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gesprochen von Markus Kambeck

 

Peter Forcher

Zur Geschichte der Firma Sinner

Die Geschichte Grünwinkels ist im 19. und 20. Jahrhundert vielfältig mit dem Hause Sinner verknüpft. Die Familie Sinner hat in dieser Zeit durch ihren unternehmerischen Einsatz ein Großunternehmen geschaffen und damit vielen Menschen Lohn und Brot gegeben. Aus einer zum markgräflichen Gutshof gehörenden Landarbeiterkolonie wurde in dieser Zeit eine Arbeitersiedlung.

Der Name Sinner wird in unserer Region mit der Brauerei verknüpft. Das große Unternehmen hatte jedoch mehrere Betriebszweige und entwickelte sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts zu einem international operierenden Nahrungsmittelkonzern. Die Anfänge und die Geschichte der Firma Sinner im 19. Jahrhundert sind bereits dargestellt und daher erfolgt hier nur die Betrachtung der Entwicklung des Konzerns zu einer „Weltfirma“ im 20. Jahrhundert. Mit der Übernahme der Firma durch Robert Sinner im Jahre 1883 wurde das Unternehmen weiter ausgebaut. Es erfolgte die Umwandlung von einer Offenen Handelsgesellschaft (Personengesellschaft) in eine Aktiengesellschaft (Kapitalgesellschaft) und damit wurde die Internationalisierung der Firma eingeleitet. Die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges brachten erhebliche Nachteile für den Betrieb. Das Unternehmen erholte sich jedoch schnell und konnte Anfang der 1920er Jahre bereits wieder expandieren. 1932 wurde Rudolf Sinner Leiter der Firma. Die wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung nach der 1929 beginnenden Weltwirtschaftskrise wurde durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges unterbrochen. Allerdings konnte schon wenige Tage nach Kriegsende unter schwierigen Bedingungen die Hefeproduktion wieder aufgenommen werden. Mit dem Stichtag der Währungsreform begann erneut der wirtschaftliche Aufstieg des Unternehmens.

Im Jahr 1950 verstarb dann Rudolf Sinner. Neuer Vorstandsvorsitzender wurde Heinz von Rotteck, der bereits seit 1934 dem Vorstand angehörte. Obwohl sich die Sinner AG zu einer der größten Brauereien der Region entwickelt hatte, führten die Konzentrationsprozesse in der Brauindustrie zur Übernahme durch die Moninger AG. Am 31. Dezember 1974 wurden alle Betriebsangehörigen von Moninger übernommen. Damit endete die Arbeitgeberrolle der Sinner AG. Bereits seit 1979 „schwebt“ das sechs Meter hohe Moninger Firmenzeichen, welches auf dem ehemaligen Getreidesilo montiert ist, über dem Gelände. Damit ist der Wechsel von Sinner zu Moninger in Grünwinkel vollzogen.

Über viele Jahre waren der biertrinkende Rathsherr und sein Junge das Erkennungszeichen der Brauerei Sinner.

Über viele Jahre waren der biertrinkende Rathsherr und sein Junge das Erkennungszeichen der Brauerei Sinner.

 

Weiterentwicklung von „Sinner“ durch Robert Sinner

Das Jahr 1880 war für das Unternehmen, das noch keine 100 Beschäftigte hatte, ein Schicksalsjahr. Ein schweres Unglück ereignete sich am 2. Dezember 1880. Beim Einsturz eines Kellergewölbes im Neubau der Brauerei Sinner fanden insgesamt zwölf Mitarbeiter den Tod. 1883 starb der Gründer des Grünwinkler Unternehmens, Georg Sinner. Sein Sohn Robert Sinner (1850 – 1932) konnte zusammen mit seinen Brüdern und seinem Schwager ein blühendes Unternehmen, bestehend aus einer Presshefefabrik mit Spiritusbrennerei, einer Essigfabrik und einer Bierbrauerei in Grünwinkel übernehmen. Dazu kamen die Presshefefabriken in Durmersheim und im schweizerischen Augenstein. Die 1888 erworbene Mälzerei und Brennerei in Käfertal baute man kurz nach dem Kauf in eine Hefefabrik um.

