Audio

gesprochen von Markus Kambeck

Turn- und Sportverein Grünwinkel 1862 e. V.

Die Betrachtung der Geschichte der Grünwinkler Turn- und Sportvereine führt zu der Erkenntnis: Am Anfang war das Turnen! Der Turn- und Sportverein Grünwinkel 1862 (TSV) ist der mit Abstand älteste und bis heute mit- gliederstärkste Sportverein des Stadtteils. Die Geschichte des TSV ist bis in die Gegenwart sehr gut dokumentiert, weil der Verein anlässlich von Jubiläen bzw. bei besonderen Ereignissen jeweils Festschriften aufgelegt hat. Nach den Überlieferungen wurde im Zuge der nach der Aufhebung der Turnsperre allgemeinen vorherrschenden Turnbegeisterung der Verein als „Turngemeinde“ von einigen jungen Männern am 29. März 1862 gegründet. Bei der Gründung setzte sich der Verein aus 24 ordentlichen Mitgliedern, einem Turnfreund und zwei Zöglingen (Jugendliche) zusammen. Die damals noch notwendige Genehmigung für die Vereinsgründung durch das Großherzogliche Landamt wurde problemlos erteilt. Noch im Gründungsjahr erfolgte die Umbenennung in „Turnverein“. Ebenfalls im Gründungsjahr wurde der allseits „geehrte“ Georg Sinner zum 1. Vorsitzenden gewählt. Geturnt wurde in den Sommermonaten auf einem abgegrenzten Platz hinter dem damaligen Schulhaus in der Landstraße Nr. 1, heute etwa Durmersheimer Straße 45. Für den Winterbetrieb stellte auf Veranlassung von Georg Sinner die „Gesellschaft Sinner“ einen nicht beheizbaren Schuppen zur Verfügung. Später wurde der Winter-Turnbetrieb gegen eine entsprechende Mietzahlung in den Tanzsaal des Gasthauses „Zur Rose“ verlegt.

 

Erste vereinseigene Turnhalle in der Region

Entsprechend der positiven Entwicklung nahmen Grünwinkler Turner bereits 1863 am 2. Oberrheinischen Bundesturnfest in Pforzheim teil. Im gleichen Jahr erfolgte der Beitritt zum Oberrheinischen Turnerbund. 1865 übernahm Julius Sinner von Georg Sinner den Vereinsvorsitz. Gleichzeitig stellte die Fa. Sinner dem Verein das Gelände für einen Turnplatz zur Verfügung. Auf diesem Areal befindet sich noch heute die Vereinsanlage. Die politischen Ereignisse im Zeitraum vom „Deutschen Krieg“ 1866 bis zum Ende des „Deutsch-Französischen Krieges“ 1870/71 wirkten sich wenig förderlich auf das Vereinsgeschehen aus. Mit dem Stiftungsfest 1872, verbunden mit der Weihe einer neuen Vereinsfahne, wurde ein Aufwärtstrend eingeleitet. Durch die Ausbildung von neuen Vorturnern, durch die regelmäßige Teilnahme an Turnfesten, durch die Durchführung zahlreicher geselliger Veranstaltungen nahm der Verein einen beachtlichen Aufschwung. Das 25-jährige Bestehen am 4. September 1887 wurde zu einem feierlichen Ereignis für die gesamte Gemeinde.

Der Gesamtturnrat im Jubeljahr 1912.

