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gesprochen von Markus Kambeck

 

Handwerk und Gewerbe

Der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Tätigkeit der Grünwinkler Bevölkerung entwickelte ich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts immer mehr zugunsten der Industriearbeit. 1852 zählte Grünwinkel neben der Essigsiederei, Branntweinbrennerei und der Ziegelhütte folgende Gewerbebetriebe: ein Schreiner, zwei Schuster, zwei Schneider, ein Bäcker, ein Metzger, ein Maurer und drei Wirte.

Das Handwerk, oft mit den Attributen „traditionell“ oder „bürgerlich“ bedacht, beherrschte den gewerblichen Sektor bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Aus der Deckung des bäuerlichen Bedarfs (Schmiede, Wagner, usw.), später des allgemein wachsenden örtlichen Bedarfs (Bauhandwerker) hat sich die handwerkliche Tätigkeit immer mehr spezialisiert. Ein „selbständiger“ Handwerker zu sein bedeutete dabei, Rohstoffbezug, Verarbeitung und Vermarktung unter eigener Regie durchzuführen. Dabei war die Arbeitsteilung wenig ausgeprägt, ein Meister war vom Roh- bis zum Endprodukt für sein Erzeugnis verantwortlich. An der Vielfalt der handwerklichen Berufe lässt sich in Grünwinkel gut nachvollziehen, wie neben dem landwirtschaftlichen Grundbedarf auch schon ein gewisser Bedarf nach Luxusgütern entstand. Bereits vor 1860 wurde eine Seifensiederei betrieben, 1872 eröffnete ein Putzmacher (Hutmacher) mit dem Verkauf von Seide, Federn und Bändeln seinen Betrieb, hinzu kam ein Schirm- und ein Uhrenmacher. Einen begünstigenden Einfluss auf Handel und Gewerbe bewirkten der Beitritt Badens zum Deutschen Zollverein 1835 sowie die am 1. Januar 1836 gefallenen Zollschranken im Verkehr mit den anderen deutschen Bundesstaaten. Eine weitere Förderung erfuhr die Entwicklung von Handwerk und Gewerbe durch die Aufhebung der lange verteidigten Zunftordnung. Mit Einführung der Gewerbefreiheit (1862) versuchte der Staat, die Menschen von der Straße wegzubringen, vor allem Kinder und Jugendliche. Schon im Jahr 1836 gründete Emil Keßler in Karlsruhe eine Lokomotivenfabrik, die Eisenbahnmaterial aller Art und Lokomotiven herstellte. Die Anbindung an das 1843 entstehende Eisenbahnnetz war Auslöser für die rasante industrielle Entwicklung, die sich in Karlsruhe auf dem Gebiet der Eisenwaren her- stellenden Industrie und des Maschinenbaus vollzog. Ab 1890 entstand ein neues Industrieviertel im Südwesten von Karlsruhe, von Grünwinkel bis zum Rhein.35 Industrie und Hand- werk konnten den großen Bevölkerungszuwachs aber noch nicht durch Schaffung entsprechender Arbeitsplätze kompensieren. Viele Familien lebten im 19. Jahrhundert in Grünwinkel am Rande des Existenzminimums. Es war ihnen nicht möglich, das teure Lehrgeld für die Ausbildung ihrer Kinder aufzubringen, vor allem für Berufe, die am Ort selbst nicht ausgeübt wurden. Aber auch diese Handwerksbetriebe konnten nur wenige Ausbildungsplätze bereit stellen. So blieb vielen nichts anderes übrig, als sich als Taglöhner in Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe zu verdingen oder auszuwandern.

Berufe wie Maurer, Zimmermann, Maler, Gipser, Schreiner und solche aus dem metallverarbeitenden Gewerbe gewannen immer mehr an Bedeutung. Aufgrund des raschen Bevölkerungswachstums durch die Zuwanderungen, insbesondere gegen Ende des 19. Jahrhunderts, setzte in Grünwinkel ein regelrechter Bauboom ein. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch den preisgünstigen Verkauf von Gemeindegrundstücken an Ortsbürger.

Neben Handwerk und Gewerbe gewann auch der Dienstleistungssektor an Bedeutung. Grünwinkler Mädchen und auch junge Frauen gingen zum Wäschewaschen in Karlsruher Haushalte oder hatten die Wäsche zur Bearbeitung (Wäscherei, Bleiche) in das Dorf geholt. 1897 errichtete August Schuster eine Wäscherei und Bleicherei. Lange Zeit gingen die Beschäftigten zu Fuß vom Dorf in die Residenzstadt, was viel Zeit in Anspruch nahm. Karlsruhe wurde immer mehr zu einem Magneten für den aufkommenden Dienstleistungssektor, von dem auch die Grünwinkler profitierten.