Am 2. November 1885 wurde die Firma Georg Sinner OHG in eine Aktiengesellschaft als „Gesellschaft für Brauerei, Spiritus­ und Presshefeproduktion vorm. G. Sinner“ umgewandelt.

Sinner stand für Innovation in der Lebensmittelproduktion.

Sinner stand für Innovation in der Lebensmittelproduktion.

Mit der Umwandelung der OHG in eine Aktiengesellschaft entwickelte sich Sinner zu einem weitverzweigten Unternehmen mit weiteren Standorten in Posen, Pommern und in Sesto San Giovanni bei Mailand.

Daneben betrieb man in Grünwinkel eine Großmühle und ein dazugehöriges Lagerhaus im Karlsruher Rheinhafen. Auch eine Reederei gehörte zum Unternehmen, deren Aufgabe die Zufuhr von Rohmaterialien auf eigenen Schiffen war. Der Transport des Getreides, von Spiritus und Bier erfolgte in großem Umfang auch über die Eisenbahn. Eine etwa 5.000Meter lange Gleisanlage hatte direkten Anschluss an die Gütergleise des Bahnhofs Karlsruhe­ West. Täglich verkehrten zwei bis drei Güterzüge auf dieser Verbindung. Bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts gehörte die Gesellschaft zu den größten Unternehmen in der gesamten Karlsruher Region.

Gesamtansicht der Firma Sinner, 1897.

Gesamtansicht der Firma Sinner, 1897.

Die Grünwinkler Firma im Jahre 1919.

Die Grünwinkler Firma im Jahre 1919.

In Stettin und Danzig­-Neufahrwasser wurden 1898 große Spiritusraffinerien (die späteren „Baltische Spritwerke Danzig­-Neufahrwasser“) erworben, welche sich 1908 mit anderen Spiritusfabriken zusammen in eine eigenständige Aktiengesellschaft, den Stettiner Spritwerken, vereinigten. Die Brauerei Sinner stellte nur einen Teil des Gesamtunternehmens dar und erreichte durch Zukäufe eine beachtliche Größe. Vor dem Ersten Weltkrieg produzierte die Brauerei ca. 100.000 Hektoliter Bier im Jahr und unter­ hielt eigene Ausschankstellen.

Nach der Übernahme der Karlsruher Brauerei Wilhelm Fels 1912, gegen Ende des Krieges der Aktienbrauerei Altenburg in Sinzheim bei Baden­Baden und der „Mühlburger Brauerei AG“ vormals Seldeneck’sche Brauerei wurde Sinner zu einer der größten Brauereien Badens. Um die wirtschaftliche Weiterentwicklung zu sichern, veranlasste die Geschäftsleitung unter Robert Sinner ab 1911 den Einstieg in die Nahrungsmittelindustrie. Dieser Bereich befasste sich mit der Herstellung von Backpulver, Puddingpulver, Vanillinzucker, Hafer­ flocken sowie Hafermehl (daraus wurde eine spezielle Kindernahrung hergestellt), Suppen­ würze und Stärke. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 wurde der Aufbau einer Fabrikationsanlage für Marmelade begonnen, die 1916 mit einer Kapazität von 10.000 t/a in Betrieb genommen werden konnte. Ein weiterer Produktionszweig erschloss sich während des Ersten Weltkrieges mit dem Bau einer Fabrik zur Herstellung von Protol, das als Grundstoff zur Produktion von Glyzerin diente. Glyzerin wurde für die Herstellung von Sprengstoffen benötigt. Diese Fabrikation wurde mit Beendigung des Krieges wieder eingestellt und die Betriebsräume zur Hefeherstellung genutzt. Der während des Krieges entstandene Mangel an Futtermitteln führte zu der Suche nach Ersatzstoffen. Ein Verfahren, bei dem aus Melasse und Salzen ein Ersatzfuttermittel mit einem Eiweißgehalt von 50 % hergestellt wurde, kam dafür in Frage. Die Sinner AG errichtet auf ihrem Gelände eine vom Deutschen Reich bezahlte Fabrik zur Herstellung von Ersatzfuttermitteln nach diesem Verfahren, die als Erste in Deutschland den Betrieb aufnahm.