Ein bedeutungsvolles Vorhaben wurde in der Turnratssitzung am 8. November 1890 beschlossen: Der Verein entschied sich, eine Turnhalle zu bauen. In den Folgejahren war das Vereinsgeschehen von der Realisierung dieses Vorhabens geprägt. Am 16. Juli 1893 war dann der wohl bedeutendste Tag des Vereins: Unter Mitwirkung aller örtlichen Vereine wurde die neue Turnhalle eingeweiht. Interessant ist der überlieferte Finanzierungsplan. Die Baukosten für die Turnhalle beliefen sich auf insgesamt 3.500 Mark. Als Eigenmittel brachte der Verein 750 Mark auf. Die Familie Sinner stellte den Bauplatz zur Verfügung und leistete einen Barzuschuss von 500 Mark. Die Gemeinde gewährte einen Zuschuss von 600 Mark. Die Deutsche Turnerschaft bewilligte aus einer Stiftung 500 Mark. Ein Preiskegeln erbrachte 170 Mark, eine allgemeine Sammlung in der Gemeinde erzielte ein Ergebnis von 200 Mark. Den noch verbleibenden Restbetrag finanzierte der Verein durch ein Darlehen. Der Grünwinkler Turnverein war der erste in der gesamten Region, dem es gelungen war, eine vereinseigene Turnhalle zu bauen.

Die vereinseigene Turnhalle des TSV Grünwinkel wenige Jahre nach ihrer Fertigstellung, etwa um 1900.

Die vereinseigene Turnhalle des TSV Grünwinkel wenige Jahre nach ihrer Fertigstellung, etwa um 1900.

Die neue Turnhalle wirkte sich äußerst vorteilhaft aus. Die Mitgliederzahl stieg, die Beteiligung an auswärtigen Turnfesten nahm ebenfalls stetig zu, gesellige Veranstaltungen gestalteten sich zu Höhepunkten des Vereinslebens. 1907 traten erstmals Turnerinnen in Erscheinung, die am 31. August anlässlich der 45-Jahr-Feier des Vereins im großen Saal des „Kühlen Krug“ sich der Öffentlichkeit mit einer Keulenübung präsentierten. Es sollten allerdings noch vier Jahre vergehen, ehe eine offizielle Damenturnabteilung im Verein gegründet wurde. In Karlsruhe wurde Frauenturnen seit 1897 betrieben. Die sich in jener Zeit ausbreitende Spielbewegung führte zu einer Ausweitung des fachlichen Angebotes. Diverse Turnspiele, wie allgemeine Bewegungsspiele, Barlauf, Trommelball, Faustball und Schlagball, ergänzten fortan den Übungsbetrieb im Geräteturnen. Gegen jeden Widerstand großer Teile des Turnrates wurde 1908 sogar eine Fußballabteilung gegründet, die jedoch nicht allzulange im Verein existierte.

Mit einem dreitägigen Fest vom 31. August bis 2. September wurde 1912 der 50. Geburtstag im großen Stil begangen. Protektor des Festes war Kommerzienrat Robert Sinner, eine neue Fahne war von Ehrenmitglied Direktor a. D. Julius Sinner aus diesem Anlass gestiftet worden. In den 50 Jahren des Bestehens war die Mitgliederzahl von ursprünglich 27 auf 200 angewachsen.

Wie in allen Lebensbereichen brachte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 für den Verein einschneidende Veränderungen. Der Turnbetrieb kam nahezu vollständig zum Erliegen, der Turnplatz wurde zeitweilig zur Ausbildung von Rekruten genutzt, in der Turnhalle wurden Kriegsgefangene untergebracht. 27 Turner des Vereins mussten ihr meist noch junges Leben im Krieg lassen. Es bedurfte beträchtlicher Anstrengungen der damaligen Verantwortlichen, den Vereinsbetrieb in den Jahren nach 1918 unter allgemein schwierigen Lebensbedingungen wieder zu aktivieren. Dessenungeachtet beteiligten sich bald wieder Grünwinkler Turnerinnen und Turner an Gau- und Landesturnfesten sowie an den Deutschen Turnfesten.

Die aktiven Turner des TSV Grünwinkel in den 1920er Jahren.

Die aktiven Turner des TSV Grünwinkel in den 1920er Jahren.

