach Aufgabe der Schäferei wurde das Grundstück an Jacob Oberle für jährlich 13 Gulden und 30 Kreuzer verpachtet. 1785 wandte sich Werkmeister Berckmüller aus Karlsruhe mit der Bitte an die markgräfliche Rentkammer, dieses Grundstück für 300 Gulden erwerben zu dürfen. Des Weiteren ersuchte er um Genehmigung „zur Beförderung des Publikums in ihren Bauweisen in Daxlanden am Rhein Erde graben und auf dem genannten Grundstück einen Feldofen errichten zu dürfen, um Ziegel brennen zu können“. Als weiteren Grund führte er an, dass „die Hofräthe Brauer und Posselt aus Mangel dieser Ware noch nicht in ihren Häusern wohnten“ und er in Daxlanden kein Grundstück bekommen würde. Aber die Ablösung der markgräflichen Zehntansprüche und die Höhe des angebotenen Kaufpreises scheinen ein Problem gewesen zu sein. Nach umfangreichem Schriftwechsel zwischen der Rentkammer und dem Amt Ettlingen wurde das Grundstück letztendlich zu einem Preis von 425 Gulden an Berckmüller verkauft.

1798 kam die Ziegelhütte in den Besitz von Christian Herbst, dem gestattet wurde, auf seinem auf der Grenze der Gemarkungen Grünwinkel und Mühlburg gelegenen Gut ein Wohnhaus zu errichten. Für den Neubau war eine Grenzverlegung zwischen Mühlburg und Grünwinkel erforderlich, die von der markgräflichen Kammer genehmigt wurde.22 Den Letten23 zur Herstellung von Backsteinen entnahm Herbst aus der Burgau. Der Sohn von Ziegler Herbst (mit Vornamen ebenfalls Christian) übernahm den väterlichen Betrieb. Nach der Rheinbegradigung im Jahr 1817 wurde der Gemeinde Knielingen zum Ausgleich für den Verlust von Grund und Boden durch den Rheindurchschnitt Gelände in der Burgau zugewiesen und Herbst musste nun seinen Letten in Eggenstein graben. Als 1819 die Gemeinde Eggenstein das Gelände an Daxlanden verkaufte, war Herbst wiederum ohne Lettengrube und so entschloss er sich, eine solche zu kaufen. Hierfür wählte er die Aubiegelwiesen mit einer Fläche von knapp 17 Morgen auf Forchheimer Gemarkung aus, die ihm auch für 160 Gulden je Morgen verkauft wurde.

Rund um Karlsruhe bestanden 21 Ziegeleien. Nur drei, darunter auch die Grünwinkler Ziegelhütte, gehörten zu den Hütten, die die besseren, haltbareren Backsteine aus Rheinletten brannten. Die anderen Ziegeleien waren Gebirgsziegelhütten, die minderwertigere Gebirgsware herstellten. 1827 erwarb Herbst weitere drei Morgen Inselwiesen auf Forchheimer Gemarkung und erweiterte seinen Besitz bis 1830 auf 27 Morgen (ca. 10 Hektar). Etwa in Höhe der heutigen Nussbaumsiedlung baute Ziegler Herbst eine steinerne Brücke über den Federbach. Mit Stellfallen wurde das Wasser gestaut und über ein Schöpfrad die Wiesen bewässert. Diese „Herbsters Brück“, die zum Flurnamen der nördlichen Insel wurde, wurde beim Rheinhochwasser 1882 weggerissen und war dann als Holzbrücke bis Anfang des 20. Jahrhunderts vorhanden.

Der Lageplan zeigt, dass sich die Ziegelei zwischen Gasthaus

Der Lageplan zeigt, dass sich die Ziegelei zwischen Gasthaus „Zum Engel“ und „Eiskeller“ befand.

Nach Herbst betrieb Johann Georg Gutmann die Ziegelei weiter. 1863 erhielt er die Genehmigung zur Errichtung eines Feldbrennofens, da die Gemeinde Daxlanden sich geweigert hatte, einen solchen auf ihrer Gemarkung errichten zu lassen. So schreibt die Gemeinde Daxlanden an das Bezirksamt: „Im allgemeinen ist zu beklagen, dass solche Backsteinbrennereien unser Territorium und zwar unser bestes immer noch einengen. Da lassen sich die Leute durch scheinbar höheren Preis herbei, ihre wertvollsten Äcker zu verkaufen und schließlich sehen unsere Enkel mit Schmerz, wie durch über angebrachte Rechnung ihrer Vorfahren Grund und Boden in anderer Leute Hände gewandert und der Landwirtschaft mehr oder weniger entzogen ist.“ Im Antrag an das Groß- herzogliche Bezirksamt ist eine nähere Beschreibung eines solchen Feldbrennofens enthalten. Nach Aufsetzen der Backsteine wurden diese mit Steinkohle überschüttet und die Fugen der Wände mit Letten verschlossen. Da- nach wurde die Kohle angezündet. Der Brennvorgang dauerte 14 Tage. Anschließend wurde der Ofen wieder abgebaut.