1895 gab es in Grünwinkel 44 Gewerbe- und Handelsbetriebe. 20 waren Einzelunternehmer, 19 beschäftigten zwischen einem und fünf Arbeitnehmern und zwei je über 51 Arbeitnehmer. Fünf Unternehmen arbeiteten bereits mit Maschinen, die übrigen setzten insgesamt 424 Pferdestärken ein. In den Grünwinkler Betrieben fanden 408 Menschen Beschäftigung, darunter 35 Frauen und elf Jugendliche unter 16 Jahren. In der Ziegelei arbeiteten 26 Menschen und in neun Betrieben der Nahrungs- und Genussmittelindustrie 326.Der Hauptanteil der Beschäftigten fällt hier auf die Sinner AG, die restlichen Betriebe sind Bäckereien, Metzgereien und Kolonial- und Spezereigeschäfte. Hier fällt auf, dass mehrere solcher Geschäfte gegründet wurden, meistens mit Wurst- und Flaschenbierverkauf. Dies hat mit Sicherheit seine Ursache in den vielen Menschen, die von außerhalb zur Arbeit nach Grünwinkel kamen, lag aber auch an den Menschen, die auf dem langen Weg von und zu ihrer Arbeit in Karls- ruhe Grünwinkel passierten. Gaben Handwerk und Industrie Anfang des 19. Jahrhunderts noch weniger als einem Drittel der Menschen Arbeit und Einkommen, waren es Mitte des 19. Jahrhunderts rund 50 % und Ende des 19. Jahrhunderts 75 % der Beschäftigten, die in Industrie und Gewerbe tätig waren. Die Statistik bleibt aber unscharf. Man muss Landwirtschaft, Gewerbe und Handel in ihrer Gemengenlage sehen, viele Kleinbauern betrieben nebenher ein Hausgewerbe und vertrieben ihre Erzeugnisse auch im Hausierhandel.

 

Grünwinkler Gewerbegebiete 1913 und 1920

 Mit den Gleisen des Fortschritts, wie die Eisenbahnlinien auch genannt wurden, kam die Industrialisierung nicht nur nach Karlsruhe, sondern auch nach Grünwinkel. Die unmittelbare Nähe Grünwinkels zu dem 1895 fertiggestellten Westbahnhof (vorher Güterbahnhof genannt) ließ bei Grünwinkel auf Karlsruher Gemarkung und heutigem Grünwinkler Stadtteilgebiet mehrere Unternehmen entstehen. Eine Industriekarte aus dem Jahr 1913 stellt farbig die bestehenden Industrieanlagen rot, die künftig zu bebauenden Industrieplätze rot- weiß gestreift dar. Als Industriebetrieb genannt sind die Gesellschaft für Brauerei, Spiritus- und Presshefefabrikation, vormals G. Sinner, und die Bau- und Kunsttischlerei Billing & Zoller AG. Die Fa. Billing & Zoller siedelte in Grünwinkel an der Zeppelinstraße an, nachdem das Fabrikgebäude in der Wilhelmstraße abgebrannt war. Nicht eingezeichnet ist die in der Durmersheimer Straße ansässige Lackfabrik Odenwald, vormals Lackfabrik Rudolf Linke. Das 1913 noch als Vorratsindustriegelände aus- gewiesene Gebiet ist nach dem Ersten Weltkrieg bereits bebaut und erhielt einen eigenen Eisenbahnanschluss vom Westbahnhof her. Diese Anschlüsse erhielten die Brauerei Sinner AG und die Süddeutsche Dampfobstbrennerei B. Oldenheimer. Als weiteres Unternehmen siedelten die Zementwarenfabrik Trier & Gross und die Hofherdfabrik Karl Ehreiser an.40 Diese letztgenannten Unternehmen hatten ihren Sitz in Karlsruhe und unterhielten in Grünwinkel lediglich Betriebsstätten.

Rings um den Güterbahnhof waren ebenfalls verschiedene Fabriken angesiedelt, u. a. Möbel-, Kunstwoll-, Ofen- und Tonwaren- sowie Zementwarenfabriken, die Nähmaschinenfabrik Junker & Ruh, Maschinenfabriken und Eisengießereien sowie die Glockengießerei Bachert und die Feuerwehrgerätefabrik C.Metz. Diese Ansammlung von Unternehmen zeigt, dass die Industrie meistens im Westen der Stadt angesiedelt wurde. Die erkennbare Konzentration war aber auch von der Stadt so gewünscht.

Gesamtansicht der Fabrikanlage Junker & Ruh.

Gesamtansicht der Fabrikanlage Junker & Ruh.

Ansicht von Gebäuden der Firma Carl Metz in der Liststraße.

Ansicht von Gebäuden der Firma Carl Metz in der Liststraße.

Artikel_10-03

Für Industriezwecke genutzes (rot) bzw. vorgesehendes (schraffiert) Gelände in Grünwinkel 1913 (oben) und 1920 (unten).

Für Industriezwecke genutzes (rot) bzw. vorgesehendes (schraffiert) Gelände in Grünwinkel 1913 (oben) und 1920 (unten).