 

Erfolgreiche Grünwinkler Handballspieler

Eine wesentliche Ausweitung und auch Aufwertung erfuhr in den 1920er Jahren innerhalb der gesamten Turnerschaft die Spielbewegung. Neben Faustball wurde im TSV 1928 eine Handballabteilung gegründet. Das erforderliche Gelände für ein Spielfeld, das auch heute noch Bestandteil der Vereinsanlage ist, stellte die Fa. Sinner uneigennützig zur Verfügung. Handball war, wie bei vielen anderen Turnvereinen, in Grünwinkel bald sehr beliebt. Der kontinuierlich sportliche Erfolg gipfelte in dem 1939 erreichten Aufstieg in die Gauliga, der damals höchsten Spielklasse.

Die Handballmannschaften des TSV Grünwinkel 1935

Die Handballmannschaften des TSV Grünwinkel 1935

Das 75-jährige Vereinsjubiläum 1937 stand im Zeichen der Umbenennung des Vereins in „Bund für Leibesübungen“. Dies ist eher ungewöhnlich, da eine Vielzahl von Turnvereinen während der NS-Zeit ihren traditionellen Namen beibehielt. In Grünwinkel sorgte der Vereinsvorsitzende, der zugleich Leiter der NSDAP-Orstgruppe war, für diese Umbenennung im Geiste der NS-Ideologie.

Turner des TSV Grünwinkel beim Landesturnfest 1957 in Mannheim.

Turner des TSV Grünwinkel beim Landesturnfest 1957 in Mannheim.

Ähnlich wie der Erste Weltkrieg beeinträchtigte der Kriegsausbruch 1939 das Vereinsgeschehen einschneidend. Der Turn- und Sportbetrieb musste weitgehend eingestellt werden, die Vereinsmitglieder hatten mit der Fortdauer des Krieges mit existentiellen Nöten zu kämpfen. Durch den Krieg verlor der Verein 50 Mitglieder und erlitt dazu große materielle Schäden. Zwar stand bei Kriegsende die vereinseigene Turnhalle noch, doch war diese von französischem Militär besetzt. Nach dessen Abzug im Spätjahr 1945 fand der sich inzwischen unter seinem alten Namen wieder gegründete TSV eine gänzlich geplünderte Turnhalle vor. Trotz aller zeitbedingten Schwierigkeiten wurde der Turnbetrieb alsbald aufgenommen, ebenfalls fanden sich die Handballspieler wieder zusammen und knüpften rasch an die Vorkriegserfolge an. Die Grünwinkler Fußballspieler sammelten sich nach Kriegsende zunächst als Abteilung im TSV, ehe sie 1947 wieder ihren einstigen Fußballverein gründeten.

Mit einer Sportwoche vom 21. bis 28. Juli mit Turn- und Leichtahtletikwettbewerben, mit einem Handballturnier und vereinsinternen Ringtenniswettkämpfen wurde 1952 das 90-jährige Jubiläum gefeiert. Die Handballabteilung beteiligte sich mit mehreren Mannschaften am Spielbetrieb, hatte zwischendurch jedoch auch mit vereinsinternen Problemen zu kämpfen. Das 95. Jubiläum wurde 1957 mit der Gedenksteinenthüllung und Fahnenweihe am 29. Juni sowie einer Sportwoche vom 8. bis 15. Juli gefeiert. Von einer Reihe sportlicher und geselliger Veranstaltungen war das 100-jährige Jubiläum 1962 geprägt. Sportlich herausragend die Handball-Begegnung zwischen den Kreisauswahlen von Karlsruhe und Offenburg.