Nach Gutmanns Tod 1876 verpachteten die Erben die Ziegelei an Leopold Lattner und Karl Riether aus Mühlburg. 1879 erwarb Karl Riether die Ziegelei zu einem Preis von 28.800 Mark und verkaufte den Betrieb 1884 an Kaufmann Friedrich Loos aus Mühlburg für 45.544 Mark. Loos verpachtete den Ziegeleibetrieb an Theodor und Otto Hessig. Zwei Jahre später erwarb Karl Sinner die Ziegelei. Nach den Bestimmungen des Kaufvertrags trat er in den bestehenden Pachtvertrag ein. Dem Gewerbesteuerkapital in Höhe von 10.100 Mark nach zu schließen, scheint der Betrieb gut floriert zu haben. Am 1. Januar 1900 waren in der Ziegelei 14 männliche und zwei weibliche Arbeitnehmer beschäftigt. Anfang des 20. Jahrhunderts konnte der Betrieb nicht mehr rentabel genug geführt werden. Mangelnde Lehmausbeute und die weite Entfernung des Ziegeleibetriebs von den Lehmgruben führten dazu, dass der Betrieb 1911 eingestellt wurde.

 

Arbeitsbedingungen in der Ziegelei

Die Ziegeleiarbeiter hatten die niedrigsten Lohnverhältnisse dieser frühen Industrialisierungszeit. 64 % der Ziegeleiarbeiter bezogen Löhne unter 3 Mark pro Tag. Dazu kam noch eine Arbeitszeit von elf Stunden am Tag, bei den Brennern, Ofenarbeitern, Fuhrleuten und Stückwerkern zwölf Stunden und mehr. Etwa zwei Drittel der Arbeiter fanden nur in den Sommermonaten an 140 – 160 Tagen Arbeit; die Erdarbeiter, Maschinisten, Vorarbeiter und zum Teil die Fuhrleute hatten auch im Winter Arbeit, allerdings bei verkürzter Arbeitszeit, etwa acht bis neun Stunden am Tag. Dies bedeutete zwangsläufig auch verminderten Arbeits- lohn. Brenner und Ofenarbeiter sowie einige wenige Handformer arbeiteten im Stücklohn und erzielten höhere Löhne. Die Stückwerker, wie diese Arbeiter genannt wurden, wohnten teilweise in primitiven Wohnungen bei der Ziegelei. Sie zogen ihre Frauen und teilweise auch ihre noch schulpflichtigen Kinder mit zur Arbeit heran. 1875 lebten auf dem Anwesen der Grünwinkler Ziegelei acht Familien mit insgesamt 54 Personen (32 männliche und 22 weibliche).

Einen Vorteil hatten die Arbeiter in den Ziegeleien. Die als Taglöhner arbeitenden Männer und Frauen konnten jederzeit ihre Felder bestellen, d.h., ganze oder halbe Tage aussetzen. Selbst nach Einführung von mehr Maschinenarbeit ist es nicht gelungen, einen Stamm jeden Tag regelmäßig zur Arbeit kommender Leute heranzubilden. Dieser Umstand erklärt auch die niederen Löhne. Ferner kommt hinzu, dass sehr viele junge Menschen und minder qualifizierte Kräfte Verwendung fanden.

Demgegenüber waren die Löhne der Arbeiterinnen relativ hoch. Keine Arbeiterin verdiente unter einer Mark pro Tag. Die Tätigkeit der Arbeiterinnen bestand im Abnehmen der rohen Steine von der Presse und im Transportieren zu den Trockenplätzen. Die Beschäftigung von Frauen wurde von der großherzoglichen Fabrikinspektion jedoch „für nicht wünschenswert erachtet“.

In diesen Gedankengang passt die Wahrnehmung der Fabrikanten, die beklagten, es seien kaum Frauen als Arbeitskräfte zu bekommen. Konnten die Ehefrauen der in der Stadt wohnenden Arbeiter noch am ehesten die Besorgung von Haushalt und Kindern neben der Fabrikarbeit bewältigen, so war den Frauen der Arbeiterbauern der lange Fußweg von ihrem Dorf zur Arbeit nicht mehr zuzumuten. Auffallend ist aber, dass mit dem Aufkommen der Lokalbahn sich der Anteil der Frauen in den Fabriken aus den durch sie erschlossenen Dörfern erhöhte.