Geheimrat Dr. Robert Sinner.

Geheimrat Dr. Robert Sinner.

Während des Krieges gab die Gesellschaft Sinner „Mitteilungen an unsere zur Fahne einberufenen Beamten und Arbeiter“ (eine sogenannte Kriegszeitung) heraus. Insgesamt 125 Zeitungen wurden zwischen dem 16. September 1914 und dem 10. Dezember 1918 gedruckt. Berichtet wurde u. a. über das persönliche Schicksal der einberufenen Mitarbeiter (Adresse, Verwundung, Tod, Auszeichnung, …) und die Kriegslage. Das Ende des Ersten Weltkrieges brachte für die Firma erhebliche Verluste. Die Fabriken in Sesto San Giovanni und Luban (jetzt polnisch) gingen aufgrund des Versailler Vertrages verloren. Allerdings wurde die Sinner AG an einer neu gegründeten polnischen Aktiengesellschaft beteiligt, während die Niederlassung in Italien von der italienischen Regierung beschlagnahmt wurde.

Als am 10. Januar 1920 der Direktor und geheime Kommerzienrat Dr. h.c. Robert Sinner seinen 70. Geburtstag feierte, war die Sinner AG, trotz der Verluste der ausländischen Unternehmen, zu einem imposanten Großunternehmen angewachsen. Mehr als 200 Beamte und 1.200 Arbeiter wurden in den Werken und Filialen der Gesellschaft beschäftigt. Diese Zahl von Beschäftigten ist um so bemerkenswerter, da die verschiedenen Betriebszweige maschinell gut ausgestattet waren. Der 1883 mit einer Million Mark angegebene Umsatz steigerte sich bis 1920 auf 30 Millionen Mark. Die Inhaber der Firma Sinner kümmerten sich auch um die sozialen Belange ihrer Beschäftigten. Sinner hatte eine eigene, für die Mitarbeiter günstige Krankenkasse. Die Fabriksparkasse ermöglichte es den Werksangehörigen, ihre Ersparnisse vorteilhaft anzulegen. Darüber hinaus erfolgte die Zahlung von Unterstützungen und Pensionen. Die Verbundenheit der Beschäftigten der Gesellschaft Sinner zur damaligen Zeit fand ihren Ausdruck auch in einer Glückwunsch­ und Ergebenheitsadresse an Dr. Robert Sinner zu seinem 70. Geburtstag. Diese Glückwunschadresse wurde gemeinsam von den Beschäftigten, vom Aufsichtsrat und der Direktion verfasst. Das vom Graphiker, Kunstgewerbler und Maler Alfred Kusche (1884 –1984) ausgeschmückte Dokument hat einen Anhang von insgesamt 20 Blättern, auf denen 1054 Beschäftigte der Firma Sinner von vielen Niederlassungen, davon aus Grünwinkel 818 Mitarbeiter, eigenhändig unterschrieben haben.

Glückwunschadresse der Betriebsangehörigen an Dr. Robert Sinner zum 70. Geburtstag.

In der Festschrift zum 70. Geburtstag des Unternehmensleiters wurden folgende Unternehmenszweige vorgestellt:

  • Preßhefefabriken und Spiritus­Brennereien in Grünwinkel, Durmersheim, Käfertal (1906 abgebrannt), Luban bei Posen, Groß­Massow in Pommern, Augenstein in der Schweiz und in Sesto San Giovanni bei Mailand;
  • Brauerei in Grünwinkel;
  • Melassebrennereien in Grünwinkel und Neuhaldensleben bei Magdeburg;
  • Spiritusraffinerien in Stettin und Danzig­Neufahrwasser;
  • Großmühle mit Silo in Grünwinkel;
  • Mälzerei in Grünwinkel;
  • Nährmittelfabriken in Grünwinkel, Neuhaldensleben bei Magdeburg und Ludwigshafen am Rhein;
  • Marmeladefabrik in Grünwinkel;
  • Protol­Fabrik in Grünwinkel;
  • Futterhefe­Fabrik in Grünwinkel;
  • Speisenwürze­Fabrik in Grünwinkel;
  • Haferflockenfabrik in Grünwinkel;
  • Stärke­Fabrik in Grünwinkel.