 

Hochburg im Indiaca

Einer großen Kraftanstrengung des Vereins bedurfte es, um in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Turnhalle zu sanieren, das Vereinsheim auszubauen, die Umkleide- und Sanitärräume zu erweitern und eine Zentralheizung für alle Räume zu installieren. Das Turn- und Sportangebot wurde den veränderten Bedürfnissen der Bevölkerung angepasst. Zur Verärgerung des FV Grünwinkel gab es von 1971–1974 sogar eine Fußballabteilung im TSV, die sich an den Verbandsspielen beteiligte. Einen schweren personellen Verlust erlitt der Verein durch den Unfalltod seines verdienten Oberturnwartes Max Lörracher am 14. August 1973. Eine unheilvolle Nachricht erreichte den Verein am 19. März 1983: Im Vereinsheim war ein Feuer ausgebrochen. Dieses brannte bis auf die Grundmauern ab. Auch die Turnhalle wurde durch den Brand schwer in Mitleidenschaft gezogen. Durch eine große Energieleistung der Vorstandschaft und vieler Mitglieder konnten die umfangreichen Schäden innerhalb von nur drei Monaten beseitigt werden.

Den größten Vereinserfolg des TSV Grünwinkel erreichten die Indiaca-Spielerinnen und -Spieler im august 2006 in Estland.

Den größten Vereinserfolg des TSV Grünwinkel erreichten die Indiaca-Spielerinnen und -Spieler im august 2006 in Estland.

In sportfachlicher Hinsicht war in jenen Jahren der Niedergang der traditionsreichen und einst so erfolgreichen Handballabteilung zu beklagen. Wiederholte Versuche der jeweils amtierenden Vorstandschaften, Handball im Verein wieder zu etablieren, blieben auf Dauer gesehen ohne Erfolg. Dafür rückte in den vergangenen Dekaden der Vereinsgeschichte die 1979 gegründete Indiaca-Abteilung immer mehr in den Blickpunkt. Der TSV zählt zweifelsohne zu den Pionieren dieser Sportart in Deutschland. Zahllose nationale und in jüngster Zeit auch internationale Erfolge verschafften Grünwinkel über die Grenzen der Bundesrepublik hinweg den Ruf einer absoluten Indiaca-Hochburg.

Indiaca ist ein athletisches Mannschaftsspiel.

Indiaca ist ein athletisches Mannschaftsspiel.

Auch die 1991 gegründete Boule-Abteilung hat sich ausgezeichnet entwickelt, was durch Teilnahme an den Verbandsrunden und durch zahlreiche Turnier-Besuche bzw. der Veranstaltung von eigenen Turnieren dokumentiert wird. Insgesamt unterhält der TSV mit seinen 611 Mitgliedern (Stand 2007) ein breitgefächertes turnerisches Angebot und verfügt mit der nach wie vor vereinseigenen Turnhalle einschließlich der Freianlagen über zentral gelegene Sportstätten.

Als mit Abstand mitgliederstärkster Sportverein in Grünwinkel hat der TSV einen besonderen Stellenwert im Netzwerk der Vereinslandschaft des Stadtteils. Der Verein wurde auch dadurch bekannt bzw. mehrte sein Ansehen, weil Vereinsmitglieder sich erfolgreich in Fachverbänden engagierten. Der langjährige Vorsitzende und spätere Ehrenvorsitzende des Badischen Turner-Bundes Nord, Otto Landhäußer, stammte aus einer bekannten Grünwinkler Turnfamilie. Sein Vater Georg war von 1887 – 1900 Vorsitzender des Vereins. Hans Rothmund wirkte längere Zeit als Fachwart im Karlsruher Turngau. Paul Gremmelmaier, bekannt als Schiedsrichter und viele Jahre Vorsitzender des Handballkreises Karlsruhe, hatte seine sportliche Heimat ebenfalls im TSV. Diese Tradition der inzwischen verstorbenen verdienstvollen Grünwinkler Sport-Funktionäre wird derzeit von Michael Späth fortgesetzt, der als Landesfachwart für Indiaca im Badischen Turner-Bund für seine Sportart vielerlei Akzente setzt. Für Kontinuität in der Vereinsleitung sorgt Helmut Bauer. Er, einer der Mitbegründer der erfolgreichen Indiaca-Abteilung, amtiert ununterbrochen seit März 1992 als engagierter Vereinsvorsitzender. Sein Wirken hat maßgeblich zum heutigen Profil und zur gegenwärtigen Bedeutung des TSV beigetragen.