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gesprochen von Markus Kambeck

Das Kriegerdenkmal der Grünwinkler

 1928 unterrichtete der Bürgerverein Karlsruhe­ Grünwinkel die Stadt von dem Vorhaben, für die im Krieg gefallenen Mitbürger ein Denkmal errichten zu wollen. Er bat die Stadtverwaltung, sie möge einen geeigneten Platz zur Verfügung stellen. Hierauf schlug der Stadtrat am 13. September 1928 dem Bürgerverein Grünwinkel einen Standort im Albgrün auf dem Hochgestade in der Nähe der kleinen Kapelle mit Blick auf den alten Dorfkern vor. Der Platz sollte dem Denkmal eine stimmungsvolle Ausgestaltung geben, zumal ein besser geeigneter Denkmalplatz entlang der Durmersheimer Straße kaum zu finden war. Ein Teil der Bürgerschaft war mit diesem außerhalb des Ortes liegenden Standort nicht einverstanden und wollte einen im Ort zentral liegenden Standort. Aus den Reihen des Bürgervereins bildete sich ein Ausschuss, der die Interessen der Bürgerinnen und Bürger Grünwinkels vertrat. Trotz langwieriger Verhandlungen gelang es dem Denkmalausschuss nicht, den Gemeinderat für einen anderen Standort zu gewinnen. So wurde am 7. Februar 1930 der von der Stadtverwaltung vorgeschlagene Standort im Albgrün am Rande des Hochgestades, vorerst ohne nähere Platzierungsangaben, mit Zustimmung des Denkmalausschusses verbindlich festgelegt. Der Denkmalausschuss vergab darauf den Auftrag für das Kriegerdenkmal direkt an den Bildhauer August Meyerhuber. Die Finanzierung wurde zum kleineren Teil durch den Erlös von den zu diesem Zweck veranstalteten Volksfesten der Grünwinkler Bürger und zum weitaus größeren Teil von der ansässigen Firma Sinner AG getragen. Nachdem die Frage der Finanzierung geklärt, der Entwurf Meyerhubers vom Bürgerverein zur Ausführung bestimmt war und es damit eine genaue Vorstellung über das Aussehen des Denkmals gab, begannen die Überlegungen zur genauen Platzierung. Bei der Ortsbestimmung, an der Vertreter des Denkmalausschusses, des Gartenbauamts und der „Landesberatungsstelle für Kriegerehrung“ teilnahmen, einigten sich die Teilnehmer auf den freien Platz am Rande des Hochgestades, nur 100 Meter von der kleinen Kapelle entfernt. Um die schönste Stelle herauszufinden, bediente man sich sogar eines maßstabgetreuen Lattengerüstes.

Das von Meyerhuber gestaltete Denkmal fügt sich in seiner Schlichtheit in die Landschaft der Auenwiese ein. Frei, von einzelnen Bäumen umgeben, steht auf einem sehr wuchtigen zweistufigen Sockel eine 2,40 Meter hohe Säule aus grauem Muschelkalk. Die Rückseite schmückt das Relief eines zur Erde zeigenden Schwertes, die Wehrhaftigkeit darstellend. Auf den beiden Seiten sind die Namen der 76 im Krieg gefallenen Grünwinkler Bürger unter dem Eisernen Kreuz nach Kriegsjahren alphabetisch geordnet eingemeißelt. Die Vorderseite, mit Blick über die Alb hinweg zum alten Dorfkern, ziert auf ausdrücklichen Wunsch des Denkmalausschusses das Relief einer stehenden Frauengestalt in einem antiken Gewand, mit einem Zweig in der erhobenen rechten Hand. „Sie wurde als Verkörperung der Heimat gedeutet, die in Trauer versunken grüßend zur Erde sich neigt, doch heroisch den Schmerz tragend einen Eichenzweig den gefallenen Helden niederlegt.“

Das Kriegerdenkmal bei der Albkapelle.

Das Kriegerdenkmal bei der Albkapelle.

Auf der Vorderseite des Sockels sind die Worte eingemeißelt: „Unseren im Weltkrieg Gefallenen. Der Stadtteil Grünwinkel“ und auf der Rückseite: „Für Heimat und Vaterland“.

Das Denkmal selbst hat Meyerhuber schon ganz im Stile der „neuen Sachlichkeit“ konzipiert. Eine Stele auf einem wuchtigen, zweistufigen Sockel mit einem Flachrelief auf der Vorder­ und Rückseite. Diese beiden Bildnisse: die Frauengestalt mit dem fließenden Gewand und das mit Pflanzenranken hinterlegte Schwert zeigen aber auch noch deutliche Merkmale des Jugendstils.

Gegenüber den Denkmälern von 1870/71, die noch ganz im Stile des Historismus, mit ihren allegorischen Figurengruppen eine überhöhte Heldenverehrung ausdrückten, war das Kriegerdenkmal auf dem Hochgestade eine schlichte Steinsäule auf einem Sockel in einer naturbelassenen Auenwiese etwas Besonderes in der damaligen Denkmalkultur.