Am 24. Februar 1920 änderte die Firma ihren Namen und trat künftig als „Sinner AG“ auf. An der Spitze des Unternehmens standen als Generaldirektor Robert Sinner, dessen Sohn Rudolf als stellvertretender Generaldirektor, drei Direktoren und vier stellvertretende Direktoren. Verkaufsfilialen unterhielt die Firma in Frankfurt a.M., München, Pforzheim, Mannheim, Stuttgart und Saarbrücken.

Um die Eigenversorgung komplett zu machen, wurde 1922 zur Belieferung der verschiedenen Betriebe eine Glasfabrik zur Flaschenproduktion errichtet. Das Bestreben, das Gesamtunternehmen weitgehend autark betreiben zu können, zeigt die Unterhaltung einer eigenen Druckerei für die Fertigung von Verpackungen und Drucksachen. Um diese Zeit sorgten 14 Dampfkessel für die notwendige Prozesswärme und die elektrische Energie. Für die Zollabfertigung war ein Steueramt eingerichtet, das nur für die Sinner AG zuständig war. Selbst das Anfang der 1970er Jahre abgerissene Postamt aus dem Jahre 1852 war im Eigentum der Gesellschaft. Am 20. März 1932 starb Geheimrat Robert Sinner, der von seiner Belegschaft hochgeachtet und von Staat und Wirtschaft mit vielen Ehrungen bedacht worden war. Nachdem nahezu 47 Jahre lang Robert Sinner an der Spitze des Unternehmens stand, übernahm nach seinem Tode sein Sohn Rudolf die Leitung des Unternehmens. Nach Überwindung der dem Börsencrash von 1929 folgen­ den Weltwirtschaftskrise und deren Folgen wurde durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 die wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung jäh unterbrochen. Viele Betriebsangehörige mussten als Soldaten zur Wehrmacht. Die Rohstoffe wurden knapp und rationalisiert. Hinzu kamen Schäden durch die Kriegseinwirkungen. Die Fabrikanlagen wurden bereits beim ersten Luftangriff 1941 auf Karlsruhe getroffen. Schwere Schäden entstanden 1944, als die Nährmittelfabrik völlig zerstört wurde und die Mälzerei zu 60% in Trümmern lag. Zur Fabrik und zum Hofgut Groß­Massow war die Verbindung abgebrochen. Diese Betriebe konnten nur noch sehr stark eingeschränkt arbeiten. Völlig zum Erliegen kam der Grünwinkler Betrieb am 4. April 1945, als Karlsruhe von französischen Truppen besetzt wurde. Nach nur zehn Tagen konnte die Produktion der Hefe wieder aufgenommen werden, und nach zwei Monaten konnte in der Brauerei ein Ersatzgetränk hergestellt werden. Laut Geschäftsbericht von 1945 betrugen die Kriegsschäden 6.730.000 Reichsmark.

Eine Besserung in der wirtschaftlichen Entwicklung brachte die Währungsreform am 21. Juni 1948. In der DM­Eröffnungsbilanz wurden die Besitzungen und Beteiligungen in Groß­Massow, an den Baltischen Spritwerken AG in Danzig­Neufahrwasser und der Hefefabrik Luban abgeschrieben. Das Grundkapital wurde mit 4.800.000 DM angegeben.

 

Entwicklungen in der Nachkriegszeit bis zur Einstellung der Produktion

Am 24. Juni 1950 starb Rudolf Sinner. Als neuer Vorstandsvorsitzender wurde Heinz von Rotteck 4 berufen. Mit Robert Sinner ist 1952 ein weiterer Nachfahre des Firmengründers in den Vorstand aufgenommen worden. 1964 wurde Dr. Rudolf Sinner in den Vorstand berufen. Neben der Beseitigung der Kriegsschäden wurde auch die Modernisierung der Anlagen in Angriff genommen. Außer der Hefeproduktion und der Brauerei nahm die Weinbrennerei einen starken Aufschwung. Anfang der 1950er Jahre produzierten die Betriebe der AG: Presshefe, Rohbranntwein, Bier, Mineralwasser und Limonade, Liköre sowie andere Spirituosen, Backhilfsmittel, Pudding­, Eis­, Creme­ und Backpulver sowie Vanillinzucker. Außerdem gehörten eine Monopol­Spiritus­Vertriebsstelle und eine Weinhandlung zur AG. Bei den Gaststätten war die Instandsetzung in vollem Gange. Nach größeren Renovierungen im „Sinner­ Eck“ in Baden­Baden im Jahr 1961 war der Hauptausschank der Brauerei in Karlsruhe an der Reihe. Aus städteplanerischen Gründen war der alte „Kühle Krug“ abgebrochen worden. In unmittelbarer Nähe im Albgrün wurde 1970/71 für sechs Mio. DM eine neue, große Gaststätte errichtet. Die Zunahme des Flaschenbieranteils führte 1964/65 zum Bau einer neuen Flaschenabfüllanlage mit einer Stundenleistung von 24.000 Flaschen. Im Geschäftsjahr 1971 wurde der Flaschenbieranteil mit 75 % angegeben. Mit dem „Sinner­Edelpils“ konnte 1967 eine neue Marke eingeführt werden, die sich gut verkaufte.

Sinner-Aktie aus dem Jahr 1926.

Sinner-Aktie aus dem Jahr 1926.

Ende 1969 erwarb „Sinner“ Anteile an der Emil Johann Köninger Rösselbrauerei KG, Kappelrodeck. Außerdem wurde in Grünwinkel die Ausstattung der Brauerei modernisiert.

Blick in die Filterreinigungsanlage.

Blick in die Filterreinigungsanlage.

Die Konzentrationsbestrebungen in der Brauindustrie gingen auch an der Sinner AG nicht vorbei. Am 2. Mai 1972 teilte die Firma Moninger mit, dass sie mehr als 50 % des Aktienkapitals übernommen habe. Vertreter der Firma Moninger traten daraufhin in den Vorstand und in den Aufsichtsrat der Sinner AG ein. Moninger übernahm damit eine Brauerei mit einem großen, ausbaufähigen Gelände. Ab dem 12. Januar 1973 übernahm Moninger die Leitung der Sinner AG. Die bisherigen Vorstände Heinz von Rotteck und Dr. Rudolf Sinner schieden aus. Robert Sinner war in der Moninger­Gruppe bis zum 31. Dezember 1976 für das Vorstandsressort Technik zuständig. Mit dem Inkrafttreten des Betriebspachtvertrages am 1. Januar 1975 wurden alle Betriebsangehörigen der Sinner AG von der Brauerei Moninger übernommen. Damit endete die über 140­jährige Geschichte der Familie Sinner als Arbeitgeber in Grünwinkel. Die Sinner AG besteht bis zum heutigen Tag, allerdings nicht mehr als Brauerei. Sie hat ihren Sitz im neuen Moninger Verwaltungsgebäude in der Zeppelinstraße. Sie betreibt folgende Geschäfte: Erwerb, Verwaltung, Verwertung und Veräußerung von Grundstücken und grundstücksgleichen Rechten einschließlich ihrer Bebauung sowie von sonstigen Vermögenswerten und die Beteiligungen an anderen Gesellschaften, insbesondere Gründstückgesellschaften. Die Gesellschaft beschäftigt kein eigenes Personal. In Aufsichtsrat und Vorstand sind leitende Persönlichkeiten der Moninger Brauerei AG vertreten.

 

Die Brauerei Moninger und ihr Weg nach Grünwinkel

Wie die Firma Sinner kann die Brauerei Moninger ihre Ursprünge bis in die Mitte des 19. Jahr­ hundert zurückverfolgen. 1856 erhielt Stephan Moninger „die Konzession zum Ausschank seines selbstgebrauten Bieres“. Innerhalb von zehn Jahren stieg der Bierausstoß von 2.000 auf 11.000 Hektoliter. Damit waren die Räume in der Waldhornstraße 23 zu klein geworden und die Brauerei verlegte ihren Sitz in die Lange Straße 142 (seit 1879 Kaiserstraße). Nachdem 1875 der Brauereigründer an den Folgen eines Unfalls starb, führte seine Witwe Marie Moninger die Geschäfte mit Unterstützung ihres ältesten Sohnes aus erster Ehe, Louis Kaufmann, bis zum Jahre 1881 fort. Danach übernahmen die Söhne Karl und Stefan Moninger das Unternehmen und überführten es in eine Offene Handelsgesellschaft. Unter ihrer Leitung wurde die Brauerei weiter ausgebaut und vergrößert. Ein Brand in der Braustätte in der Kaiserstraße sowie die Erhöhung der Produktion machten einen erneuten Umzug notwendig. Am 5. Mai 1888 wurde der erste Sud in der neuen Braustätte in der Kriegsstraße 128 –130 (später Nr. 210–216) ausgeschlagen. Die Architektur der neuen Gebäude fand über die Grenzen der Stadt hinaus Beachtung.