Unter großer Anteilnahme der Einwohner von Grünwinkel, den Honoratioren der Stadt, dem Generaldirektor Rudolf Sinner und Direktor Major a.D. Gustav Stoffleth von der Sinner AG, fand am 18. September 1932 die Einweihung des Denkmals statt. Pfarrkurat Kern und Pfarrvikar Kopp hielten die Gedenkreden.

Oberbürgermeister Julius Finter sicherte die weitere Pflege der Gedenkstätte durch die Stadt­ verwaltung zu. Das Gartenbauamt hatte wohl die nähere Umgebung hergerichtet, aber die weitere Gestaltung aus finanziellen Gründen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Gedacht war hierbei an eine weitläufige Anlage mit Baumbepflanzung und einer Freitreppe, die den Uferbereich mit dem Hochgestade verbinden sollte.

Die beiden Denkmäler zu Ehren der im Ersten Weltkrieg gefallenen Mitbürger von Grünwinkel und der Mitarbeiter der Sinner AG, errichtet in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhundert, erinnern uns an den Geist der damaligen Zeit, an das nationale Empfinden und den Patriotismus der Bevölkerung – trotz oder wegen des verlorenen Krieges. Die Symbolhaftigkeit der beiden Denkmäler, der Helm auf dem Sockel des Sinnerdenkmals oder das Schwert am Grünwinkler Denkmal, sind ganz davon geprägt, dem auf dem Schlachtfeld gefallenen Krieger, der die Heimat verteidigte, zu ehren, was durch die Inschriften auf den Sockeln noch besonders hervorgehoben wird. Die sich zur Erde neigende Frauengestalt versinnbildlicht die Trauer der Lebenden für die Toten. Jeder Name der in den Seiten eingemeißelten Gefallenen erinnert an einen Menschen, der im Ort, im Kreis seiner Familie oder in der Firma, inmitten seiner Arbeitskollegen gelebt hat.

In der Albkapelle befinden sich diese beiden Holztafeln mit den Namen der Gefallenen des Zweiten Weltkrieges aus Grünwinkel (rechts). Die Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen des Ersten Weltkrieges verzeichet auch die Gefallenen der Heimatfront des Zweiten Weltkrieges.

In der Albkapelle befinden sich diese beiden Holztafeln mit den Namen der Gefallenen des Zweiten Weltkrieges aus Grünwinkel (rechts). Die Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen des Ersten Weltkrieges verzeichet auch die Gefallenen der Heimatfront des Zweiten Weltkrieges.

So gesehen sind Kriegerdenkmäler nicht mehr nur Erinnerungsstätten an heroische Kriege, sondern seit dem Kriege 1870/71 auch Gedenkstätten für jeden einzeln erwähnten Soldaten, der dafür sein Leben hingab. Bei der Genehmigung des Standorts für das Grünwinkler Kriegerdenkmal registrierten Stadtrat und Baukommission mit Befremdung, dass trotz des großen, für die ganze Stadt Karlsruhe bestimmten Kriegerdenkmals auf dem Hauptfriedhof jeder Vorort sein besonderes Denkmal errichten wolle. Dabei blieb allerdings unbeachtet, dass die Bürger der Vororte, die erst seit einigen Jahren in die Stadt eingemeindet wurden und zu deren Ehrenfriedhof keinen Bezug hatten, ihre gefallenen Mitbürger eine eigene Gedenkstätte errichten wollten.

1956 griff der Bürgerverein nochmals die Idee auf, in Verbindung mit der Errichtung eines Denkmals für die Opfer des Zweiten Weltkrieges die geplante Albuferanlage zu errichten. Auch dieses Projekt scheiterte aus Kostengründen. Aber vergessen wurden die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs von den Grünwinkler Bürgern trotzdem nicht. Die Gefallenen fanden auf Initiative des Grünwinkler Pfarrers Theodor Söhner im Innenraum der kleinen Kapelle, nur wenige Meter vom Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges entfernt, eine würdige Gedenkstätte. Neben der aus Holz gefertigten Tafel mit den Namen der Toten des Ersten Weltkrieges wurde eine ähnlich gestaltete Tafel mit den Namen der Toten des Zweiten Weltkrieges. Nicht nachvollziehbar ist, warum auf dem Denkmal im Freien und auf der Tafel in der Kapelle die Zahl der Namen der Toten nicht übereinstimmt.

1962 sollte das Denkmal auf den Grünwinkler Friedhof verlegt werden. Der Grund war die geringe Beteiligung bei der jährlichen Gedenkfeier am Volkstrauertag. Dieses Vorhaben wurde aber dann doch aus Kostengründen nicht durchgeführt.

So steht das Denkmal zu Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg Gefallenen seit 75 Jahren weithin sichtbar unverändert am Rande des Hochgestades in einer mit Bäumen durchsetzten Auenwiese, erinnernd an einen Ehrenhain in freier Natur. Eine nach dem Ersten Weltkrieg vielerorts geplante Form von Gefallenenehrung, angeregt durch den im 19. Jahrhundert in Deutschland weit verbreiteten Germanen­ Kult. Außerdem erinnert die Wiese mit den Bäumen, dem Denkmal und der alten Kapelle an einen in der Romantik oftmals angelegten Landschaftsgarten mit Grabmälern und künstlichen historischen Ruinen.