Die technische Entwicklung führte im Brauwesen zu deutlichen Verbesserungen. Die Erfindung der „Lind’schen Eismaschine“ 1874 brachte die Unabhängigkeit der Natureiskühlung. Die Firma Moninger konnte in der neuen Brauerei eine solche Maschine in Betrieb nehmen und leitete damit den Übergang vom Handwerksbetrieb zur industriellen Großbrauerei ein. Nun betrug die Jahresproduktion bereits 32.000 Hektoliter. Jetzt war auch der jüngste Sohn, Theodor Moninger, in die Gesellschaft eingetreten. Die drei Brüder wandelten die Firma 1889 in eine Aktiengesellschaft. Um die Jahrhundertwende überschritt die Bierproduktion erstmals die 100.000 Hektolitergrenze; Moninger war zur Großbrauerei geworden.

1912 trat mit Heinrich Moninger, dem jüngsten Sohn Stefan Moningers, die dritte Generation in das Unternehmen ein. Seit dem Jahre 1938 trägt die Firma den auch heute noch geführten Namen „Brauerei Moninger AG“. Die Brauerei Moninger konnte die schwierigen Jahre nach dem Börsenkrach 1929 und den Zweiten Weltkrieg überstehen. Mit dem 100­ jährigen Firmenjubiläum 1956 wurde erstmals wieder die Produktionsmenge aus dem   Geschäftsjahr 1928/29 mit 200.000 Hektolitern erreicht. 1967 beteiligte sich die Reemtsma­ Gruppe an der AG und übernahm 1971 mehr als 50 % des Moninger Aktienkapitals. Mit der Übernahme der Aktienmehrheit von Sinner im Jahre 1972 kam Moninger in den Besitz des Geländes in Grünwinkel von rund 140.000 m². Damit waren alle Voraussetzungen für einen betriebswirtschaftlich optimalen Standort gegeben. Die Firma Moninger nutzte die vorhandene Infrastruktur und investierte 15 Millionen DM in die Erweiterung des 1970 von Sinner installierten Strainmastersudwerkes. Nach Fertigstellung eines Produktionsneubaus mit sechsunddreißig 25 Meter hohen Tanks erfolgte die Verlagerung der Brauerei 1980 nach Grünwinkel. Damit war dieser Industriestandort im Stadtteil Grünwinkel gesichert.

In den folgenden Jahren wurde die Vollguthalle erweitert und die Flaschen­ und Fassabfüllung auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Seit 1987 gehört Moninger zur März­ Gruppe. Die Erste Kulmbacher Aktienbrauerei, Kulmbach, übernahm die Henninger Brau AG, Frankfurt, einschließlich der angeschlossenen Brauerei Moninger. Seit 1990 ist die Brauerei zu 80% im Besitz der Stuttgarter Hofbräu AG. Die Stuttgarter Hofbräu wurde 2003 ihrerseits Teil des Radeberger­Konzerns (Oetker­Gruppe). Noch heute im Jahr 2008 sind über 80 % der Anteile der Moninger AG in Besitz eines privaten Hauptaktionärs. Nach harten Jahren, die die gesamte Bierbranche durchzustehen hatte, konnte der Bierausstoß im Jahre 2005 auf 320.000 Hektoliter und 28.000 Hektoliter alkoholfreie Getränke gesteigert werden. Im Jahr 2006 feierte die Brauerei Moninger, die größte Brauerei in Karlsruhe, ihr 150. Firmenjubiläum.

Die ehemalige Gaststätte „Lokalbahn“ in Grünwinkel ist heute unter dem Namen „Brauhaus Moninger“ der Hauptausschank der Firma. Die Umgestaltung des Moninger­Areals Ecke Durmersheimer­ und Zeppelinstraße konnte durch die Eröffnung eines Einkaufzentrums mit Ladenzeile und die Einweihung des Grünwinkler Bürgerplatzes 2008 abgeschlossenen werden. Moninger hat damit gemeinsam mit der Stadt Karlsruhe einen Beitrag zur Weiterentwicklung Grünwinkels geleistet und seine Verbundenheit mit dem Stadtteil dokumentiert.

 

Exkurs: Verwaltungsgebäude Sinner /Moninger, Villa, Großmühle und Getreidesilo

Von den vielen Gebäuden auf dem Grünwinkler Firmenareal, die hauptsächlich um 1900 entstanden, sind u.a. als bemerkenswerte Bauten das Verwaltungsgebäude der Firma Sinner, das Mühlengebäude, das Getreidesilo und die Villa noch erhalten.

Das älteste, erhaltene Bauwerk ist das Wohnhaus des ehemaligen herrschaftlichen Gutshofes, das spätere Verwaltungsgebäude. Das dreigeschossige Gebäude mit Krüppelwalmdach steht traufseitig zur Durmersheimer Straße. Die zur Straße zeigende Fassade hat eine neunteilige vertikale Gliederung. Der mittlere Teil wird durch vier Pilaster, die über die beiden Obergeschosse geführt sind, hervorgehoben. Die Fenster in diesem Bereich sind im 1. OG durch schildartige Aussparungen betont. Horizontal ist die Fassade durch ein Gesims über dem Erdgeschoss gegliedert. Der Eingang, mit einem Kreissegmentabschluss, wird von zwei Pilastern eingerahmt. Der darüber befindliche Balkon wird von drei Konsolen getragen. Der Eingangsbereich ist steinsichtig ausgeführt, während das restliche Gebäude verputzt ist. Die früher vorhandenen Fensterläden sind nicht mehr angebracht. Der klassizistisch wirkende Bau strahlt eine schlichte, vornehme Eleganz aus. Vor dem Eingangsbereich befindet sich das 1922 errichtete Denkmal für die gefallenen Mitarbeiter der Firma Sinner .

Unmittelbar neben dem früheren Verwaltungsgebäude befindet sich ein Wohngebäude, das als Villa bezeichnet werden kann. Auf einem quadratischen Grundriss wurde ein 2 ½­stöckiges Gebäude errichtet, welches zwei Frontseiten aufweist. Eine Schauseite zeigt zur Durmersheimer Straße, die andere ist zum Verwaltungsgebäude hin gerichtet. Bei dieser Fassade dominiert der Haupteingang, während die andere Schaufassade durch einen tiefen Resaliten geprägt ist. Die beiden Schauseiten haben einen Sockel aus regelmäßig bearbeiteten Sandsteinen. Die Oberfläche des darüber befindlichen Mauerwerks ist im Erdgeschoss durch horizontale Nuten im Verputz aufgelockert. Der Putz im Obergeschoss ist glatt ausgeführt. Das Erdgeschoss und das Obergeschoss sind durch ein Gurtgesims horizontal gegliedert. Diese Gliederung der Fassaden wird durch ein unterhalb der Obergeschoss­Fenster umlaufendes Band verstärkt. Ein aus antiken Elementen bestehendes Hauptgesims bildet den Abschluss. Im Mansardendach ist ein Mezzaningeschoss untergebracht. Die Fenster im Erdgeschoss sind ohne Verdachung ausgeführt. Im Obergeschoss besteht die Verdachung aus einem Architrav, der von zwei Kragsteinen getragen wird. Unterhalb der Fenster im Obergeschoss sind geometrische Ornamente als schmückende Elemente vorhanden.

Die beiden anderen Seiten weisen weniger gliedernde Elemente auf. Die von der Straße abgewandte Seite wird durch einen Risaliten betont. Dort befindet sich ein weiterer Eingang, der früher von den Dienstboten benutzt wurde. Diese Fassade hat eine Unsymmetrie, die sich durch das Treppenhaus, die Eingangstür und die Fensterteilung ergibt. Die zur Hopfenstraße weisende Fassade ist sehr schlicht gehalten und nimmt die Symmetrie der Hauptfassaden auf. Die Architektur des repräsentativen Wohnhauses folgt den Regeln der Palazzibauten, unter Verzicht auf ein „Sockel“­Geschoss. Als Vorbild haben Baumeister und Bauherr Bürgerhäuser der französischen Klassik des 17. Jahrhunderts gewählt.

die markanten Bauwerke an der Ostseite der Durmersheimer Straße. Von rechts: die ehemalige villa, das 2008 leerstehende Verwaltungsgebäude und die frühere Getreidemühle, in der heute unter anderem der Polizeiposten untergebracht ist.

Die markanten Bauwerke an der Ostseite der Durmersheimer Straße. Von rechts: die ehemalige Villa, das 2008 leerstehende Verwaltungsgebäude und die frühere Getreidemühle, in der heute unter anderem der Polizeiposten untergebracht ist.

Mit dem Mühlengebäude ist ein interessantes Bauwerk erhalten geblieben. Die Mühle wurde zwischen 1891 und 1893 von Gottfried Zinser errichtet. Das ansprechende Bauwerk zeigt die zunehmende Bedeutung von Fabrikbauten in der Architektur und zeugt vom finanziellen Wohlstand der Firma Sinner. Nur auf den ersten Blick ist eine entfernte Ähnlichkeit mit der von Karl Friedrich Schinkel 1833–1836 (zerstört 1945) in Berlin erbauten Bauakademie gegeben. Das sieben Stockwerke hohe Haus ruht auf einem Natursteinstockwerk. Die restlichen Geschosse sind in Ziegelmauerwerk ausgeführt. Die Hauptfassade ist die nach Westen, zur Durmersheimer Straße, gerichtete Seite. Ursprünglich war der Bau symmetrisch aufgebaut. Zwei risalitartig vorspringende Seitenriegel mit zwei Fensterreihen und einem getreppten Giebel rahmten einen Mittelbau mit sieben Fensterreihen ein. Heute ist diese Symmetrie zerstört, nachdem bei einem Brand 1957 ein Teil des Gebäudes stark beschädigt und danach vereinfacht wieder aufgebaut wurde. Zinser gliederte die Fassade, in dem er jeweils zwei Geschosse durch Gesimse trennte. Die übereinanderliegenden Zwillingsfenster sind mit Überfangbogen zusammengefasst und durch Pilaster begrenzt. Das oberste Stockwerk hat höhere Fenster und jeweils zusätzlich ein kleines Rundfenster. Die farbliche Auflockerung der Fassade erfolgt durch die Verwendung von hellem Sandstein für Gesimse, Fensterbänke, Fensterecken und für das Eckmauerwerk der Seitenrisalite. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude ist mustergültig restauriert. Vorübergehend nutzten die Staatliche Hochschule für Gestaltung (HfG) und das Landes­ denkmalamt das Gebäude.

Monumentale historische Gebäude erinnern heute noch an die Blütezeit der Sinner AG. Blick von der neuen Grünwinkler Mitte auf das Silogebäude und die (rote) Mühle im Hintergrund.

Monumentale historische Gebäude erinnern heute noch an die Blütezeit der Sinner AG. Blick von der neuen Grünwinkler Mitte auf das Silogebäude und die (rote) Mühle im Hintergrund.

Neben dem Mühlengebäude befindet sich der 1910/11 errichtete Getreidespeicher. Bis auf zwei Anbauten zeigt er sich noch heute in seinem Originalzustand. In Eisenbeton­Bauweise errichtet, diente das Silo der Lagerung von Getreide. Das nach drei Seiten nahezu fensterlose Bauwerk wird in diesem Bereich vertikal durch Halbsäulen, horizontal durch ein Gesims über dem Erdgeschoss und ein dachförmiges Gesims gegliedert. Darüber befindet sich ein Dachgeschoss mit Mansardendach. Auf einem rechteckigen Grundriss erstellt, zeigt es trotz der Verwendung als einfaches Silo eine optisch gelungene Gliederung des massiven Baukörpers.